Martin Bröckelmann-Simon
Martin Bröckelmann-Simon

01.02.2016

Misereor-Chef kritisiert EU-Migrationspolitik "Unsere Migrationsphobie breitet sich aus"

Die Abschottung der EU vor Flüchtlingen aus Mauretanien hat schon jetzt verheerende Auswirkungen in Afrika. Nach einem Besuch vor Ort berichtet der Misereor-Chef, Martin Bröckelmann-Simon, über die Lage im Nordwesten Afrikas.

KNA: Herr Bröckelmann-Simon, wie sehr ist Mauretanien von der Flüchtlingskrise betroffen?

Martin Bröckelmann-Simon (Geschäftsführer des katholischen Hilfswerks Misereor): Es gibt dort Gruppen aus verschiedenen Ländern - Malier, die vor Krieg und Terror geflohen sind. Nigerianer, die wegen Boko Haram ihre Heimat verlassen haben. Dazu Menschen aus Guinea, Senegal und anderen Staaten. Die Regierung spricht von 500.000 bis 700.000 Migranten, die sich in einem Land mit insgesamt knapp vier Millionen Einwohnern aufhalten.

KNA: Dennoch spielt das Land in den europäischen Medien kaum eine Rolle.

Bröckelmann-Simon: Das war vor zehn Jahren anders. Damals kamen viele Menschen bei dem Versuch ums Leben, in kleinen Fischerbooten den 800 Kilometer langen Seeweg zwischen Mauretanien und den Kanarischen Inseln zu überwinden. Die Bilder von Touristen, die an den kanarischen Stränden auf halb verdurstete Flüchtlinge und Migranten stießen, gingen um die Welt.

KNA: Was hat sich seither verändert?

Bröckelmann-Simon: Der Zustrom über das Meer ist zum Erliegen gekommen, weil die spanische Grenzschutzpolizei - auch im Auftrag der EU - den Zuweg systematisch abgeriegelt hat. Ein Abkommen mit der Regierung Mauretaniens hat zu ausgelagerter europäischer Grenzkontrolle auf mauretanischem Boden geführt. Bis heute patrouillieren Spaniens Sicherheitskräfte dort an der Küste, aber auch zu Wasser und in der Luft. Die Not der Betroffenen ist aber nach wie vor groß. Es wird nur nicht mehr darüber geredet, weil es keine erschütternden Bilder mehr gibt.

KNA: Wie macht sich die Not bemerkbar?

Bröckelmann-Simon: Es sind wegen der europäischen Abschottung viele Migranten in Mauretanien gestrandet. Die Menschen können weder vor noch zurück. Man kann das besonders in der Hafenstadt Nouadhibou an der Grenze zur Westsahara beobachten. Von dort aus sind früher die meisten in Richtung Kanarische Inseln aufgebrochen.

KNA: Ist es nicht auch begrüßenswert, dass in Mauretanien kaum noch Menschen in klapprigen Booten ihr Leben riskieren?

Bröckelmann-Simon: Natürlich muss das Sterben im Mittelmeer beendet werden. Das Problem ist aber, dass die schärfere Grenzsicherung letztlich nur zu einer Verlagerung des Migrationsstroms geführt hat.

Die Route hat sich geändert. Manche versuchen, über die Westsahara und Marokko weiterzukommen. Andere schlagen den Weg durch die Wüste nach Libyen ein, um von dort aus über das Mittelmeer zu gelangen. An der Anziehungskraft Europas hat sich gar nichts geändert. Das geben auch die spanischen Polizisten zu, mit denen ich gesprochen habe.

Durch diese Art von Politik lässt sich Migration nicht verhindern.

KNA: Abschottung ist aus europäischer Sicht also zwecklos?

Bröckelmann-Simon: Letztlich ja. Wer wirklich entschlossen ist weiterzugehen, der geht auch weiter. Allerdings gibt es gleichzeitig viele Gestrandete, die nicht mehr zurückkönnen oder denen die Mittel ausgegangen sind, um ihre Reise fortzusetzen. Sie führen in Mauretanien ein recht erbärmliches Leben, sodass man sich um sie kümmern muss. Auf keinen Fall dürfen wir so tun, als sei das Problem erledigt, nur weil aus der Region keine schrecklichen Bilder mehr kommen. In Wahrheit hat das nach außen verlagerte Grenzregime der EU lediglich zu einer Übertragung unserer Migrationsphobie nach Afrika geführt - mit entsprechend negativen Konsequenzen dort.

KNA: Können Sie das näher erläutern?

Bröckelmann-Simon: Die falsche Vorstellung, menschliche Mobilität sei etwas Schlechtes, Abzuwehrendes, breitet sich nun auch auf dem afrikanischen Kontinent aus. Man findet in ganz Westafrika in zunehmendem Maße eine Politik vor, die die dort seit Jahrhunderten übliche regionale Migration erschwert oder gar unmöglich macht. Das hat verheerende Auswirkungen auf die dortigen Wirtschaftskreisläufe.

Mauretanien ist dafür ein gutes Beispiel. Der Aufenthalt für Migranten wird - nicht zuletzt auf Druck der EU - fortlaufend erschwert. Mittlerweile muss etwa eine zusätzliche Aufenthaltserlaubnis gekauft werden, werden Wirtschaftssektoren für Migranten gesperrt. Es gibt massive Kontrollen. Dabei hängt Mauretanien gleichzeitig stark von der Arbeitsleistung der Migranten ab. Sie sind es, die das Fundament der Wirtschaft bilden, etwa beim Fischfang.

KNA: Wie müsste eine verantwortungsvolle Politik der EU aussehen?

Bröckelmann-Simon: Grenzüberschreitende Mobilität in Afrika muss unbedingt erhalten werden. Zugleich brauchen wir auf EU-Ebene ganz dringend ein gemeinsames Vorgehen, das legale Migrationsmöglichkeiten fördert. Obwohl dies im November beim EU-Afrika-Gipfel in Malta zugesichert wurde, erleben wir derzeit im Wesentlichen eine Konzentration auf Grenzschutz in Afrika und die Rückführung von Migranten. Von der Eröffnung legaler Migrationswege ist dagegen nichts zu sehen.

KNA: Was tut Ihre Organisation in Mauretanien, um die Not der Menschen zu lindern?

Bröckelmann-Simon: Wir unterstützen die Kirche Mauretaniens dabei, handwerkliche Ausbildung anzubieten und Erwerb zu fördern, um den Betroffenen neue Perspektiven zu eröffnen. Einige haben es dadurch bereits geschafft, trotz der schwierigen Bedingungen auf dem mauretanischen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Sie haben nun ihr eigenes Auskommen und wollen nicht mehr nach Europa.

Das Interview führte Alexander Pitz

(KNA)

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