Saleh Abu Aser
Saleh Abu Aser
Hamas-Mitglied Mahmud el-Sahar
Hamas-Mitglied Mahmud el-Sahar
Alltagsszene in Gaza
Alltagsszene in Gaza

08.07.2015

Hilfsorganisationen sehen kaum Chancen für Gaza Vor dem Nichts

Ein Jahr nach Beginn des Gaza-Krieges warnen Hilfsorganisationen vor einer verlorenen Generation. Die Lage der Bevölkerung habe sich verschlechtert. Es sei eine "vergessene Katastrophe, wenn nicht gerade Raketen fliegen".

Fast 80 Prozent der Menschen im Gazastreifen seien auf Hilfeleistungen angewiesen, vier von zehn Personen lebten unter der Armutsgrenze. Viele Menschen hausten in Ruinen, sagte der Leiter des SOS-Kinderdorfes Rafah im Süden des Landstrichs, Samy Ajjour. Seit dem Ende der 50-tägigen Auseinandersetzungen im vergangenen Sommer habe sich die Lage verschlechtert.

"Es gibt kaum Wasser, kaum Licht, kaum Nahrung, keine Medikamente. Nichts." Kinder würden immer häufiger zum Opfer von Gewalt und Missbrauch.

Ein Stillleben aus Schutt und Asche

Wo einst gekämpft wurde, herrscht heute Stille. Sie hat sich über die Trümmer der Häuser gelegt, umgibt die zerbombten Straßen. Sadschaija, ein Stadtteil von Gaza, ist eine Wüste aus Geröll, ein Stillleben aus Schutt und Asche.

Einst wohnten hier zehntausende Menschen. Dann begann der Krieg: Am 8. Juli 2014 marschierte das israelische Militär im Gazastreifen ein. Es sollte Tunnelanlagen zerstören, die militante Palästinenser nach Israel gegraben hatten. 50 Tage wurde gekämpft: 2200 Palästinenser und mehr als 70 Israelis starben.

Nach Angaben der Entwicklungsorganisation Oxfam geht der Wiederaufbau nur schleppend voran. Kein einziges zerstörtes Haus sei wieder aufgebaut worden, so Oxfam in Berlin. Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser lägen weiterhin in Trümmern. Beim jetzigen Aufbautempo würde es laut Schätzungen über 70 Jahre dauern, bis alle in Gaza benötigten Wohnhäuser wiederhergestellt sind.

Oxfam: Gaza benötigt Bewegungsfreiheit

Zwei Drittel der Bevölkerung hätten keine Arbeit. "Durch Krieg und Blockade verlieren wir in Gaza gerade eine ganze Generation", sagte der Nahost-Experte von Oxfam Deutschland, Robert Lindner. Gaza benötige einen umgehenden Wiederaufbau sowie Bewegungs- und Handelsfreiheit für die Bevölkerung.

Nirgendwo waren die Gefechte so blutig wie in Sadschaija. Palästinenser wurden in ihren Wohnhäusern von Geschossen getroffen, israelische Soldaten verbrannten in ihrem Truppentransporter. Das Viertel wurde fast vollständig zerstört.

Ein Jahr ist das nun her. Seitdem hat sich in dem Viertel wenig getan. Ein einsamer Bagger schiebt sich durch eine zerschossene Fassade, ansonsten ist es ruhig. Noch immer sind die meisten Häuser unbewohnbar. Was nicht heißt, dass niemand darin wohnt.

Abu Aser hat gesehen, wie Bomben auf sein Haus fielen

"Die Welt hat uns vergessen", sagt Saleh Abu Aser. "Die internationale Gemeinschaft, Israel, Fatah, Hamas - sie alle." Der 30-Jährige hat müde Augen, er sitzt gebückt in einem Trümmerhaufen, der einmal sein Wohnzimmer war.

Abu Aser hat gesehen, wie die Bomben auf sein Haus fielen. Mit seiner Frau und den fünf Kindern stand er auf einer Anhöhe nicht weit von Sadschaija. Sie hatten sich vor dem drohenden Angriff Israels geflüchtet - nun ging ihr Wohnviertel in Flammen auf. "Damals habe ich noch nicht verstanden, wie schlimm es wird", sagt Abu Aser. "Ich dachte, wenn wir nur überleben, wird alles gut".

Beim ersten Waffenstillstand fuhr Abu Aser zu seinem Haus, er wollte Kleidung holen und die Papiere der Kinder. Aber als er ankam, war von seiner Wohnung nichts mehr da.

Bis zum Ende des Krieges lebte die Familie in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in Dschabalia im Norden Gazas. Als ihnen das Geld ausging, zogen sie zurück in ihr zerstörtes Viertel.

Ohne Zement kein Wiederaufbau

Abu Aser hat einige Wände neu verkleidet, den Boden mit Matratzen ausgelegt. "Ich verlange doch nicht viel", sagt er. "Nur, dass mein Haus wieder aufgebaut wird."

Etwa 18.000 Häuser wurden in diesem Gaza-Krieg verwüstet oder schwer beschädigt. Doch der Wiederaufbau läuft nur schleppend: Seit dem Ende des Krieges wurden nur kleinere Schäden behoben. Das liege vor allem am fehlenden Zement, sagt die Führung in Gaza. Bisher seien 140.000 Tonnen über die israelische Grenze gelassen worden. "Wir benötigen aber mindestens 10.000 Tonnen am Tag", sagt ein Experte der palästinensischen Handelskammer.

Israel befürchtet neue Hamas-Tunnel

Die Menschen in Gaza brauchen den Zement, um ihre Häuser wieder zu rekonstruieren. Doch ihre Führung hat noch andere Pläne damit. "Natürlich bauen wir unsere Tunnel wieder auf!" Mahmud al-Sahar ist Gründungsmitglied der radikal-islamischen Hamas, die im Gazastreifen herrscht. Er will den Zement auch dafür nutzen, die Infrastruktur der Islamisten wieder aufzubauen. Genau das befürchtet Israel. Seit die Hamas 2007 an die Macht kam, ist Gaza mit einer Blockade belegt.

Dass die Zivilbevölkerung leidet? Die Jugend von Gaza kaum eine Perspektive hat? Al-Sahar kneift die Augen zusammen. Die Hamas kämpfe dafür, dass Israel von der Karte verschwinde, sagt er. "Dafür zahlt man eben einen Preis."

Al-Sahar ist sogar innerhalb der Hamas ein Hardliner. Aber er ist einflussreich. Einen dauerhaften Waffenstillstand, wie ihn einige Hamas-Führer erwägen, schließt er aus. "Pragmatisch ist ein anderes Wort für dumm", sagt Al-Sahar.

Für das Interview hat er sich in seine neuen Räumlichkeiten zurückgezogen: blank polierter Boden, Stuckverzierung an der Decke. Al-Sahars Haus wurde im Sommer 2014 von Israel zerstört. Während er spricht, werden im Vorgarten gerade die Granitplatten verlegt. Das Domizil wird bald wieder aufgebaut sein.

"Wir müssen Frieden schließen"

Saleh Abu Aser hingegen lebt weiterhin im zerfallenen Sadschaija. "Was hatten wir davon, dass wir gegen Israel gekämpft haben?", fragt er. "Wir müssen Frieden schließen. Wir haben keine andere Wahl."

Offiziell herrscht eine Waffenruhe. Doch seit Wochen schießen militante Palästinenser wieder Raketen gen Israel, wirft die israelische Armee nachts darauf wieder Bomben über Gaza ab. Die Menschen in den israelischen Dörfern rund um den Gazastreifen fürchten einen neuen Krieg. Es ist genau wie vor einem Jahr.

In Sadschaija hört man nur den Wind um die Trümmer wehen. Es gibt nichts Stilleres als eine geladene Kanone, schrieb schon Heinrich Heine.

Alexandra Rojkov
(dpa, KNA)

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