Enttäuschendes Ergebnis
Enttäuschendes Ergebnis

13.11.2014

Umfrage zeigt Umgang mit geistiger Behinderung Viele Berührungsängste

Jeder Zweite hat Berührungsängste bei Menschen mit geistiger Behinderung, das legt eine von der Lebenshilfe in Auftrag gegebene Umfrage da. Der Verband sieht "erheblichen Nachholbedarf" bei der gesellschaftlichen Teilhabe.

"Hilfsbedürftig" assoziiert mit 88 Prozent die große Mehrheit der Deutschen, wenn es um Menschen mit geistiger Behinderung geht. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Lebenshilfe. Für die Studie, die am Donnerstag in Berlin veröffentlicht wurde, befragten die Wissenschaftler rund 1.500 Bundesbürger ab 16 Jahren.

Dabei konnten die Befragten auswählen, was sie mit geistig Behinderten verbinden. Zu Wahl standen neben "hilfsbedürftig" "ausgegrenzt", "Mitleid", "Berührungsängste" sowie "selbstständig", "gut integriert" und "lebensfroh".

Lebenshilfe: Nachholbedarf bei gesellschaftlicher Teilhabe

Neben "lebensfroh", was 57 Prozent der Bundesbürger mit geistig Behinderten verbinden, sind es die Begriffe "ausgegrenzt" und "Mitleid", die mehr als der Hälfte der Befragten bei Menschen mit geistiger Behinderung in den Sinn kommen. Jeder Zweite verbindet "Berührungsängste" mit geistig Behinderten. Dahingegen halten nur je 18 Prozent Menschen mit geistiger Behinderung für "gut integriert" oder "selbstständig". Die Lage für Menschen mit Behinderung habe sich zwar insgesamt in Deutschland verbessert, hält die Bundesvorsitzende der Lebenshilfe, Ulla Schmidt, fest. "Die Ergebnisse der Umfrage zeigen jedoch, dass bei der gesellschaftlichen Teilhabe noch erheblicher Nachholbedarf besteht", so die SPD-Politikerin.

Ein Fünftel der Befragten gibt an, Kontakt zu Menschen mit einer geistigen Behinderung zu haben, in der eigenen Familie, dem Verwandten- oder Bekanntenkreis. Dabei sind es in Westdeutschland mit

24 Prozent deutlich mehr als in Ostdeutschland mit 15 Prozent. Zudem nimmt mit wachsendem Einkommen die Zahl zu. Bei einem Haushaltsnettoeinkommen von weniger als 1.750 Euro monatlich geben 8 Prozent der Befragten an, mit geistig Behinderten Kontakt zu haben. Ab 3.000 Euro Haushaltsnettoeinkommen im Monat sind es 14 Prozent.

Mit dem Kontakt ändern sich auch die Assoziationen. Nimmt man nur diejenigen, die eine geistig Behinderte Person kennen, so sind es zwar weiterhin 85 Prozent, die an "hilfsbedürftig" denken, aber das Mitleid ist weniger dominant und auch die Berührungsängste nehmen ab.

Dafür steigt das Gefühl, dass geistig Behinderte Lebensfreude ausstrahlen, deutlich. Auch halten diejenigen, die Kontakt zu geistig Behinderten haben, diese eher für selbstständig und gut integriert, als es beim Gesamtbild der Fall ist.

Inklusionsdebatte vorallem im Schulbereich wahrgenommen

Insgesamt ist jedoch nur eine Minderheit der Ansicht, dass für Menschen mit geistiger Behinderung eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben uneingeschränkt möglich ist. Vor allem im Berufsalltag und beim selbstständigen Wohnen sind mehr als 85 Prozent der Meinung, dass die Teilnahme hier nur eingeschränkt oder kaum möglich ist. Dabei hat von den Befragten nur rund jeder Fünfte zuvor schon einmal von der Behindertenrechtekonvention der Vereinten Nationen gehört. Anders ist der Kenntnisstand bei der Frage der schulischen Inklusion.

Hier geben mehr als drei Viertel der Befragten an, dass sie wenigstens am Rande mitbekommen haben, dass debattiert wird, ob Kinder mit Behinderung besser in regulären Schulen oder in Förderschulen unterrichtet werden sollen. Die große Mehrheit, insgesamt 71 Prozent, denkt, dass behinderte Kinder besser auf einer speziellen Förderschule betreut werden. Rund zwei Drittel der Befragten sind der Meinung, dass es größere Probleme bei der Integration von Schülern mit Behinderung geben kann, da die Schulen nicht ausreichend darauf vorbereitet sind. Skeptisch sind hier vor allem diejenigen, die die Inklusionsdebatte in der öffentlichen Berichterstattung mitverfolgt haben.

"So lange die Rahmenbedingungen wie zusätzliche Lehrer und eine Ausrichtung der Pädagogik auf heterogene Gruppen noch nicht stimmen, sollte das Förderschulsystem erhalten belieben, damit Eltern eine Wahlmöglichkeit haben", sagte Schmidt. Mittelfristig plädiere die Lebenshilfe aber für eine Schule für alle Kinder. Das Parallelsystem müsse schlussendlich aufgelöst werden.

Anna Mertens
(KNA)

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