Proteste nach Studenten-Massaker
Proteste nach Studenten-Massaker

09.11.2014

Trauer um vermisste Studenten in Mexiko "Der Schmerz bringt mich langsam um"

Die vor sechs Wochen verschleppten Studenten sind wahrscheinlich tot. Verbrecher und Polizisten sollen hinter dem Verbrechen stecken. Die Angehörigen klammern sich an die Hoffnung, doch die Verzweiflung steigt mit jedem Tag.

Im Lehrerseminar "Raúl Isidro Burgos" tragen die Menschen Trauer. Seit fast eineinhalb Monaten werden 43 Studenten der Hochschule in Ayotzinapa im mexikanischen Bundesstaat Guerrero vermisst. Mitglieder der kriminellen Organisation "Guerreros Unidos" haben sie getötet und verbrannt, glauben die Ermittler. Doch die Angehörigen und Kommilitonen der jungen Leute wollen die Hoffnung noch nicht aufgeben.

"Mein Sohn ist sehr freundlich. Er tanzt gerne", erzählt eine Mutter und zeigt auf ihrem Handy ein Bild des jungen Manns. "Das ist das letzte Foto, das ich gemacht habe, bevor er zur Universität gegangen ist". Seit Wochen harren die Familien der Vermissten auf dem Campus aus, Psychologen der Organisation Ärzte ohne Grenzen betreuen die verzweifelten Eltern. "Wie können wir glauben, dass sie tot sind, wenn es keine Beweise gibt?", fragt ein Familienvater. "Keine Leichen, nur Asche".

María Micaela Hernández hat ihrem Sohn Abel einen Brief geschrieben. "Mein geliebter Sohn. Ich verspüre einen Schmerz, so groß, dass er sich nicht mit Worten beschreiben lässt. Mein Herz wird immer kleiner und es zerreißt mich innerlich". Die Eltern fühlen sich alleingelassen von einer Regierung, die sich nicht um das Schicksal der einfachen Leute kümmert. "Wer glaubt, weil wir arm sind, haben wir keine Gefühle, dem sage ich: Der Schmerz bringt mich langsam um".

Linke Studenten sind für ihren politischen Aktivismus bekannt

Das Lehrerseminar liegt am Rand der Ortschaft Tixtla nahe der Provinzhauptstadt Chilpancingo. Junge Menschen aus einfachen Verhältnissen werden in dem Internat zu Lehrern ausgebildet. "Wir werden nicht innehalten, bis unsere Kameraden wieder bei uns sind", sagt ein vermummter junger Mann, der gerade von einer Protestaktion in Chilpancingo zurückkommt. Er befürchtet, erkannt und ebenfalls verschleppt zu werden. "Wenn ich entführt worden wäre, würden meine Kameraden aber das Gleiche für mich tun. Seitdem wir uns hier eingeschrieben haben, sind wir Brüder und werden es immer bleiben".

Die Demonstrationen der Studenten von Ayotzinapa bleiben nicht immer friedlich, die angehenden Lehrer gelten als radikale Linke. Nicht überall sind sie gerne gesehen. Dass ihnen eine solche Gewalt entgegenschlägt, wie am 26. September in Iguala, hat aber selbst die kampferprobten Aktivisten der Land-Uni überrascht.

Auf Befehl des Bürgermeisters eröffneten Polizisten das Feuer auf die jungen Leute, die nach einer Spendensammlung mehrere Busse gekapert hatten. Sechs Menschen kamen dabei ums Leben. Die Beamten sollen 43 Studenten festgenommen und sie den "Guerreros Unidos" übergeben haben. Glaubt man dem Geständnis einiger Verdächtiger, erschossen die Gangster ihre Opfer auf einer Müllkippe und steckten die Leichen in Brand.

Für die Angehörigen der Opfer war es ein Staatsverbrechen. Die linken Studenten seien der Obrigkeit schon lange ein Dorn im Auge gewesen, jetzt habe man sich ihrer entledigt. "Die Regierung hat die Studenten seit Jahren kriminalisiert", sagt Anwalt Vidulfo Rosales Rosas von der Menschenrechtsorganisation Tlachinollan, der die Familien berät.

Die Wut entlädt sich auch auf der Straße: Aufgebrachte Demonstranten versuchten am Samstagabend (Ortszeit), den Nationalpalast in der Hauptstadt zu stürmen. Sie legten Feuer an einer der Pforten des Gebäudes am zentralen Platz Zócalo in Mexiko-Stadt. Zuvor hatten sie vor dem Sitz der Generalstaatsanwaltschaft Aufklärung über das Schicksal der jungen Leute gefordert.

Menschenrechtsorganisationen erheben schwere Vorwürfe

"Korruption und Gewalt sind seit Jahren offensichtlich. Wer sie ignoriert, hat sich zum Komplizen in dieser Tragödie gemacht", sagte die Amerika-Beauftragte von Amnesty International, Erika Guevara-Rosas.

Auch Human Rights Watch erhob Vorwürfe gegen die Behörden. "Das sind die schlimmsten Grausamkeiten seit Jahren in Mexiko, aber keine Einzelfälle", sagte Amerika-Direktor José Miguel Vivanco. "Die Morde spiegeln ein Muster des Missbrauchs wider und sind eine Konsequenz der Unfähigkeit der mexikanischen Behörden, das Problem zu lösen". Kriminalitätsexperte Edgardo Buscaglia forderte die Einsetzung einer unabhängigen Wahrheitskommission unter Beteiligung der Vereinten Nationen.
 

(dpa, epd)

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