Thomas Sternberg
Thomas Sternberg
Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK)
Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK)
Teilnehmer beim Auftakt der Beratungen der Synodalversammlung (Archiv)
Auftakt der Beratungen der Synodalversammlung am 31. Januar 2020 im Dominikanerkloster in Frankfurt

09.09.2021

Sternberg sieht keine Alternative zum synodalen Austausch "Wir müssen nicht ständig nach Rom schauen"

Bei der Herbstvollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken wird Thomas Sternberg nicht mehr für das Amt des ZdK-Präsidenten kandidieren. Im Interview blickt er nach vorn und zieht eine erste Bilanz seiner Präsidentschaft.

KNA: Der Synodale Weg geht in die nächste Runde. Bei der Vollversammlung in Frankfurt Ende September, Anfang Oktober wollen die Teilnehmer über nicht weniger als 16 Papiere beraten. Ist das überhaupt machbar in zweieinhalb Tagen?

Prof. Dr. Thomas Sternberg (Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken): Das hoffe ich schon. Vor allem aber setze ich auf den guten Geist von Frankfurt, der schon bei der ersten Synodalversammlung spürbar war: dieses fast euphorische Gefühl, dass wir wirklich miteinander als Volk Gottes, unabhängig von Hierarchien, gemeinsam diskutieren und uns Gedanken machen, wie diese Kirche wieder zu neuer Glaubwürdigkeit finden kann und wie wir Strukturen etablieren können, die Missbrauchsgeschehen zukünftig unmöglich machen oder zumindest sehr erschweren.

KNA: Wie bewerten Sie die jetzt veröffentlichten Reformvorschläge des Regensburger Bischofs Rudolf Voderholzer - und was antworten Sie Kritikern wie dem Bonner Stadtdechanten Wolfgang Picken, der den Umgang mit Minderheitenvoten in der Synodalversammlung als wenig demokratisch bezeichnet?

Sternberg: Über die Themen des Synodalen Weges zu diskutieren und Beiträge zu veröffentlichen, ist jedem unbenommen. Mitglieder der Synodalversammlung können und sollen sich dazu im Synodalen Weg nach Satzung und Geschäftsordnung einbringen. Sowohl Bischof Voderholzer wie Stadtdechant Picken sind ja profilierte Synodale, die das, wie andere auch, tun. Aufwändige Websites kann allerdings nicht jeder finanzieren.

KNA: Nach der ersten Synodalversammlung kamen Corona und diverse Stoppschilder aus Rom mit Blick auf zentrale Themen des Dialogs zwischen den Bischöfen und Laien in Deutschland. Ist die Dynamik, von der Sie sprechen, nicht ein wenig verpufft?

Sternberg: Nein, das glaube ich nicht. Wichtig ist jetzt, die Arbeit der vier Foren, die sich um die Schlüsselthemen des Dialogs kümmern, so transparent wie möglich zu machen. Wir hatten ursprünglich gesagt, die Foren sollen die Möglichkeit haben, wirklich vertraulich zu arbeiten. Das war richtig, hatte allerdings zur Folge, dass selbst Mitglieder der Synodalversammlung zwischenzeitlich zu wenig Informationen darüber hatten, was abläuft.

Das ändert sich jetzt. Seit dem 30. August sind sämtliche Texte zur Vorbereitung der zweiten Synodalversammlung online. Jeder kann sie auf synodalerweg.de lesen, und den Mitgliedern der Synodalversammlung sind sie natürlich eigens zugegangen. Sie können und werden sich damit auf Frankfurt vorbereiten.

KNA: Sehen Sie Fortschritte bei den öffentlichkeitswirksamen Debatten um das Frauenpriestertum oder einer Abschaffung der verpflichtenden Ehelosigkeit von Priestern, dem Zölibat?

Sternberg: Ich halte nichts davon, den Synodalen Weg auf ein paar Reizthemen zu reduzieren. Es geht nicht um die Frage, ob wir in zwei Jahren Frauen zu Priesterinnen weihen oder den Zölibat abschaffen. Natürlich muss auch das von uns diskutiert werden, aber die thematische Bandbreite ist viel größer.

KNA: Meinen Sie, dass diese Botschaft im Vatikan angekommen ist? Von dort gab es bislang eher skeptische Töne.

Sternberg: Ach, die Wahrnehmung der katholischen Kirche in Deutschland durch den Vatikan ist nicht unproblematisch. Ich glaube, es gibt sehr viele dort, die denken: In Deutschland sind sie gut organisiert, haben eine hoch entwickelte Theologie, aber wie es mit Glauben und Frömmigkeit aussieht, das nimmt man nicht so genau. Das ist ein unzutreffendes Klischee, das schon lange verbreitet ist. Mir ist nach wie vor am wichtigsten der Brief des Papstes vom 29. Juni 2019...

KNA: ...an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland...

Sternberg: In diesem Brief schreibt er uns: Wir leben nicht nur in Zeiten der Veränderungen, sondern in einer Zeitenwende. In dieser Zeitenwende, die alte und neue Fragen aufwirft, ist eine Auseinandersetzung berechtigt und notwendig - und da bin ich bei euch und ermuntere euch zu freimütigen Antworten. Das ist Grundlage für unsere Arbeit.

KNA: Vor rund einem Jahr hat der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, dem Vatikan ein gemeinsames Gespräch mit Vertretern des ZdK vorgeschlagen. Bislang ist es dazu nicht gekommen. Wie bewerten Sie das?

Sternberg: Immerhin gibt es die generelle Zusage, dass man ein solches Treffen machen will. Ich bin aber nun auch nicht derjenige, der die ganze Zeit darauf wartet, in Rom Gespräche zu führen. Zum einen haben wir regelmäßige Kontakte nach Rom. Zum anderen müssen wir auf dem Synodalen Weg auch dann weitergehen, wenn einige römische Kardinäle das ungern sehen. Zum synodalen Austausch gibt es keine Alternative!

KNA: Eine Begegnung im Vatikan könnte aber innerhalb der Kirche den Synodalen Weg aufwerten.

Sternberg: Natürlich sollte man sich in der Gemeinschaft der Kirche aufgehoben fühlen. Aber wir müssen deswegen nicht ständig nach Rom schauen. Die internationale Begleitung und Wahrnehmung bindet uns auch in die Weltkirche ein. Klar: Gespräche wären besser, um Missverständnisse auszuräumen. Aber es geht auch ohne.

KNA: Kritiker wie der Bonner Kirchenrechtler Norbert Lüdecke halten den Synodalen Weg für eine Placebo-Veranstaltung, um die Laien zu beruhigen.

Sternberg: Ich finde diese Kritik ein bisschen wohlfeil und würde mir wünschen, dass die Kirchenrechtler sich weniger darauf beschränken, zu sagen, was alles nicht möglich ist, als deutlich zu machen, an welchen Stellen das Kirchenrecht dringend überarbeitet werden muss.

KNA: In Ihrem ersten KNA-Interview nach ihrer Wahl zum ZdK-Präsidenten haben Sie 2015 gesagt: «Ein vergnügliches Ehrenamt wird das sicher nicht». Wo war es dennoch vergnüglich?

Sternberg: Vergnüglich waren vor allem die persönlichen Bekanntschaften, Freundschaften. Die beiden Katholikentage in Leipzig und in Münster gehören ebenfalls dazu. Und schließlich der Ökumenische Kirchentag in diesem Jahr in Frankfurt, bei dem wir deutlich machen konnten, dass die jeweils andere Konfession nicht Konkurrenz, sondern Reichtum ist und dass man diesen Reichtum erleben kann, indem man sich gegenseitig einlädt. So wie das in den vielen tausenden konfessionsverbindenden Familien Sonntag für Sonntag praktiziert wird. Ich glaube, dass wir hier einen wichtigen Schritt nach vorn gemacht haben.

KNA: Bedauern Sie, bald das Amt des ZdK-Präsidenten abzugeben?

Sternberg: Der Zeitpunkt war von Anfang an klar mit meiner Frau abgesprochen. Aber ich habe mir das im vergangenen Jahr noch einmal intensiv überlegt, weil mir der Synodale Weg schon sehr am Herzen liegt. Trotzdem gilt: Man muss Ämter übernehmen können, und man muss Ämter auch wieder abgeben können. Und es ist besser, wenn jetzt der eine oder die andere sagt, das ist aber schade, dass er geht, als wenn sie sagen, hoffentlich ist er bald weg.

KNA: Wo haben Sie, wo hat das ZdK in den vergangenen Jahren etwas bewirken können in Kirche und Gesellschaft?

Sternberg: Eine große Frage, die mir mein Vorgänger Alois Glück anvertraut hatte, war das Verhältnis des Vereins für Schwangerenkonfliktberatung Donum Vitae zu den Bischöfen. Ich glaube, da ist durch den Briefwechsel zwischen Kardinal Reinhard Marx und mir erheblicher Druck aus dem Kessel genommen worden. Ich halte es für ganz wichtig, dass es jetzt eine Anerkennung dafür gibt, dass man sich auf unterschiedlichen Wegen um den Lebensschutz kümmert.

KNA: Und sonst?

Sternberg: Da ist es schwer, eine unserer Aktivitäten herauszuheben. Ein aktuelles Beispiel: Ob das Lieferkettengesetz zu unternehmerischen Sorgfaltspflichten bis in Zulieferbetriebe in Entwicklungsländern ohne die klare Unterstützung durch unsere katholischen Einrichtungen, Verbände und das ZdK zustande gekommen wäre, wage ich zumindest zu bezweifeln.

KNA: Welche politischen Debatten werden das ZdK Ihrer Ansicht nach weiter begleiten?

Sternberg: Zum Beispiel die geschäftsmäßigen Suizid-Beihilfe oder der Umgang mit Flüchtlingen und Migranten in einer religiös und kulturell vielfältigen Gesellschaft.

KNA: Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet hat mit Blick auf die Lage in Afghanistan und eine mögliche Zuwanderung von dort darauf hingewiesen, 2015 dürfe sich nicht wiederholen. Was sagt das CDU-Mitglied Thomas Sternberg dazu: Ist das noch christlich oder schon zynisch?

Sternberg: Gar nicht mal als CDU-Politiker, sondern als jemand, der ihn sehr gut kennt, möchte ich betonen, dass ich immer einen großen Respekt vor Laschets Haltung gehabt habe. Er hat sich in den Jahren nach 2015 immer fest zur Aufnahme der Flüchtenden durch die Kanzlerin bekannt - und trotzdem einen Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen gewonnen.

KNA: Was hat Laschet mit dem Satz denn dann gemeint?

Sternberg: Dass die administrativen Entscheidungen in den Monaten danach nicht gut genug durchdacht waren. Darüber muss man diskutieren dürfen.

KNA: Als Präsident der Kunststiftung NRW werden Sie weiterhin in einem Ehrenamt aktiv sein. Kirche und Kultur sind zwei Bereiche, die unter den Corona-Lockdowns gelitten haben. Können Sie nachvollziehen, dass Profifußballer in dieser Zeit weiter kicken durften?

Sternberg: Ich bin schon erstaunt, dass es Bereiche gibt, die offensichtlich kaum zu zähmen sind. Ich habe eine Hoffnung: dass der Wert von etwas einem umso deutlicher vor Augen steht, wenn man es mal entbehren musste und wiedererlangt. Ich denke, das gilt für die Kultur. Und ich hoffe, das gilt auch für unsere Gottesdienste und die christliche Praxis insgesamt.

Das Interview führte Joachim Heinz.

(KNA)

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