Hans Joachim Meyer
Hans Joachim Meyer

03.09.2017

Früherer ZdK-Präsident Meyer erhält päpstlichen Gregorius-Orden "In keiner Schublade"

Er war Minister unter Lothar de Maiziere und Kurt Biedenkopf. Und er war oberster Laienkatholik in Deutschland. Jetzt erhält Hans Joachim Meyer den päpstlichen Gregoriusorden.

Er möchte am liebsten in keine Schublade gesteckt werden. "In keiner Schublade", so lautet jedenfalls der Titel seiner elegant formulierten, 2015 veröffentlichten Autobiografie. Hans Joachim Meyer (80) hat turbulente Zeiten erlebt: als Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), aber auch als Sächsischer Wissenschaftsminister und CDU-Politiker in den Kabinetten von Kurt Biedenkopf und zuvor als Bildungsminister der letzten DDR-Regierung von Lothar de Maiziere. Am Dienstag erhält der gebürtige Rostocker in Berlin den päpstlichen Gregorius-Orden.

Unabhängiges Denken und Hartnäckigkeit - diese Eigenschaften kamen dem Sohn eines Apothekers und einer Lehrerin schon zu DDR-Zeiten zu Gute. Das Jurastudium musste er 1958 aus politischen Gründen abbrechen, ein Jahr später durfte sich Meyer für Anglistik und Geschichte in Ost-Berlin einschreiben. Trotz Distanz zum SED-Staat schaffte er es zum Professor der Sprachwissenschaften.

Der Mann mit dem "Ossi-Herz"

Seit den 1970er Jahren engagierte sich der Katholik mit preußischer Ausstrahlung in der Kirche. Er lernte dort, "was eine freie und demokratische Debatte ist". Nach der Wende leitete Meyer den "Gemeinsamen Aktionsausschuss katholischer Christen in der DDR" und wurde ins ZdK berufen - das höchste Gremium des deutschen Laien-Katholizismus. In dieser Zeit begann auch seine politische Karriere. Lothar de Maiziere (CDU) machte den unbelasteten Akademiker 1990 zum Wissenschafts- und Bildungsminister der letzten DDR-Regierung.

Meyer weint der DDR keine Träne nach. Aber er verleugnet nicht seine Prägung, sein "Ossi-Herz", wie er selber schreibt. Und so kann er auch das Dilemma beschreiben, das viele frühere DDR-Bürger noch heute empfinden: "Wir wollten der Bundesrepublik beitreten und doch wir selbst bleiben." Doch während viele Westdeutsche in ihrem Alltag von der Wiedervereinigung nur begrenzt berührt waren, wurde das Leben der Ostdeutschen komplett umgekrempelt. Das Übermaß der Westbestimmung, westdeutsche Arroganz und Besserwisserei habe die Wirklichkeit des Ostens entwertet, schreibt er. Dass es die Deutschen in der DDR waren, «die als erste jene Freiheit errangen», davon, meint Meyer, "spricht und schreibt im Westen so gut wie niemand".

Sein bitterster Moment

Auch als Minister wehrte sich Meyer zu Beginn der 1990er Jahre dagegen, die Universitäten und Schulen der untergegangenen DDR zum Abbruch freizugeben. Das Bildungswesen der DDR sei zwar «hochideologisiert» gewesen, "aber in seinem fachlichen Kernbestand solide und anwendungsorientiert".

Von 1997 bis 2009 stand Meyer als erster Ostdeutscher an der Spitze des ZdK - das war noch vor dem Missbrauchsskandal, der die Koordinaten der Kirche stark verändern sollte. Den von Papst Johannes Paul II. durchgesetzten Ausstieg der Kirche aus der Schwangerenkonfliktberatung bezeichnet Meyer als bitterste Erfahrung seiner Amtszeit.

Gefragt als Redner und Zuhörer

Dialogbereitschaft, aber auch Hartnäckigkeit und eine bisweilen harsche Wortwahl zeichneten Meyer als ZdK-Präsident aus. Dem Papst und den Bischöfen in allem gehorsam zu sein, hält er für "unkatholisch". Schließlich gehöre er nicht einer "Kommandokirche" an, betont er. Deshalb verteidigt er auch das von konservativen Katholiken immer wieder angegriffene ZdK und die Katholikentage: "Wer sagt, Strukturen seien völlig unwichtig, ist in Wahrheit gegen wirklichen Wandel."

Auch im Ruhestand ist Meyer ein gefragter Redner und Interviewpartner. Dabei teilt er ohne ideologische Scheuklappen in alle Richtungen aus. So hält er seinen ostdeutschen Landsleuten mit Blick auf die Erfolge von AfD und Pegida einen Mangel an Dialogfähigkeit und Weltoffenheit vor. Den Westdeutschen wirft er dagegen ein unterentwickeltes Nationalbewusstsein vor, das dem Rechtspopulismus Auftrieb gebe.

Auch in seinem Heimatbistum Berlin scheut Meyer nicht davor zurück, anzuecken. So ist er der prominenteste Wortführer der Gegner eines Umbaus der Berliner Sankt-Hedwigs-Kathedrale. Unbeirrt verteidigt Meyer die bestehende Raumgestalt, die beim Wiederaufbau vor 50 Jahren entstand, als "geniales Zeugnis zeitgenössischer Architektur". Die Weichen sind allerdings in eine andere Richtung gestellt.

Christoph Arens
(KNA)

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