22.11.2014

Alois Glück über Sterbehilfe, Katholikentage und Reformen "Zeitnah wird es keine Synode geben"

Am Freitag und Samstag ist das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) zu seiner Herbstvollversammlung in Bonn zusammengekommen. Im Interview äußert sich ZdK-Präsident Alois Glück u.a. zur Sterbehilfe-Debatte und zum Stand der Ökumene.

KNA: Herr Glück, in der Sterbehilfedebatte entstand mitunter der Eindruck, dass katholische und evangelische Kirche nicht immer eins waren. Wie beurteilen Sie die Lage?

Glück: Am Anfang gab es da schon gewisse Unsicherheiten. Aber die Beratungen der EKD-Synode in Dresden haben deutlich gemacht, dass es in der Grundfrage, also dem Verbot jeder organisierten Beihilfe zur Selbsttötung, eine große Übereinstimmung gibt - übrigens auch im politischen Raum.

KNA: Es gab also eine Annäherung.

Glück: Das hätte ich so vor acht Wochen nicht erwartet. Natürlich existieren im gesamten Spektrum der EKD  - wie andernorts übrigens auch - Differenzierungen in Einzelfragen, wohl am ehesten bei der ärztlichen Suizidbeihilfe. Aber die Ablehnung von organisierten Formen der Sterbehilfe haben sowohl der neue EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm wie auch sein Vorgänger Nikolaus Schneider unmissverständlich klar gemacht.

KNA: Gerade Nikolaus Schneider hat viel Kritik einstecken müssen für die Aussage, seine krebskranken Frau Anne notfalls wider seine eigene Grundauffassung zum Sterben in die Schweiz zu begleiten. Hätte Schneider in solch einem persönlichen existenziellen Konflikt nicht mehr Verständnis verdient?

Glück: Die persönliche Position von Nikolaus Schneider, der ja immer wieder betont hat, in einem solchen Fall gegen seine innere Überzeugung zu handeln, ist zu respektieren. Das Problem liegt eher in einem anderen Bereich: Wenn Sie wie Schneider zum Zeitpunkt der Aussage ein herausgehobenes Amt bekleiden, ist es nahezu unmöglich, Privates und Öffentliches zu trennen. Das hat die Berichterstattung zu dem Thema gezeigt: Fast überall hieß es "der EKD-Ratschef hat gesagt". Damit erhielten die persönlichen Überlegungen von Schneider sozusagen einen offiziellen Anstrich.

KNA: Ein Dilemma.

Glück: Man kann es salopp so zusammenfassen: Öffentliche Ämter sind immer auch ein Stück persönlicher Freiheitsberaubung.

KNA: Mit Blick auf das Reformationsgedenken 2017 planen Katholiken und Protestanten ein "starkes ökumenisches Zeichen". Wie kann das aussehen?

Glück: Eine Möglichkeit wäre ein gemeinsamer Bußgottesdienst, in dem wir uns unserer Geschichte stellen und uns zu den Fehlern bekennen, die es in der wechselseitigen Beziehung zwischen den beiden Kirchen gegeben hat.

KNA: Was ist sonst noch denkbar?

Glück: Zum Beispiel ein Aktionsbündnis beider Kirchen für eine würdige Sterbegleitung, die Stärkung der Hospizdienste und einem Ausbau der Palliativpflege - und zwar nicht nur in Form einer Erklärung sondern in konkreten Initiativen vor Ort als eine "Ökumene der Taten". Wir fixieren uns oft zu sehr auf theologische Debatten und sehen zu wenig das, was wir gemeinsam tun können.

KNA: Ursprünglich gab es auch einmal die Überlegung eines Ökumenischen Kirchentags für 2017. Das Projekt wurde verschoben. Wie ist der aktuelle Stand der  Dinge?

Glück: Die neue Zielmarke ist 2021. Aber da gibt es noch viel zu klären. Schon allein aufgrund der Größe einer solchen Veranstaltung kommen nur wenige Städte dafür infrage.

KNA: Wer auf die aktuellen Finanzdebatten an den Austragungsorten der beiden Katholikentage 2016 und 2018, Leipzig und Münster, schaut, bekommt den Eindruck, dass die Kommunen für derartige Events nicht gerade Schlange stehen.

Glück: Das sind sicher Beispiele dafür, dass solche Veranstaltungen keine Selbstläufer mehr sind. Aber ich sehe das nicht so tragisch. Auch vor dem Katholikentag in diesem Jahr in Regensburg gab es solche Debatten. Das hat vielleicht auch manche Leute neugierig gemacht.

KNA: Müsste sich aber nicht doch in der Präsentation und der inhaltlichen Ausrichtung der Katholikentage etwas grundlegend ändern?

Glück: Solche Rufe gibt es immer wieder, aber mir ist noch kein Vorschlag zu Ohren gekommen, wie es besser laufen könnte. Davon abgesehen sind die Katholikentag immer schon mit der Zeit gegangen.

KNA: Inwiefern?

Glück: Nehmen wir den Ökumenischen Kirchentag 2010 in München. Der fiel direkt und hochaktuell in die Debatte um sexuellen Missbrauch. Der Katholikentag 2012 in Mannheim stand ganz klar unter dem Zeichen eines Neuaufbruchs. Und von Regensburg gingen in diesem Jahr wichtige Signale des Brückenschlags zwischen den unterschiedlichen Gruppen innerhalb der Kirche aus, die in der Spannung zwischen Festhalten und Veränderung stehen.

KNA: Was erwarten sie vom Katholikentag in Leipzig?

Glück: Eine spannende Lernerfahrung. Wie können wir uns denen verständlich machen, die durch ihre Erfahrungen in der DDR von Kirche und Glauben systematisch entfremdet wurden? Da braucht es eine komplett andere Sprache und eine große Sensibilität. Wenn wir von "Ungläubigen" oder "Nicht-Glaubenden" sprechen, dann fühlen sich die Menschen diskriminiert. Aber klar ist: Auch bei diesem Katholikentag wird man Erfolge nicht wie mit einem Fieberthermometer messen oder anhand einer simplen Statistik auswerten können. Das ist beim Dialogprozess genauso.

KNA: Dieser Prozess endet im kommenden Jahr. Wie kann es danach weitergehen - mit einer gesamtdeutschen Synode, wie es auch Stimmen innerhalb des ZdK fordern?

Glück: Wir als Vertreter der katholischen Laien müssen jetzt eine Bestandsaufnahme machen und Vorschläge entwickeln, die im Rahmen des Kirchenrechts umsetzbar sind und auch der großen Bandbreite an Auffassungen aufseiten der Bischöfe Rechnung tragen. Das heißt: Erst kommen die Themen, dann die Strukturen. Da gibt es kurzfristig mögliche Ansätze und längerfristig wünschenswerte Überlegungen.

KNA: Das klingt eher skeptisch in Bezug auf eine Synode.

Glück: Eine Synode mag ein möglicher Weg sein, wenn es aus Rom etwa nach der Weltbischofssynode im kommenden Herbst Signale zu einer neuen Zuordnung zwischen Welt- und Ortskirchen kommt. Ausschließen würde ich nichts. Aber zeitnah wird es sicher keine Synode geben. Da braucht es eine Vorlaufzeit von mehreren Jahren.

Das Interview führte Joachim Heinz.

(KNA)

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