Joseph Beuys im Jahr 1979
Joseph Beuys im Jahr 1979
Pater Friedhelm Mennekes
Pater Friedhelm Mennekes

12.05.2021

Kunst-Experte Mennekes würdigt Beuys zum 100. Geburtstag Der Menschenverbesserer

Joseph Beuys war mehr als nur ein Künstler, er war ein Welt- und Menschenverbesserer. Und ein Leidender. An diesem Mittwoch wäre der Schöpfer der "Fettecke" 100 geworden. Jesuitenpater Friedhelm Mennekes über seine Beuysfaszination.

DOMRADIO.DE: Sie haben Beuys persönlich kennengelernt. Was war er für ein Mensch?

Prof. Friedhelm Mennekes SJ (Theologe, Kunstkenner und Beuys-Experte): Ein ganz anderer Mensch als der, den ich befürchtete. Also ich hatte Angst bei der ersten Begegnung, dass ich wie ein kleiner Junge dastehe und dass er mich immer nur übersieht. Aber das war ganz anders. Beuys war herzlich, zugewandt und hat wirklich darum gerungen, dass ich in sein Denken und Tun einsteige.

Er hat mich behandelt wie jemanden, der auf einer Leiter steht und den er hinaufziehen möchte. Und das mit Anstrengung und Geduld.

DOMRADIO.DE: Ansonsten kennt man ihn eher als "Enfant terrible", als einen Mann und Künstler, der provoziert. Wie passt das zusammen?

Mennekes: Nun ja, die Kunst ist ja immer eine Kraft unter den Menschen, die nach vorne geht, die die Entwicklung will und nicht sich ergötzen möchte an dem, was war und was dann auf eine langweilige und für jeden Künstler geradezu ätzende Weise sich wiederholt. Vielmehr springt die Kunst von einem neuen Punkt zu einem anderen neuen Punkt, damit der Mensch sich weitet.

In diesem großen Sinn der Erweiterung sieht Beuys in der Kunst eine Kraft, die den Menschen wecken und aufbrechen kann, damit er das Menschliche wie ein tiefes, weites, paradiesisches Tal erkennt.

DOMRADIO.DE: Kunst ist für Beuys nicht etwas Statisches, im Sinne von: Ich setze eine Skulptur in den Raum und das war es, sondern für ihn spielt der Moment der Wahrnehmung und der Prozess eine wichtige Rolle. Könnten wir ihn als einen Mystiker der Kunst beschreiben?

Mennekes: Ja, in dem Sinne ist er sicher ein Mystiker. Oder auch ein Prophet, der das Traditionelle aufbricht. Das ist ja letztlich auch die große Dimension der Mystik: die Hingabe, die Hingabe zu Geburten, zu Neuanfängen.

DOMRADIO.DE: Im Rahmen seiner Kunstaktionen hat Beuys sich auch immer wieder selbst inszeniert. Was erzählen diese Selbstinszenierungen über Beuys und seine Kunst.?

Mennekes: Ich glaube nicht, dass es letztlich um ihn geht. Das Ganze ist wie eine Maske, die Inszenierung in eine Maske hinein, um sie im gleichen Moment aufzubrechen.

DOMRADIO.DE: Ich denke an die Aktion aus dem Jahr 1965 “Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt”. Beuys hatte seinen Kopf mit Honig eingerieben, vergoldet und erklärte in einer Galerie dem toten Hasen auf seinem Arm Bilder. Das Publikum schaute ihm durch ein Glasfenster zu. Ist dies für Sie ein Beispiel für so ein Maskenspiel, wo er sich in den Dienst einer größeren Realität stellt, die er im Moment erschafft?

Mennekes: Genau. Du sollst das Gold sehen und das Spiegeln des Goldes. Du sollst eine andere Welt sehen, andere Farben. Eigentlich bringt er nichts anderes ins Bild als das, was wir alle schon längst kennen. Die Mutter mit dem toten Sohn. Aber es ist jetzt keine Mutter mehr. Es ist jetzt ein Mann. Aber es ist auch kein Mann mehr. Es ist kein Mensch. Es ist eine Gestaltung. Es ist vielleicht ein Engel. Eine andere wichtige Thematik bei Beuys. Das ist der entscheidende Punkt, dass Beuys über diese Wahrnehmungsgrenzen und Blockaden hinausgehen will.

DOMRADIO.DE: Beuys hat sich freiwillig während des Zweiten Weltkriegs zur Luftwaffe gemeldet und traumatische Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg gemacht. Er überlebte nur knapp einen Flugzeugabsturz auf der Krim. Wie haben ihn diese Erfahrungen geprägt?

Mennekes: Nun, man muss sagen, es gibt strukturell im Leben von Beuys das Leiden. Beuys war immer ein Leidender, und zwar ein Leidender, der in einer bewegten Melancholie lebte. Aber indem er sich in diese Traurigkeit hineinbeißt, beginnt er zu spüren, dass aus der Kraft der Traurigkeit in seinem Inneren ein Ausbruch möglich ist.

In dem Sinne war er immer einer, der gelitten hat. Ob es die Einsamkeit als Kind oder die Einsamkeit eines jungen Menschen mit nur wenigen Freunden ist. Oder die Kriegserfahrungen, die Angst, der Absturz und seine aufkeimenden Ahnungen, dass der Krieg eine reine mörderische Brutalitätsmaschine ist, die ihn in die Depression geführt hat.

Immer wieder hat er psychologische Blockaden erlebt und war mehrmals in psychischen Anstalten.

DOMRADIO.DE: Welche Phase in seinem Leben berührt Sie besonders?

Mennekes: Für mich ist eines der spannendsten Elemente, die ich in seinem Leben kenne, das Jahr 1985. Er weiß seit dem Sommer, dass sein Leben zu Ende geht. Er spricht darüber privat, aber auch durch seine Kunst. Er macht große Skulpturen, wie zum Beispiel die Rauminstallation “Schmerzraum”. Diese Skulpturen haben alle zu tun mit der totalen Einsamkeit, der totalen Isolation und der totalen Zurückgeworfenheit auf sich selbst. Sie gehen aus von der Dunkelheit. Und dann, auf einmal, beginnt diese Welt des Dunkelns sich zu erheben.

Nicht von ungefähr hat er sich in seinen letzten Arbeiten mit Leitern auseinandergesetzt, mit Leitern für Erntearbeiter. Wenn sie gut sind, können sie auf der Leiter geradezu tanzen. Sie steigen hoch, gehen damit spazieren, halten aber immer die Balance, um die Kirschen zu pflücken.

DOMRADIO.DE: Welche wichtigen Leiterskulpturen hat er in dieser Zeit geschaffen?

Mennekes: Die allerwichtigste heißt Scala Libera. Im Italienischen bedeutet dieses Wort: ‘eine Stütze, die dich frei macht’. Und dann hat er später noch die Scala Napoletana geschaffen. Das sind seine großartigen, letzten Skulpturen.

Es sind reale Leitern, die leicht schräg im Raum stehen. Aber wenn wir sie sehen, dann sehen wir die Wirklichkeit dahinter. Wir sehen Leitern, die Früchte ernten. Und wenn du weißt, du gehst zum Tod, dann musst du wissen: Was bist du als Frucht und welche Früchte hast du wie ein Baum hervorgebracht?

Diese Leitern können wir auch in Bezug zur biblischen Jakobsleiter setzen.

DOMRADIO.DE: Beuys war er einer, der immer auf der Suche war. War er Gott nahe? Ist es ein Ringen mit Gott bis zum letzten Moment?

Mennekes: Ich würde nicht einmal daran denken, dass er mit Gott ringt. Er findet Gott. Er will Gott finden als Urerfahrung. Als sei man selber ein Spaten, der in die Erde sticht und versucht, aus der Erde heraus das zu heben, was von einer anderen Dimension, der Sonne aus zum Beispiel, Wärme und Licht reinbringt, und auf diese Weise die Erde überhaupt erst zur Erde macht.

Ich glaube nicht, dass er einer ist, der sich mit Gott herumquält. Er will gleich nach vorne gehen und in dem Sinn auch nicht alles verstehen und rationalisieren. Für ihn ist wichtig, die Glaubenskraft wiederzuentdecken.

Ich würde sagen, es geht bei Beuys in seinem Umgang mit Gott gar nicht um Gott. Es geht immer um den Menschen. Aber es geht um Kräfte und um Bewegung. Weil Gott wesentlich der ist, der bewegt.

DOMRADIO.DE: Beuys war der Natur sehr verbunden. War Natur nur ein Objekt für ihn oder sah er in ihr auch eine Schöpfung?

Mennekes: Das ist eine wunderbare Frage. Jetzt würde ich nicht von Schöpfung bei ihm sprechen. Aber für ihn war die Welt, der Kosmos, ein Geworfenes, das nichts anderes macht, als sich weiterzuentwickeln. Diese Weiterentwicklung aber hängt vom Menschen ab.

Er hat mir damals gesagt, dass alle Menschen auf ihre Weise Künstler sind, die die Natur in ihrem Veränderungsprozess wie ein Transformationsriemen treiben.

DOMRADIO.DE: Er hat ja gerne mit einfachen Materialien gearbeitet. Fels, Fett, Tiere. Wir haben den toten Hasen gerade erwähnt, sehr sinnliche, sehr naturnahe Produkte, die man richtig fühlen kann und schmecken. Hat er damit auch das Leben gefeiert?

Mennekes: Natürlich, letztlich ging es ihm ja um das Leben. Aber es ging ihm nicht nur um die lebende Natur, sondern auch um Chemikalien, Gesetzmäßigkeiten oder Elektrizität.

Er hat zum Beispiel mit Herz-Jesu-Heiligenbildchen für das Gebetsbuch gearbeitet. Er schreibt darunter zum Beispiel: “der Erfinder der Dampfmaschine, der Erfinder der Elektrizität, der Erfinder des dritten dynamischen Hauptsatzes”. Und so bindet er Kräfte, die wir als naturwissenschaftliche Kräfte entdeckt haben, ein in dieses weite Verständnis von Natur.

Ich denke auch an eines der schönsten Kreuze von Beuys. Da ist Jesus am Kreuz, darunter eine Maria Magdalena, die hingeht und mit der rechten Hand das Kreuz berührt, und am Kreuz das Herz von Jesus. Die andere Hand hält sie vor ihr eigenes Herz. Man kann sagen, dass durch die Arme Kraftübertragungen geschaffen wurden, die fließen vom Kreuz herab in meine Lebensenergie hinein.

So gibt es immer wieder Übersteigerungen von Bildern. Er transformiert diese Bilder. Niemand hat Kunst so charmant, so verführerisch, so so magisch und so mystisch gemacht wie er.

DOMRADIO.DE: Beuys soll ein Mensch gewesen sein, der immer an seine Grenzen gegangen ist, der sich immer wieder selbst herausgefordert hat. Das hat ja schon fast Märtyrerqualität.

Mennekes: Ja, natürlich. Das ist letztlich das große Suchen, von dem er ausgeht. Er hat wahnsinnig gerne mit Menschen gerungen, aber nicht, um Recht zu haben. Ich denke, er arbeitete am Übersteigen des Menschen. Nicht zu einem göttlichen Wesen, aber er wollte, dass der Mensch in der Lage ist, hoch zu steigen, eben bis in Richtung des Göttlichen.

DOMRADIO.DE: Vor 100 Jahren ist Beuys geboren worden. Wenn die Museen wieder offen sind und Beuys' Ausstellungen zu sehen sein warden - mit welcher Haltung kommen wir Beuys und seinen Werken näher.

Mennekes: Die Kunst von Beuys ist eine Kraft, mit der er Menschen, die sich auf ihn einlassen, bewegt. In mir ereignet sich immer etwas, wenn ich eine Skulptur, eine Zeichnung oder einfach nur eienn zarten, einfachen Strich von Beys sehe. Sie spiegeln sich in mich hinein wie ein Sonnenstrahl.

Beuys ist ein Zauberer, der mit seinen Werken in uns Gedanken aufkommen lassen, ein erfrischendes Kickoff, ein leuchtendes Staunen.

Insofern glaube ich, das ist eine Kunst, die Hoffnung macht. Das ist eine Kunst, die wächst – in uns allen.

Das Interview führte Birgitt Schippers.

(DR)

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