Eine Frau auf einer Beerdigung
Eine Frau auf einer Beerdigung
Eine Rose auf einem Sarg
Eine Rose auf einem Sarg
 Andachtsplatz im Friedwald
Andachtsplatz im Friedwald
Eine Seeurne, die im Meer versenkt werden soll
Eine Seeurne, die im Meer versenkt werden soll
Verbrennungsofen eines Krematoriums
Verbrennungsofen eines Krematoriums
Die Osterkerze - für Christen ein Symbol der Hoffnung auf Auferstehung
Die Osterkerze - für Christen ein Symbol der Hoffnung auf Auferstehung

15.11.2020

Beerdigungen im gesellschaftlichen Wandel Friedhof, Meer oder Weltall?

Der November gilt als Trauermonat: Allerheiligen, Allerseelen, Volkstrauertag. Ein Blick auf den Friedhof zeigt: Immer mehr Menschen wollen nicht mehr religiös bestattet werden. Hat das kirchliche Begräbnis ausgedient?

Haben Sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, wie Sie beerdigt werden wollen? Die Antworten dürften wahrscheinlich recht unterschiedlich ausfallen. Während viele Menschen testamentarisch Anweisungen zu ihrer Beerdigung hinterlassen haben, gibt es andere, die sich damit noch nicht oder gar nicht auseinandergesetzt haben.

Bestattung heute: Unendliche Möglichkeiten

Die Bandbreite möglicher Bestattungsformen wächst immer mehr. Und nicht nur die Wahl der Bestattungsform – Sarg oder Urne - gehören dazu, sondern auch die Art und Weise, wie Beerdigungen gestaltet werden. Wurden im Jahre 2000 noch etwa 70% der Menschen kirchlich (katholisch oder evangelisch) bestattet, so waren es 2016 schon nur noch etwa 56,5% insgesamt, davon gut 27%, auf der katholischen Seite.

Der klassische Friedhof ist bei vielen Menschen längst abgeschrieben. Andere Orte scheinen verlockender: die Verstreuung in der Weite des Meeres, das Einswerden mit der Natur in einem Friedwald, das vollkommene In-Ruhe-gelassen-werden bei der Wahl eines anonymen Grabes. Selbst Weltraumbestattungen, bei denen ein Teil der Asche eines Verstorbenen mit einer Rakete ins All geschossen wird, sind alles andere als ferne Zukunftsmusik.

Oft wenden die Angehörigen sich nicht an die jeweilige Kirche oder Religionsgemeinschaft, sondern an freie Trauerredner. Was an ihnen geschätzt wird? Die große Flexibilität in der Ausgestaltung der Feier und die Vielzahl an Möglichkeiten. Da werden Luftballons steigen gelassen, Särge bemalt, die Lieblingsmusik des Toten wird gespielt – recherchiert man im Internet nach den besten Liedern für Beerdigungen, stößt man nicht etwa auf Kirchenlieder, sondern auf die Beatles, Elton John, Enya oder Bob Dylan.

All dies dient meist einem Ziel: die Individualität des Verstorbenen, seine einzigartige Lebensgeschichte noch einmal zu inszenieren und sich dankbar an ihn zu erinnern.

Wie kam es zu den Verschiebungen?

Natürlich gibt es ganz pragmatische Gründe für diese Veränderungen. Hätte sich etwa die Feuerbestattung nicht durchgesetzt – die von der Kirche übrigens erst 1963 offiziell erlaubt wurde – wäre die große Bandbreite an Bestattungsmöglichkeiten natürlich nicht gegeben. Aber vor allem hat ein gesellschaftliches Umdenken stattgefunden.

Der Mensch von heute, der „moderne Mensch“, könnte man sagen, denkt und handelt anders als der Mensch vergangener Zeiten. Er möchte sich nicht auf eine Sache oder einen Ort festlegen. Er möchte ein Leben führen, in dem er möglichst viel Interessantes erlebt und möglichst viel Erfreuliches.

Und diese Weltdeutung des modernen Menschen spiegelt sich in der Wahl seiner Begräbnisform wider: Für jemanden, der sich nicht festlegen möchte, ist ein kirchliches Begräbnis, verbunden mit einem festen Ort und einer bestimmten Weltdeutung, weit weniger attraktiv als über dem Meer verstreut zu werden in einer Feier, die viele Interpretationsspielräume offen lässt. Weil der Tod an sich alles andere als erfreulich ist, wird das erfreuliche Leben des Verstorbenen, seine Biographie, noch einmal in den Mittelpunkt gerückt. Gemäß dem Grundsatz „Über Tote redet man nicht schlecht“ werden dabei oft vor allem die positiven Aspekte betont.

Und dann ist da noch das kirchliche Begräbnis, das eben mit einem konkreten, dem christlichen Deutungshorizont verbunden ist. Der Tod des Menschen und die Hoffnung auf seine Auferstehung werden in den Tod und die Auferstehung Jesu Christi mit eingebunden. Damit hat es aus seinem Selbstverständnis und seiner inneren Logik her zwar ein großes Trostpotential; das wird andererseits von den Menschen heute aber oft nicht verstanden.

Daraus ergeben sich verschiedene Spannungsfelder, die – vielleicht auch für die zukünftige Gestaltung kirchlicher Begräbnisse – bedacht werden sollten.

Gottesdienst oder Event?

Ein kirchliches Begräbnis ist in der katholischen Kirche ein Gottesdienst – selbst, wenn nur das Begräbnis auf dem Friedhof ohne vorheriges Auferstehungsamt gefeiert wird. Das heißt: Es setzt voraus, dass es ein Gegenüber hat, nämlich Gott selbst, der auf das Handeln der Mitfeiernden antwortet. Der Tote wird also nicht nur durch die Texte des Begräbnisses in eine Beziehung mit Gott gebracht, sondern allein schon dadurch, dass sein Begräbnis als Gottesdienst gefeiert wird.

Der Weg des Toten mit Gott wird auch in der Form des Begräbnisses deutlich. Denn in seiner vollständigen Form hat es drei verschiedene Stationen, der Tote wird also tatsächlich auf seinem letzten Weg begleitet. Und es ist auf eine konkrete Hoffnung ausgerichtet. Ein freies, „weltliches“ Begräbnis ist oft mehr ein Event: viel Inszenierung und die Anwesenden sind mehr Publikum als aktiv beteiligt. Außerdem wird es häufig als „Trauerfeier“ bezeichnet, was schon eine andere Ausrichtung assoziiert.

Es geht primär um die Trauer um den Verstorbenen und weniger um die Hoffnung auf Auferstehung – wenn, dann wird sie nur sehr unkonkret formuliert. Dabei liegt in der aktiven Beteiligung gerade angesichts des Todes eigentlich eine große Stärke, da es dem Menschen in einer Extremsituation helfen kann, irgendwie mit „anzupacken.“

Trauer oder Freude?

Das führt zum nächsten Punkt, in dem beide Begräbnis-„Arten“ sich voneinander unterscheiden. Während das kirchliche Begräbnis natürlich auch Aspekte des Trauerns aufweist, hat es grundsätzlich dennoch eine hoffnungsvolle Ausrichtung – schließlich ist damit die Hoffnung auf die Auferstehung verbunden, die auch in einer sehr deutlichen Art formuliert wird: „Der Herr aber wird dich auferwecken.“ Nicht „möge“, nicht „soll“ – sondern „wird“.

Und diese Hoffnung, die eigentlich ein Grund zur Freude wäre, ist aus christlicher Sicht ja auch berechtigt, schließlich wird gewissermaßen das „persönliche Ostern“ des Verstorbenen gefeiert. Aber wird das heute noch verstanden – und dass genau darin die tröstliche Ausrichtung des kirchlichen Begräbnisses besteht? Das Element der Trauer, ja der Klage über den Verlust ist im nichtkirchlichen Begräbnis oft viel präsenter.

Und Trauer zu ermöglichen ist im Angesicht des Todes ja eine zentrale Aufgabe – auch für die Kirche. Bei aller berechtigten Hoffnung auf die Auferstehung sollte diese Dimension also auf keinen Fall vernachlässigt werden; schließlich ist das, was die Anwesenden auf einem Begräbnis verbindet, zumeist in erster Linie eben diese Trauer.

Christliche Gemeinde oder engster Familienkreis?

Tod, Sterben und Begräbnis sind heute zu einer Privatangelegenheit geworden – ein Blick in die Zeitung zeigt, dass bei vielen Todesanzeigen der Satz „Die Beisetzung findet im engsten Familienkreis statt“ zu lesen ist. Und natürlich ist der Tod eines geliebten Menschen eine Angelegenheit, die für Familie und Freunde hoch emotional ist. Im christlichen Kontext hat die Totenfürsorge allerdings von Anfang an eine zentrale Stellung eingenommen; im antiken, nichtchristlichen Kontext fielen die Christen sogar dadurch auf, dass sie sich um ihre Toten kümmerten.

Und auch heute noch gilt: Es ist die christliche Gemeinde, die ihre Toten begräbt – nicht der Priester oder Diakon allein, der steht stellvertretend für die Gemeinde. Und die konkrete Gemeinde vor Ort steht für die Universalkirche, in die der Tote mit eingebunden wird. Er lebt und stirbt also in der Kirche. Nicht umsonst wird jede kirchliche Beerdigung im Schaukasten der Pfarrei öffentlich gemacht.

Und auch nach der Bestattung sorgt die Gemeinde dafür, dass der Tote nicht einfach „weg“ ist; nicht umsonst kennt die Kirche verschiedene ritualisierte Formen des Totengedenkens, etwa Wochen- und Jahrgedächtnisse oder auch das Gedenken an Allerheiligen und Allerseelen. Dieser öffentliche Umgang mit dem Tod könnte vielleicht auch dazu anregen, sich mit dem eigenen Tod auseinander zu setzen – was aber nicht sonderlich gut zur Mentalität des modernen Menschen passt, der ein möglichst erfreuliches Leben führen will.

Menschenwürde oder Anonymität?

Anonyme Begräbnisformen werden immer beliebter. Gründe dafür gibt es viele: veränderte    Jenseitsvorstellungen    wie    etwa naturreligiöse Motive – das Einswerden mit der Natur im Wald oder im Meer – oder  die  Wahl  dieser  Bestattungsform  aus  ganz  pragmatischen  Gründen  wie  dem,  den Angehörigen die Grabpflege ersparen zu wollen. So kann die Individualität, die dem modernen Menschen so wichtig ist, sich paradoxerweise auch in der Wahl vollkommener Anonymität äußern.

In der katholischen Erdbestattung ist der Körper des Menschen jedoch ein zentrales Element. Er symbolisiert den Toten und seine Geschichte so deutlich, wie nur möglich. Nicht umsonst werden in der Begräbnisliturgie explizite Handlungen am Leib des Toten vorgenommen – etwa das Besprengen mit Weihwasser oder der Erdwurf. Das Symbol des Leibes ist sogar so deutlich, dass der Tote noch mit seinem Namen angesprochen wird, als könne er hören.

Der Gedanke dahinter: Selbst im Tod kommt dem Menschen noch eine Würde zu. Allerdings gehört zur Menschenwürde ja auch die Freiheit, sich für eine bestimmte - auch anonyme – Bestattungsform zu entscheiden. Zwischen beidem muss eine Balance gefunden werden.

Vielleicht wäre es an der Zeit, wieder an einer Feier anzuknüpfen, die es von kirchlicher Seite zwar gibt, die aber selten genutzt wird: die liturgische Feier der Verabschiedung vor der Einäscherung. Dabei werden die gleichen Handlungen am Verstorbenen vorgenommen wie bei der Erdbestattung, aber der Wunsch nach einem anschließenden anonymen Begräbnis könnte ebenso berücksichtigt werden.

Eindeutigkeit oder Flexibilität?

Neben der Grundform des kirchlichen Begräbnisses gibt es eine Reihe von Variationen für besondere Situationen und Anlässe: der Tod von Elternteilen, der plötzliche Tod, die Bestattung von Kindern und viele mehr; auch an Schrifttexten gibt es eine große Auswahl. Und eine wiedererkennbare Grundstruktur ist für ein Ritual, insbesondere für ein Trauerritual, was das kirchliche Begräbnis ja auch ist, von zentraler Bedeutung, weil es Halt vermittelt.

Damit ergibt sich ein Problem, denn auf der anderen Seite sind es ja gerade die Möglichkeiten zur individuellen Gestaltung, die der Mensch von heute an freien Begräbnissen oder Trauerfeiern so schätzt. Vielleicht wird das kirchliche Begräbnis deswegen heute oft als starr und unpersönlich empfunden. Es stellt sich also die Frage, ob die Eindeutigkeit dieses Rituals, die schließlich auch Halt vermitteln kann, in der Praxis überhaupt noch gewünscht ist.

Auch hier muss ein Rahmen gefunden werden, der einerseits Wiedererkennbarkeit vermittelt, andererseits aber genügend Freiräume zur individuellen Gestaltung offenlässt. Zudem gibt es gesellschaftliche Entwicklungen, auf die das kirchliche Begräbnis noch gar nicht reagiert hat – etwa die Debatte um den assistierten Suizid. Kann es in derartigen Fällen überhaupt ein kirchliches Begräbnis geben? Und wenn ja, wie müsste es gestaltet sein?

Das kirchliche Begräbnis: alles andere als von gestern

Hat das kirchliche Begräbnis angesichts all dieser Neuerungen und Entwicklungen also ausgedient? Schließlich scheint es tatsächlich einige Punkte zu geben, in denen es in seiner heutigen Form so gar nicht zur modernen Mentalität passt. Gleichzeitig hat es eine Botschaft, die nicht nur Trost und eine echte Perspektive für den Toten beinhaltet – im Gegensatz zu den oft vagen Hoffnungsperspektiven nichtkirchlicher Trauerfeiern – sondern auch die Würde des Verstorbenen hochhält, dem Tod eine gewisse Öffentlichkeit gibt und aktives Handeln angesichts des Unbegreifbaren ermöglicht.

Und dem Eindruck, dass kirchliche Begräbnisse unpersönlich und trostlos seien, muss entgegengesetzt werden, dass es aus seinem Selbstverständnis heraus den Toten in den Mittelpunkt stellt und mit seiner einzigartigen Lebensgeschichte in Beziehung mit Gott setzt.

Vielleicht ist die Frage nicht die, ob das kirchliche Begräbnis ausgedient hat, sondern vielmehr die, wie es in der heutigen Zeit gestaltet werden kann. Vielleicht können beide Seiten voneinander lernen. Das kirchliche Begräbnis mit seinem konkreten Hoffnungspotential kann einerseits in einer vielfältigen Gesellschaft ein plausibles Hoffnungsangebot aufzeigen und einen Orientierungspunkt bieten.

Andererseits kann die Gestaltung nichtkirchlicher Trauerfeiern vielleicht Ideen oder Anknüpfungspunkte für die zukünftige Gestaltung kirchlicher Begräbnisse bieten. Spricht denn etwas dagegen, die Begräbnisliturgie um einige – natürlich passende – Symbolhandlungen zu erweitern?

Der Bezug zu Tod und Auferstehung Jesu Christi ist für das kirchliche Begräbnis unverzichtbar und auch in einer modernen Gesellschaft nicht aufgebbar.

Aber vielleicht muss es eher darum gehen, den Menschen von heute das damit verbundene Hoffnungsangebot zu vermitteln, indem ihr eigenes Leben und ihre eigenen Erfahrungen noch viel mehr in das kirchliche Begräbnis eingebunden werden – damit es nicht nur dem Anspruch nach, sondern auch tatsächlich um den je unverwechselbaren Menschen mit seiner eigenen Lebensgeschichte geht, der hofft, nach seinem Tod in Gott eine Zukunft zu finden.

Und auch, wenn der Mensch von heute sich vielleicht nicht darauf festlegen möchte: es muss zumindest gelingen, ihm dieses Angebot so zu machen, dass er darin eine Relevanz für sein Leben erkennen kann.

Hannah Krewer
(DR)

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