Abbild eines von Markus Lüpertz entworfenen Kirchenfensters
Ein Abbild des von Markus Lüpertz entworfenen Kirchenfensters
 Florian Wildhagen Vorsitzender Richter der Zivilkammer 18 am Landgericht Hannover, begutachtet die Architektur der Marktkirche
Florian Wildhagen Vorsitzender Richter der Zivilkammer 18 am Landgericht Hannover, begutachtet die Architektur der Marktkirche
Georg Bissen, Stiefsohn des Architekten Dieter Oesterlen
Georg Bissen, Stiefsohn des Architekten Dieter Oesterlen, spricht während eines Ortstermins im Zivilprozess um das Fenster
Markus Lüpertz
Markus Lüpertz

22.10.2020

Streit um Lüpertz-Kirchenfenster Bereicherung oder Zerstörung?

Die Marktkirche steht für Hannover wie der Eiffelturm für Paris. Das schreibt die Gemeinde auf ihrer Internetseite. Altkanzler Schröder möchte ihr ein neues Kunstwerk schenken. Verstößt dieser Plan das gegen das Urheberrecht?

Es sollte ein hochkarätiges Geschenk für seine Heimatstadt Hannover werden: Vor zweieinhalb Jahren wurde bekannt, dass Altkanzler Gerhard Schröder der Marktkirche ein von Star-Künstler Markus Lüpertz gestaltetes Glasfenster stiften möchte. Eigentlich sollte das 13 Meter hohe Werk schon am Reformationstag 2018 den gotischen Innenraum in neues Licht tauchen.

Doch seit Juni 2019 beschäftigt sich das Landgericht Hannover mit dem Fall. Hintergrund ist eine Klage von Georg Bissen. Das ist der Erbe des Architekten Dieter Oesterlen, der für den Wiederaufbau der Marktkirche nach dem Zweiten Weltkrieg verantwortlich war. Der Kläger sieht Oesterlens Urheberrecht verletzt. (Az.: 18 O 74/19)

Bissen: Atmosphäre der Kirche wird verändert

Sein Stiefvater habe eine großartige Atmosphäre von Schlichtheit und Geschlossenheit geschaffen, sagt Bissen bei einem Ortstermin in dem Gotteshaus aus Backstein, das als ein Wahrzeichen Hannovers gilt. „Die Marktkirche will diese Atmosphäre verändern“, kritisiert er. Bissen klagt gegen den Kirchenvorstand, um den Einbau des Fensters zu verhindern.

Nun verschafft sich die 18. Zivilkammer einen Eindruck vom Innenraum - zur Vorbereitung auf die mündliche Verhandlung am 3. November. Mit einem Diktiergerät hält der Vorsitzende Richter Florian Wildhagen minutiös das Inventar, die Kunstwerke und den Lichteinfall fest. Das „streitgegenständliche“ Fenster liegt auf der Südseite, wie er diktiert, ein „schmuckloses Buntglasfenster, leicht getönt, das Licht gut in den Kirchenraum dringen lässt“.

Das Böse, das Luther herausfordert

Auffällige bunte Fenster gibt es hinter dem Altar und über dem Eingang, an beiden Seiten des Kirchenschiffes sind sie jedoch hell und schlicht. Der Entwurf von Lüpertz ist als Papp-Aufsteller zu sehen: eine eher düstere Szenerie mit zwei Gestalten und fünf dicken schwarzen Fliegen. Dem Künstler zufolge verkörpern sie das Böse, das den Reformator Martin Luther herausfordert. Schon bevor der Architekten-Erbe sein Veto einlegte, gab es Diskussionen über das Fenster in der Gemeinde.

Einigen Mitgliedern gefiel der Stifter Schröder wegen dessen Nähe zu Kreml-Chef Wladimir Putin nicht. Nach früheren Angaben der Marktkirche soll das Fenster 150 000 Euro kosten. Der Altkanzler überlasse dafür Honorare von Vorträgen bei deutschen Unternehmen und Verbänden der Marktkirche, erläutert der Vorsitzende des Kirchenvorstands, Reinhard Scheibe. Eine dpa-Anfrage zu dem laufenden Rechtsstreit ließ der Altkanzler zunächst unbeantwortet.

Lüpertz: Wollen die Kirche nicht umbauen

Lüpertz reagierte in der Vergangenheit mit Unverständnis auf den Widerstand gegen das Projekt. Er wolle die Kirche ja nicht umbauen, sagte er vor zwei Jahren. Der mit Schröder befreundete Maler und Bildhauer hat schon für Kirchen unter anderem in Köln und Bamberg Glasfenster geschaffen.

Das für die Marktkirche bestimmte Fliegen-Fenster wird in den Derix Glasstudios im hessischen Taunusstein gefertigt. Die Arbeiten seien bereits relativ weit fortgeschritten, sagt Kirchenvorstands-Chef Scheibe. „Wir hoffen darauf, dass wir die Chance bekommen, es einzubauen.“ Das Fenster sei eine Bereicherung für die Gemeinde mit einem wichtigen historischen und liturgischen Bezug zur Reformation.

Christina Sticht
(dpa)

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