Die Kathedrale Notre-Dame - vor dem Brand
Die Kathedrale Notre-Dame - vor dem Brand
Die ehemalige Kölner Dombaumeisterin Schock-Werner
Die ehemalige Kölner Dombaumeisterin Schock-Werner

12.07.2020

Originalgetreuer Wiederaufbau der Pariser Kathedrale Notre-Dame Schock-Werner: "Ich war erleichtert"

Die Entscheidung ist gefallen: Die berühmte Pariser Kathedrale Notre-Dame soll möglichst originalgetreu wieder aufgebaut werden. Verrückte Wiederaufbauideen sind vom Tisch. Darüber ist nicht nur die ehemalige Dombaumeisterin Schock-Werner froh.

DOMRADIO.DE: Nachdem verheerenden Brand in der Pariser Kathedrale Notre-Dame 2019 gab es Streit, wie sie wieder aufgebaut werden sollte. Jetzt ist entschieden, dass es einen originalgetreuen Wiederaufbau geben soll. Was dachten Sie, als Sie das hörten?

Barbara Schock-Werner (ehemalige Kölner Dombaumeisterin): Ich war erleichtert, weil ich das schon immer so richtig gefunden hätte und sich unser Kollege an Ort und Stelle, Philippe Villeneuve, der Chef de la Cathédrale, durchsetzen konnte, der das ja von Anfang an propagiert hatte. Zwischendurch bekam er sogar deshalb einen Maulkorb von offizieller Seite, er solle sich nicht laut dazu äußern. Aber jetzt sind seine Argumente doch angekommen, und es soll weitgehend so werden wie es war.

DOMRADIO.DE: Philippe Villeneuve begründete die Forderung nach einem originaltreuen Wiederaufbau mit den Sünden am Kölner Dom. Der Vierungsturm sei so eine Warze, warum sagt er das?

Schock-Werner: Das Wort Warze hat mich natürlich gekränkt. Aber im Grunde hat er recht. Das Problem ist, einen modernen Vierungsturm auf eine gotische Kathedrale zu setzen. Das hat man hier in den frühen Sechzigerjahren bewusst getan. Wir sind alle nicht sehr glücklich mit dem Vierungsturm, weil wir die dort stehenden Engeln auch nicht so schön fanden und ihn vorher, er hatte so drachenähnliche Wasserspeier, sehr viel passender gefunden hatten. Das Wort Warze finde ich nun nicht so charmant. Aber er musste ja drastische Beispiele wählen, um seine Idee der Rekonstruktion durchzusetzen.

DOMRADIO.DE: Was gab es alles für Ideen? Es hat ja einen Architektenwettbewerb gegeben.

Schock-Werner: Nein, es hat keinen Wettbewerb gegeben, der war aber immer nur angekündigt. Aber es haben sich viele Architekten, sogar namhafte, ohne Auftrag um Ideen bemüht. Diese Ideen standen im Netz. Ich hab die alle gesammelt. Dabei waren Ideen wie ein Schwimmbad oder ein Parkdeck auf den Gewölben.

Die waren natürlich nicht alle so ernst gemeint, aber gerade an der Vielzahl der Vorschlägen konnte man schon sehen, wie schwierig es wirklich ist, einen modernen oder neuen Vierungsturm dafür zu entwerfen, der das Gesamtbild bereichern würde und nicht zerstört. Das ist eigentlich keinem Entwurf gelungen und vielleicht hat man sich deshalb schließlich für die Rekonstruktion des sehr schönen neugotischen Vierungsturms von Viollet-le-Du entschieden.

DOMRADIO.DE: Wie geht man heutzutage mit dem Material um. Orginialtreu wären Holz und Blei. In wie weit können Aspekte wie Brandschutz und Umweltschutz beachtet werden?

Schock-Werner: Philippe Villeneuve möchte auf jeden Fall wieder einen Holzdachstuhl aus Eichenholz, weil er das Gewicht aus statischen Gründen braucht. Ein Stahldachstuhl wäre viel zu leicht und würde zu einem Ungleichgewicht in den Wänden führen. Beim Vierungsturm, wenn man ihn wirklich penibel rekonstruieren will, er war ja aus Holz, müsste man auch Holz nehmen. Da weiß ich nicht, ob nicht vielleicht ein Kompromiss möglich wäre, weil er ja wie eine Fackel gebrannt hat. Vielleicht nimmt man einen Stahlkern, den man weitgehend so verkleidet, wie er war.

Das muss wirklich vor Ort entschieden werden. Alle großen Kirchen oder fast alle großen Kirchen, die ich kenne, haben ein Bleidach. Der Kölner Dom hat auch ein Bleichdach. Das ist das haltbarste Material. Kupfer- und Ziegeldächer sind nicht so haltbar. Das gibt es auch an ein paar Stellen, aber die Wartung ist aufwendiger. Blei ist schon ein gutes Material. Den neuen Holzdachstuhl wird man anders als den alten mit einem besseren Brandschutz schützen. Man kann ja Holz auch schwer entflammbar machen. Man wird in Zukunft sicher Brandabschnitte einfügen in dem Riesendach. Aber normalerweise passiert ja nicht dasselbe zweimal an der gleichen Stelle, aber man weiß ja nie. Nachdem die Franzosen ja geradezu ein eine Phobie gegen dieses Blei entwickelt haben, weiß ich auch nicht, ob Villeneuve wirklich wieder ein Bleidach durchsetzten kann oder ob man sich doch für ein anderes Material entscheidet.

DOMRADIO.DE: Sie sind für die Koordination der möglichen deutschen Hilfen für den Wiederaufbau von Notre-Dame zuständig. Unser Land will vor allem mit Glasfenstern helfen. Wie weit ist das bereits gediehen?

Schock-Werner: Das ist noch nicht sehr weit gediehen. Auch da kam Corona-Krise dazwischen, aber auch die Tatsache, dass sie noch mit dem Abbau des verbrannten, verbogenen Restaurierungsgerüst auf dem Dach zugange sind. Es ist zwar sehr viel niedriger geworden, aber es ist immer noch da. Philippe Villeneuve war hauptsächlich damit beschäftigt. Erst wenn dieses Gerüst weg ist, kann man im Grunde feststellen, ob das eine mittlere Gewölbejoch noch standfest ist, da liegt das Gerüst nämlich drauf, oder ob es ersetzt werden muss. Davon hängt sehr viel ab.

Wenn dieses oder gar mehrere Gewölbe ersetzt werden müssen, dauert das natürlich noch länger, bis es fertig ist. Wenn es standfest ist, sieht das anders aus. Auch der Architekt Philippe Villeneuve möchte den Menschen so früh wie möglich den Raum zurückgeben. Das heißt die Gewölbe schließen und den Innenraum damit wieder zugänglich machen. Das könnte in der angepeilten Zeit durchaus, wenn die Gewölbe mitspielen, auch möglich sein.

DOMRADIO.DE: Die angepeilte Zeit, 2024, ist schon sehr sportlich, dann kam auch noch Corona.

Schock-Werner: Wobei man sagen muss, dann ist der Raum zugänglich. Fertig ist ja ein Begriff, der definiert werden muss. Wenn der Innenraum zugänglich ist, kann man sagen, dass die Kirche fertig ist. Ob der Dachstuhl, der Vierungsturm, die Orgelrestaurierung, die Säuberung - ob das auch schon alles bis dahin geschehen ist, ist eine ganz andere Frage. Insofern kann man dann dem Staatspräsidenten Macron entgegenkommen mit: "Es ist fertig". Aber weitergearbeitet wird dennoch.

DOMRADIO.DE: Sie fahren Ende August, wenn alles so kommt, wie es kommen soll, wieder zusammen mit dem Dombaumeister Peter Füssenich nach Paris. Was machen Sie denn da?

Schock-Werner: Mein Angebot nach langer Überlegung ist, die Spendengelder sind vorhanden, bei der Restaurierung der bereits ausgebauten Fenster mit den deutschen Glasrestaurierungswerkstätten helfen, die an die Dombauhütten angeschlossen sind. Das wäre in Köln, Erfurt und Naumburg. Dafür gibts bei uns eine große Kompetenz. Diese Idee ist bis jetzt sehr gut angekommen, wurde auch von der Ministerin vorgetragen. Ich habe bis jetzt nur eine Scheibe in den Werkstätten gesehen. Im August wollen wir dahin und uns die Scheiben angucken und mit den französischen Kollegen verhandeln, wie wir das machen können und ob das wirklich sinnvoll ist.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(DR)

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