Eine Fahrradtour in den Sommerferien
Eine Fahrradtour in den Sommerferien

28.06.2020

Urlaubstipp in Corona-Zeiten: Radwege-Kirchen statt Mallorca "Wir bieten spirituelle Tankstellen"

Radfahren boomt. Die Kirchen laden nun ein, bei Touren nicht nur an Baggerseen und Biergärten zu stoppen, sondern auch Kapellen und Kirchen als Rastplätze zu entdecken.

Noch immer gilt die weltweite Reisewarnung des Auswärtigen Amtes - ausgenommen sind nur die meisten EU- und Schengen-Staaten. Und so dürften die Bundesbürger ihren Urlaub im Corona-Sommer 2020 vor allem im eigenen Land verbringen. Nicht wenige auf dem (E-)Bike. Eine steigende Nachfrage verzeichnen auch die bundesweit rund 350 Radwegekirchen.

Kirchen an beliebten Radwegen sind geöffnet

Vor gut zehn Jahren startete das Projekt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), an beliebten Radwegen gelegene Gotteshäuser für Radler zu öffnen. Als Einladung, die Kirchen als Kulturdenkmäler und Rastplätze zu entdecken. "Wir wollten mehr bieten als verschlossene Kirchentüren, und so sind durch das Engagement der Gemeinden vielerorts echte spirituelle Tankstellen entstanden", beschreibt der EKD-Radwegekirchen-Beauftragte Andreas Jensen.

Dabei haben die Gemeinden vor Ort große Freiheiten, die jeweiligen Ideen und Konzepte für die Radwegekirchen individuell auszugestalten. Was sie verbindet: Immer sind die Gotteshäuser mit einer grünen Plakette gekennzeichnet und ausgeschildert. Es gibt Sitzmöglichkeiten, Wasser zum Auffüllen für die Radflaschen, offene Toiletten und die Einladung, in den Kirchen für einige Minuten zur Ruhe zu kommen. "Vielerorts entstehen dann auch kleine Gespräche und Kontakte mit den Menschen vor Ort", so Jensen.

Wegen Corona nicht alle Kirchen immer geöffnet

An dem EKD-Projekt beteiligen sich inzwischen auch viele katholische Kirchen. Einen bundesweiten Überblick und Routenvorschläge gibt es über die Internetseite radwegekirchen.de. Hier sind Kirchen Rastplätze an etwa 150 Radwegen in ganz Deutschland aufgeführt. Wegen der Corona-Pandemie kann es derzeit allerdings vorkommen, dass einzelne Kirchen nicht immer geöffnet sind.

Das Radwegekirchennetz wird vielerorts durch regionale und lokale Initiativen ergänzt. Neu erschienen ist gerade der Infoflyer "Offene Kirchen am Bodensee-Radweg", der zwischen Bodman und Friedrichshafen mehr als ein Dutzend Kirchenstationen vorstellt. Er verbindet gut gestaltete Kartenausschnitte mit Fotografien und Kurzinformationen zu den entsprechenden Kirchen: vom Barockjuwel Birnau bis zur Jakobus-Kirche in Sipplingen, in der zwischen Mitte Juli und Anfang September in Kooperation mit dem Südwestrundfunk täglich zwei Hörspiele zu erleben sind. In der Ortenau haben katholische und evangelische Gemeinden zuletzt eine gemeinsame 40-km-Tagestour ausgeschildert.

Verteilung ist noch sehr unterschiedlich

Mancherorts ist das Radwegekirchen-Netz allerdings noch recht weitmaschig geknüpft. So beteiligen sich entlang des 1.000 Kilometer langen Ostseeküsten-Radwegs gerade einmal fünf Kirchen. Für den fast 500 Kilometer langen Weser-Radweg vom Weserbergland bis zur Nordsee sind immerhin 18 Kirchen aufgeführt. Der Fulda-Radweg von der Quelle in der Rhön bis zum nordhessischen Bad Karlshafen weist 15 Gotteshäuser auf. Inzwischen gibt es auch erste Projekte in der Schweiz und in Österreich. Ein beschleunigter Ausbau des Netzes sei derzeit nicht geplant, heißt es bei den Verantwortlichen.

Während der Radtour auf religiösen Raum einlassen

Letztlich gehe es vor allem darum, Radfahrer einzuladen, während ihrer Touren die Augen offenzuhalten und sich auf einen religiösen Raum einzulassen. Und dann sei es zweitrangig, ob die Kirche nun das offizielle Radwegekirchen-Siegel trägt oder nicht, wie Norbert Kebekus vom Erzbistum Freiburg sagt. Und Jensen beobachtet, dass viele Urlauber mit sehr hohen Erwartungen an Erholung und Freizeitspaß in ihre Ferienwochen starten. "Vielleicht können die Radwegekirchen hier ganz unaufgeregt eine kurze Atempause für die Seele bieten."

Volker Hasenauer
(KNA)

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