Domkapellmeister Eberhard Metternich dirigiert beim Adventskonzert im Mittelschiff des Domes
Domkapellmeister Eberhard Metternich dirigiert beim Adventskonzert im Mittelschiff des Domes
Domkapellmeister Eberhard Metternich
Domkapellmeister Eberhard Metternich

29.03.2020

Corona-Virus verursacht auch Probleme beim Jugendchor "Da kann ich wieder von vorne anfangen"

Veranstaltungsverbote machen Proben für Chöre unmöglich. Domkapellmeister Eberhard Metternich erklärt, welche Folgen das für die Kar- und Osterliturgie hat und wie er mit seinen Chormitgliedern in Verbindung bleibt. 

DOMRADIO.DE: Haben Sie jetzt weniger Stress?

Eberhard Metternich (Kölner Domkapellmeister): Nicht ganz, wie vielleicht bei anderen Kollegen. Den Kirchenmusikern in den Gemeinden ist ja erst mal alles weggebrochen. Da gibt es keine Chorarbeit und auch keine Dienste. Das ist bei uns am Dom etwas anders, da es jeden Tag zwei Gottesdienste gibt, die auch über das Domradio übertragen werden. Meine Kollegen und ich gestalten diese Gottesdienste als Kantoren und Organisten mit. Von daher haben wir uns jetzt auf den Weg zu unseren Wurzeln begeben.

DOMRADIO.DE: Aber die Chorarbeit, die wird weitestgehend ruhen. Versammlungen sind gerade nicht möglich. Wie halten Sie Kontakt mit Ihren Sängern?

Metternich: Ja, die Chorarbeit ruht jetzt schon seit zwei Wochen. Es gibt keine Probe, man sieht die ganzen Chormitglieder nicht mehr. Das ist eine völlig seltsame Situation, da es auch anders ist, als in den Ferien. Das gibt es natürlich schon mal.

Momentan ist es so, dass ich quasi wöchentlich eine Rundmail an alle Chormitglieder schreibe, in der ich auch Informationen zum Stand gebe, denn in den ersten eineinhalb Wochen ging es in erster Linie darum, den Betrieb erstmal runterzufahren. Es musste so viel abgesagt werden und so viele Planungen korrigiert werden. Das hat schon viel Zeit gebraucht, es kam ja ständig etwas Neues.

Dass also nicht nur das Versammlungsverbot kam, sondern auch die Dauer. Wir haben zum Beispiel vier Chöre, die zwischen Ostern und den Sommerferien aus dem Ausland zu uns kommen sollten. Die Reisen sind alle abgesagt, von daher war da viel zu erledigen.

DOMRADIO.DE: Aber digitale Chorproben über Skype oder so funktionieren nicht?

Metternich: Das haben wir nicht gemacht. Wir haben es einmal versucht mit einem Skype-Geburtstagsständchen für eine Kollegin. Das war so chaotisch, weil die Zeitverzögerung ein gemeinsames Musizieren nicht zulässt. Allerdings haben wir eine Musikschule und der digitale Instrumentalunterricht wird schon ganz gut genutzt. Das funktioniert ganz gut.

DOMRADIO.DE: Was bedeutet das gerade für einen Kinder- und Jugendchor? Wie schnell geht Repertoire verloren und wie viel müssen Sie da im Nachhinein aufholen?

Metternich: Zunächst fällt uns ein komplettes Jahr weg, in dem wir die Karliturgie studieren. Je jünger die Kinder sind, desto mehr geht verloren. Wenn ich das im nächsten Jahr erst wieder anfange, dann sind bei den Jungs schon wieder so viele Ältere im Stimmbruch und Neue dabei – da kann ich schon deutlich wieder von vorne anfangen.

Das ist bei sonstigen Stücken, die wir häufiger im Laufe des Jahres singen, nicht so. Das bleibt auch und da geht es auch, dass man das über ein zwei Monate mal ruhen lässt. Aber Stücke, die speziell nur in dieser Zeit, zum Beispiel in der Karwoche, gesungen werden, die drohen dann aus dem Repertoire zu fallen.

DOMRADIO.DE: Das heißt, dass Sie möglicherweise Stücke aus dem Rest des Jahres hinten anstellen müssen, um die Proben für die Karliturgie frühzeitig anzufangen?

Metternich: Nein, das ist nicht so. Wenn die Karliturgie jetzt ausfällt, werden wir da auch nicht für proben. Das kommt dann erst wieder Anfang des nächsten Jahres dran. Wir müssen dann mit dem einsetzen, was als nächstes ansteht.

Da gibt es aber zum Beispiel längerfristige Projekte. Mit dem Vokalensemble planen wir die Missa Solemnis für das Beethoven-Festival im August. Da muss ich sehen, dass wir dort beginnen. Und hoffentlich dauert diese Auszeit dann auch in unseren Augen nicht zu lange.

DOMRADIO.DE: Haben Sie schon einen Gedanken daran verschwendet, wie Sie das machen wollen, wenn es noch ein paar Monate so weitergeht?

Metternich: Gedanken daran verschwendet – ja. Allerdings nicht daran, wie ich mir das konkret vorstelle. Was jetzt auch leider abgesagt wurde ist das große Projekt „Lux in Tenebris“. Das ist das Friedensoratorium zum Kriegsende.

Und das ist nicht nur für alle Mitwirkenden, weil sie sehr viel Arbeit da reingesteckt haben, sehr bitter, sondern auch für die Gesellschaft, weil der Jahrestag zum 75-jährigen Ende des zweiten Weltkrieges ein bisschen unterzugehen droht.

DOMRADIO.DE: Jetzt stehen die Kar- und Ostertage an. Haben Sie schon eine Idee, wie das im Dom aussehen wird?

Metternich: Der Dom hat jetzt eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die sich um diese Liturgie kümmert. Wir sind gerade erst einmal dabei, dass wir aus der Marienkapelle, wo zurzeit die Gottesdienste gefeiert werden, zurück in den großen Dom gehen. Auch, wenn das ein seltsames Bild gibt: Ein leerer Dom mit wenigen Menschen, die die Liturgie feiern. Da überlegen wir jetzt erstmal, dann kommt das Musikalische.

DOMRADIO.DE: Was sagt denn das Musikerherz? Das könnte sich auch ganz komisch anfühlen, oder?

Metternich: Wird es auch. Ich glaube aber auch, dass es ein Zeichen der Solidarität ist. Dadurch, dass jetzt viele Musiker zum Nichtstun verdammt sind und nicht zusammenkommen können, sollten wir als Solisten dort federführend tätig sein.

Das Interview führte Matthias Friebe.

(DR)

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