Das Publikum der Berlinale während einer Schweigeminute für die Opfer des Anschlages in Hanau
Das Publikum der Berlinale während einer Schweigeminute für die Opfer des Anschlages in Hanau

21.02.2020

Nach Gewalttat in Hanau: Eröffnungsgala der Berlinale Filmauftakt setzt Zeichen

Unter dem Schatten der Gewalttat in Hanau ist die Berlinale 2020 eröffnet worden. Nach der Gala mit Schweigeminute folgte der Auftakt mit der Literaturverfilmung "My Salinger Year". Ein schwieriger Start für das Festival.

Jedes Festival stellt eine Gratwanderung dar, da ist die Berlinale keine Ausnahme: Werke vollkommen unterschiedlicher Herkunft, Machart und Stoßrichtung gilt es zusammenzuführen, die Temperamente von Regisseuren aus aller Welt an einem heterogenen Publikum auszutesten und aus einer Masse von Einzelfilmen den bestimmenden Gesamteindruck eines Jahrgangs herauszudestillieren. Erst recht nach einem Wechsel an der Spitze: Die 70. Ausgabe der Berlinale steht nun unter der Leitung von Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek. Wie will das neue Führungsteam das Publikumsinteresse so hoch halten wie sein Vorgänger Dieter Kosslick?

Zu all dem kam nun hinzu, dass am Tag vor der Eröffnungsgala ein Täter mit mutmaßlich rassistischem Hintergrund zehn Menschen in Hanau erschossen hatte. Der Auftakt stand somit nun auch noch vor dem Dilemma, ein glamouröses Event in Anwesenheit von Prominenten und Vertretern der Politik mit einer angemessenen Berücksichtigung des Terrorakts zu verknüpfen. So fiel die Ausrichtung der Gala trotz aller Bemühungen ein wenig schief aus: Die Showteile, Feierelemente und die launige Moderation des Schauspielers Samuel Finzi vertrugen sich nicht sonderlich gut mit der ziemlich gedrückten Stimmung im Saal.

Schweigeminute für die Hanau-Opfer

Eine Schweigeminute für die Hanau-Opfer und die Begrüßungsreden von Kulturstaatsministerin Monika Grütters und Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller wirkten da schon eher angebracht, zumal beide den Bogen von der inhärenten Offenheit des Festivals gegenüber anderen Kulturen zur Bekräftigung des Widerstands gegen rechten Hass schlugen. "Das Kino steht für die Gemeinschaft", erklärte auch Carlo Chatrian, "und es erlaubt uns, zu träumen, gerade wenn das Leben schwer ist."

So war die Gala eine unbeabsichtigt ernste Hinführung zu dem offiziellen Eröffnungsfilm des Festivals, "My Salinger Year" des Kanadiers Philippe Falardeau. Von Chatrian bewusst als leichter, optimistisch gestimmter Auftakt ausgewählt, bevor es in vielen Beiträgen des Wettbewerbs und der anderen Sektionen um schonungslose Einlassungen der Filmemacher auf harte Realitäten gehen würde.

"My Salinger Year"

Die autobiografische Literaturverfilmung taucht in ein verklärtes, in Kultur und Kunst aufgehendes Amerika ein. Die angehende Autorin Joanna Rakoff spricht bei einer alteingesessenen Literaturagentur vor, in der die scharfzüngigen Leiterin Margaret arbeitet. Computer werden verachtet, für die Arbeit werden Schreibmaschinen und analoge Ablagesysteme benutzt. Joanna Rakoff obliegt es unter anderem, sich mit der Fanpost des berühmtesten Kunden der Agentur zu beschäftigen: J.D. Salinger. Ungeachtet seiner Zurückgezogenheit und der über dreißigjährigen Spanne seit seiner letzten Neu-Publikation erhält Salinger weiter begeisterte und einschmeichelnde Briefe, die er schon seit Jahrzehnten nicht mehr beantwortet. Joanna ist gefordert, jedem Fan eine Standardantwort zu schicken, findet aber bald Gefallen an den Überlegungen, wie die emotionalen Briefschreiber geartet sein könnten.

Spannender Neustart

Falardeau schert sich wenig darum, die autobiografisch fundierte Geschichte realistisch aufzuziehen. Joanna Rakoffs Entwicklung ist ein konventionell verlaufender Reifeprozess mit klassischem Hilfs- und Gegnerpersonal: Die strenge Chefin, deren Respekt sich die Neue allmählich verdient; der gefühlskalte Freund, der sie als Muse für seine eigenen schwachbrüstigen Romanambitionen missbraucht; schließlich Salinger selbst, der bei seinen Anrufen in der Agentur zum Mentor der jungen Frau wird.

In seiner Auswahl als Eröffnungsfilm lässt sich eine interessante Selbstreflexion des Festivals herauslesen: So wie die Figuren des Films die Nähe zu literarischen Göttern suchen, sind letztlich ja auch bei der Berlinale das Kokettieren und die Tuchfühlung zu den Stars kein unwichtiger Aspekt - und wenn es wie bei "My Salinger Year" um einen bejahrten Künstler geht, an den gleichwohl noch immer höchste Erwartungen gerichtet werden, liegt es nahe, auch darin einen Vergleich mit der Berlinale zu ziehen. In seinem 70. Jahr hebt das Festival jedenfalls zu einem spannenden Neustart an, in dem Falardeaus Film als etwas prosaischer Türöffner seinen Zweck vollauf erfüllt hat.

Marius Nobach
(KNA)

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