Film "Gelobt sei Gott"
Film "Gelobt sei Gott"

26.09.2019

"Gelobt sei Gott" in deutschen Kinos Der Film mit den heimlichen Dreharbeiten

"Gelobt sei Gott" ist jetzt in den deutschen Kinos. Regisseur François Ozon hat sich mit den Missbrauchsfällen in Frankreich beschäftigt, will mit dem Film die Kirche aber nicht in die Enge treiben. Ein Gepräch mit Filmkritiker Josef Lederle.

DOMRADIO.DE: Der Film verdankt seinen Titel "Gelobt sei Gott" (Grace a dieu) einer wahren Begebenheit. Was sind die Hintergründe für diesen Ausspruch?

Josef Lederle (Katholischer Filmdienst): Der Ausspruch - auf Französisch "grâce à Dieu" - ist recht polemisch. Und zwar sagt das der Kardinal von Lyon Barbarain bei einer Pressekonferenz, in der es um den sexuellen Missbrauch einer seiner Priester geht: "Gott sei Dank sind die Fälle ja verjährt".

Und da wird er auf dieser Pressekonferenz schon zurechtgewiesen. Und dieses "grâce à Dieu" wurde dann 2016 in Frankreich zum geflügelten Wort, in dem Sinne, wie leichtfertig und wie unglaublich die katholische Kirche mit den Missbrauchsfällen umgeht.

DOMRADIO.DE: Worum geht es dann in dem Film?

Lederle: Der Film ist ganz und gar nicht polemisch. Es geht um die Opfer. Es geht wirklich um die Vorfälle, die dazu führten, dass es zu dieser Affäre in Lyon überhaupt kam. Der Film folgt drei Männern aus Lyon, die von diesem Priester Bernard Preynat Ende der 80er Jahre sexuell missbraucht worden sind.

Sie waren alle drei Pfadfinder in der Gemeinde St. Luc von Lyon. Und Preynat werden heute 70 Fälle von sexuellem Missbrauch aus dieser Zeit gerichtlich zur Last gelegt. Der Film ist ein sehr berührender Film, ein sehr langer Film, der wortreich die Geschichte rekonstruiert, wie das erste der Opfer merkt, dass dieser Preynat immer noch Priester ist und immer noch mit Kindern zu tun hat.

Dann beginnt da ein Dialog mit der Diözese und mit dem Kardinal, wird wortreich und freundlich aber ergebnislos ins Leere laufen gelassen. Das führt dann dazu, dass er seinen eigenen Fall zur Anzeige bringt. Im Verlaufe dieser Anzeige kommt dann eben eine zweite Figur ins Spiel, François. Er gründet den Verein La Parole Libérée, also "Das gebrochene Schweigen".

Dieser Verein ist ein Selbsthilfe-Verein von Opfern aus der Gemeinde St. Luc. Die schalten eine Webseite und dann passiert ein Erdrutsch, weil sich ganz viele Männer melden, die sich dann an ihre eigene Geschichte erinnern und öffentlich machen, was ihnen da in dieser Gemeinde widerfahren ist, welche Leiden sie in ihrem Leben durch diesen Priester erfahren haben.

DOMRADIO.DE: Das heißt der Film ist nah an der Realität oder hat François Ozon auch etwas dazu erfunden?

Lederle: Es gibt gewisse dramaturgische Zuspitzungen. Er sagt zum Beispiel, in der dritten Figur seien mehrere Fälle zusammengeflossen, aber der Film ist authentisch, weil er sich unglaublich viel Mühe gibt, die verschiedenen Milieus und die verschiedenen unterschiedlichen Lebenswelten der Protagonisten sehr genau nachzuzeichnen, bis hin in die Sprache.

Alexandre, der erste, der den Fall ins Rollen bringt, gehört zum begüterten, reichen konservativen Milieu, zum Bürgertum von Lyon. In dessen Familie werden die Eltern noch gesiezt. Er spricht also seine eigenen Eltern mit "Sie" an. Der Film hat fast eine dokumentarische Ebene, obwohl er kein Dokumentarfilm ist, sondern ein total packendes Drama.

DOMRADIO.DE: Als der Film im Februar in die Kinos in Frankreich gekommen ist, hat die Kirche versucht das zu verhindern. Das heißt, sie hatte einiges zu befürchten?

Lederle: Ja natürlich. Kardinal Barbarin ist inzwischen sogar zu sechs Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt worden, weil er die Verbrechen von seinem Priester nicht angezeigt hat. Aber dieser Skandal um den Start des Films in Frankreich hat eher mit juristischen Dingen zu tun, hervorgerufen durch den Anwalt des beklagten Priesters.

Allerdings hat sich die katholische Kirche in Frankreich hier nicht mit Ruhm bekleckert, sie sind dem ganzen Unternehmen irgendwie nicht freundlich gegenübergestanden, sondern haben das behindert. Die Dreharbeiten des Films wurden sogar inkognito gemacht. Der Film hat während der Produktion einen anderen Titel getragen, weil bei diesem Spruch "Grâce à Dieu" sofort jedermann in Frankreich gewusst hätte, worum es da geht.

Es gibt eine Reihe von Szenen, die in Kirchen spielen, die konnten nicht in Frankreich gedreht werden. Da musste die Produktion nach Belgien und Niederlande ausweichen, um die Szenen zu drehen, weil in Frankreich das Verhältnis einfach zu angespannt war.

DOMRADIO.DE: Ist es deswegen ein durch und durch kirchenkritischer Film?

Lederle: Er beschäftigt sich eigentlich nicht so sehr mit der Kirche. Er ist nicht kirchenfeindlich. Das ist auch dem Regisseur ein großes Anliegen, zu sagen, dass dieser Film nicht die Kirche verdammt oder gar atheistisch wäre. Der Film stellt sich auf die Seite der Opfer. Er zeigt, wie wichtig es ist, dass man über das spricht, was einem widerfahren ist, was einem vielleicht wahnsinnig peinlich ist, worüber man vielleicht sein ganzes Leben lang noch nie gesprochen hat.

Man soll "das Schweigen zu brechen", so wie sich auch dieser Verein genannt hat: La Parole Libérée. Es ist sehr schön in dem Film zu beobachten, wie sich die Opfer miteinander solidarisieren, also wie sie Kontakt zueinander finden, wie fast eine kleine Euphorie entsteht, als man sich erzählen kann, was man selber erfahren hat.

Die dritte Figur, Emmanuel, blüht in diesem Rahmen richtiggehend auf. Und es ist im Film wichtiger zu zeigen, dass es gut für die Opfer sexuellen Missbrauchs ist, aus der Schweigespirale herauszukommen, um mit anderen darüber zu reden, als die Versäumnisse und dieses schreckliche Verdrängen der Kirche aufzuspießen.

DOMRADIO.DE: Klingt als würden Sie den Film empfehlen?

Lederle: Es ist ein sehr langer Film. Zweieinhalb Stunden wird sehr viel gesprochen, man braucht ein gewisses Interesse an dieser Thematik, aber der Film ist toll. Er ist stark, er ist sehr bewegend und er erzählt sehr viel über unsere Zeit.

Das Interview führte Katharina Geiger.

(DR)

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