Kultur in der Kirche
Kultur in der Kirche
Diakon Patrick Oetterer
Diakon Patrick Oetterer
Eine Kulturkirche lebt von Menschen mit Experimentierfreude: Patrick Oetterer im Gespräch mit Kardinal Woelki.
Eine Kulturkirche lebt von Menschen mit Experimentierfreude: Patrick Oetterer im Gespräch mit Kardinal Woelki.
Bei einem Begegnungskonzert mit Geflüchteten trafen unterschiedliche Kulturen aufeinander.
Bei einem Begegnungskonzert mit Geflüchteten trafen unterschiedliche Kulturen aufeinander.
Im vergangenen Spätsommer hatte sich in Osberghausen/Oberberg hoher Besuch angekündigt.
Im vergangenen Spätsommer hatte sich in Osberghausen/Oberberg hoher Besuch angekündigt.
Eine Kulturkirche ist vor allem eine Begegnungsraum, in dem viele künstlerische Ideen zusammenfließen.
Eine Kulturkirche ist vor allem eine Begegnungsraum, in dem viele künstlerische Ideen zusammenfließen.
In der Kulturkirche in Herrenstrunden hängen großformatige Pigmentdrucke des Fotografen Markus Bollen
In der Kulturkirche in Herrenstrunden hängen großformatige Pigmentdrucke des Fotografen Markus Bollen

29.08.2019

Was ist eigentlich eine Kulturkirche? "Eine von möglichen Antworten auf die Sehnsucht der Menschen"

Ihre liturgische Nutzung soll gesichert bleiben. Doch ergänzend werden zunehmend ländliche Kirchenräume zu attraktiven Begegnungsstätten mit wohl überlegten Kulturprogrammen. Dass das Konzept aufgeht, erklärt Diakon Patrick Oetterer.

DOMRADIO.DE: Herr Oetterer, der Begriff "Kulturkirche" ist eine Wortneuschöpfung und bedeutet, dass sich in einem Sakralraum Spiritualität und Kultur in allen ihren potenziell denkbaren Ausbildungsformen begegnen. Die evangelische Kirche reklamiert diese Definition schon länger für sich. Aber auch innerhalb des Erzbistums Köln gibt es bereits Kulturkirchen wie beispielsweise in Oberberg St. Mariä Namen, Osberghausen, oder aber auch St. Gertrud in Köln. Nun kommt mit St. Johannes der Täufer eine neue in Bergisch Gladbach-Herrenstrunden hinzu. Welches Konzept steckt dahinter?

Diakon Patrick Oetterer (Leiter des Referates Geistliches Leben): Die Frage, die heute hinter allen Überlegungen zur Nutzung von Kirchen steht und sowohl die Deutsche Bischofskonferenz als auch die Verantwortlichen in Rom beschäftigt, ist doch: Was machen wir mit unseren Kirchen, die vielerorts immer weniger Gottesdienstbesucher haben? Gerade wenn es sich um kleinere Gotteshäuser an der Peripherie handelt. Es kann doch nicht sein, dass wir sie alle, weil sie scheinbar ausgedient haben, profanieren oder sogar abreißen, wenn sie leer stehen. Diese geistlichen Orte – ob in Zentren von Städten oder ländlichen Gebieten – die den Menschen als Orientierungspfeiler in ihrem Leben, als Glaubens- und Begegnungsstätten mit Gott dienen und mit denen sie prägende Erinnerungen verbinden, brauchen ergänzende, stützende Aktivitäten, die sich an die gottesdienstlichen Sinnangebote anlehnen oder daraus speisen. Dabei bewegt mich vor allem – und das schon seit Studientagen: Wie kann das Christentum, der christliche Glaube in unserer westlichen Kultur lebendig und insofern durchaus auch prägend bleiben? Eine uralte Frage. Schon die frühen Christen waren darum bemüht, der kulturellen Umgebung eine andere Sicht auf das Leben, das Zusammenleben zu geben. Gewissermaßen alles aus der Erfahrung und der Sicht von Tod und Erlösung Jesu Christi zu betrachten. Dann wandelt sich eine Kultur. Dann wandelt sich der Geist der Zeit. Dies hat die Menschen in allen Schichten der damaligen antiken Kultur emotional und rational berührt.

DOMRADIO.DE: Das heißt, es geht Ihnen keineswegs um eine Verlegenheitslösung, sondern um bewusste kreative sowie geistig-geistliche Schritte auf die Menschen zu in Anknüpfung an christliche Impulse und Haltungen der Antike, um ein zusätzliches Angebot zu machen…

Oetterer: Meines Erachtens ist die gegenwärtige kirchliche Krise letztlich ja eine geistliche Krise, was bedeutet, dass es zunehmend schwer fällt, sehr grundsätzlich das eigene Leben aus der Sicht von Tod und Erlösung Jesu Christi zu betrachten und dafür dann auch einzutreten.  Hier will Kulturkirche bzw. ihr Konzept ansetzen – was im Übrigen auch der pastorale Zukunftsweg auf vielfältige Weise intendiert. Das ist eine enorme Herausforderung, auf diese Weise am Ende mögliche neue Kirch- bzw. Gemeindeorte entstehen zu lassen. Denn wir brauchen Sichtweisen und Antworten, die berühren. Und Berührung findet nur statt, wenn uns Gott lebendig und manches Mal durchaus auch kontrovers und herausfordernd entgegen tritt und erfahrbar wird. So dass wir spüren, er will sich uns mitteilen, zu sich ziehen, verwandeln. Wir sind seine Werkzeuge. Das, was wir tun, muss authentisch und zugewandt zum Ausdruck kommen. Künstlerische Impulse, die sehr breit gefächert sind und viele Menschen einbeziehen – auch die fremder Herkunftskulturen – können Augen und Ohren öffnen, Spuren legen und neue gemeinsame Wege aufzeigen: zwischen Tradition und Avantgarde, indem ich an den Quellen, aus denen sich unser Glaube speist, festhalte, aber auch Neues, Unbekanntes und Unvertrautes in unterschiedlichsten, durchaus bunten Formen integriere, ohne es zu vereinnahmen. Kulturkirche ist für viele neu, ein Lernfeld. Es geht um ein gegenseitiges Inspirieren und Bereichern durch eine Auseinandersetzung im oben genannten Sinn. Wenn die Dinge der Kirche dem kulturellen Leben nichts mehr zu sagen hätten oder wenn das kulturelle Leben der Kirche nichts mehr bedeuten würde, wäre jede Mühe sinnlos. Kirche und Kultur hängen seit zwei Jahrtausenden miteinander zusammen. So verstanden war Kirche immer schon Kulturkirche.

DOMRADIO.DE: Was bedeutet das konkret für die Programmkonzeption einer Kulturkirche?

Oetterer: Ein Beispiel: Wir hatten in Oberberg eine jährliche Veranstaltung, bei der klassische anspruchsvolle Texte von Edith Stein, Hildegard von Bingen, Angelus Silesius, Dag Hammaskjöld und anderen im Kontext von hochqualitativer neuer Musik verlesen wurden – wenn Sie so wollen, eine nicht gerade gefällige Kost, bei der die schon nicht ganz einfache Sprache noch einmal durch recht gewöhnungsbedürftige Klänge verfremdet wurde. Trotzdem war das eine Einladung, die auf wachsende Resonanz stieß. Diese Veranstaltungsreihe hat die Kraft, zu berühren und nach innen zu führen. Viele Besucher reagierten begeistert. Sie haben, wie sie berichteten, in dem kreativen Geflecht aus Worten und Musik eine Begegnung in die Tiefe erlebt, die inspiriert, erneuert und eine ganz neue Sicht auf die Dinge des Lebens anstößt. Mit diesem Wagnis wurde eine Schwelle übertreten, die zunächst eine Hemmschwelle war. So ähnlich verhält es sich mit der Programmatik einer Kulturkirche. In beiden Fällen liegt der Sinn darin, diese Schwelle auf Gott hin zu übertreten. Wer das tut, kann etwas entdecken, womit er womöglich gar nicht gerechnet hat. Dass es diese Welt nach innen, diese andere Welt, überhaupt gibt – das hat er vorher nicht für möglich gehalten.

Die Schriftstellerin Ada Negri sagt: "Gott schenkt uns die Situation und erwartet dann unsere Antwort." Das heißt, wir Seelsorger und Organisatoren schaffen die Voraussetzungen dafür, dass neue Zugänge und Perspektiven möglich werden können. Wir wollen – mit allem, was wir tun – zu Gott führen: in Freiheit und Achtung der individuellen Person sowie über ein großes Staunen und viel Kreativität. Nicht mit dem moralischen Zeigefinger. Kreatives Denken und Handeln sind eine Grundvoraussetzung für jede Form von Kulturarbeit.

DOMRADIO.DE: Und trotzdem werden Sie sicher für ein attraktives Kulturprogramm an einem heiligen Ort Kriterien aufstellen, gerade auch weil die spirituelle Dimension nicht aufgegeben werden soll…

Oetterer: Zunächst einmal sehen wir uns nicht in Konkurrenz zu anderen Mitanbietern wie den katholischen Akademien und Bildungswerken. Von daher geht es auch nicht um das Abarbeiten eines Veranstaltungskatalogs, wie man ihn woanders auch findet. Im Team mit den Menschen am Ort, ihren Ideen und auch Talenten sowie mit vielen Kooperationspartnern aus der Region – vor allem dem Katholischen Bildungswerk – sind wir gemeinsam unterwegs und arbeiten an einem sehr individuellen Profil. Die Unverwechselbarkeit ist dabei eines unserer Qualitätsmerkmale, wobei unsere Angebote gleichzeitig ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Vielfalt sein wollen. Es geht um eine lokal verankerte Kultur mit einer breit gefächerten Palette an Möglichkeiten, die auch eine Eigendynamik entwickeln darf. Dabei ist uns eines besonders wichtig: Trotz der sorgfältigen Wahl unserer Themen – ob Lesungen, Konzerte oder andere künstlerische Darbietungen – liegt unser Fokus auf der Begegnung, die im Anschluss an jede Veranstaltung immer auch mit einem kleinen Imbiss stattfindet. Berühren, austauschen, begegnen – das sind die zentralen Orientierungen einer Kulturkirche. Erfolg hat eine solche Unternehmung nur, wenn sich möglichst viele zum Mitmachen animieren lassen und man auf gewachsene Netzwerke zurückgreifen kann. Und natürlich ist uns allen immer bewusst: Christus bleibt der Kern. Wir sind Gast in seinem Haus.

DOMRADIO.DE: In dem lateinischen Wort "cultus" steckt ja bereits ganz viel: Es lässt sich mit "Pflege" übersetzen, aber auch mit "Lebensweise", "Haltung", "Verehrung", "Anbetung", "Huldigung"… Von daher ist die Verbindung von Kultur und Kirche, Sie deuteten es schon an, eine originäre und keinesfalls abwegig…

Oetterer: In der Kulturkirche gehen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Kirche und Kunst vielfach erlebbar aufeinander zu. Das künstlerische Geschehen, eine Suche nach Inspiration von Individuen in vielen Sparten, begegnet der christlichen Verkündigung und dem Wort Gottes. Das Christentum hat in der Tat seit Anbeginn immer die Auseinandersetzung mit der Kultur gesucht und ist die Umformung der antiken Kultur bewusst angegangen. Heute stehen wir vor einer vergleichbaren Aufgabe. Dabei berufe ich mich gerne auf die Kirchenväter, die "den rechten Gebrauch" – griechisch: chresis – zum Prinzip erhoben haben. Für mich bedeutet das bei allen Optionen, die wir bieten: nicht aus dem Blick zu verlieren, dass Gott das Zentrum ist, auf das hin wir gerichtet sind, an dem sich jede Entscheidung orientiert. Schließlich wollen wir unseren Markenkern nicht aufgeben oder verraten. Kulturkirchen sind Einladungen zum Abladen und Aufladen. Und sie sind offen für jedermann. Trotzdem muss am Ende immer klar sein: Wir sind kein beliebiger Konzertsaal oder Ausstellungsraum, sondern immer noch eine Kirche.

DOMRADIO.DE: Was glauben Sie, wird das Beispiel der Kulturkirche Schule machen?

Oetterer: Jedenfalls wächst die Anzahl von Kulturkirchen, weil es ein Schritt ist, Menschen in der Gegenwartsgesellschaft zu erreichen – und das sowohl über eine intellektuelle als auch emotionale Schiene. Eine Kulturkirche kann nur da entstehen, wo sich entsprechende Grundlagen dafür bieten und die Menschen mitgehen. Dann muss es ein entsprechender Raum sein – nicht zu klein und nicht zu groß. Der Leitende Pfarrer entscheidet, ob dieses ergänzende Angebot zu dem bereits bestehenden Sinn macht. Und letztlich muss eine Kulturkirche getragen und gestützt sein. Sie muss die Möglichkeit zum Wachstum haben, denn sie ist nichts Fertiges. Und es geht darum, dabei zu bleiben. Kirchliches Leben erfordert Bindung, Treue. Nur wer dabei bleibt, macht tiefe, erfüllende Erfahrungen.

DOMRADIO.DE: Was ist unverzichtbar, wenn eine Kulturkirche ein belebter sakraler Versammlungsraum werden soll?

Oetterer: Ohne Spiritualität und Glaube lebt auch eine Kulturkirche nicht. Schließlich sind wir kein reiner Kulturveranstalter. Das ist ja auch nicht unser Ansatz. Wie gesagt, uns geht es nicht um einen wissenschaftlich-rationalen oder rein intellektuellen Zugang. Vielmehr um die Berührung mit dem Heiligen. Und die findet auf einer Ebene statt, die sich allem Messbaren entzieht. Das Entscheidende bleibt doch: Gott wirkt. Gottesdienste und Zeiten der Stille, die für mich zum Kernpunkt von Spiritualität gehören und in denen uns Gott mit seiner Gegenwart beschenkt, sollen weiterhin ihren Platz in diesen Kirchen haben. So gesehen, ist eine Kulturkirche eine von möglichen adäquaten Antworten auf die Sehnsucht der Menschen.

Das Interview führte Beatrice Tomasetti.

(DR)

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