Sitzreihen im Kino
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13.08.2019

Alfred Hitchcock und die Kirche Ein katholischer Künstler?

Der Regisseur Alfred Hitchcock galt als Meister der Spannung. Heute wäre er 120 Jahre alt geworden. Was für ein Verhältnis hatte Hitchcock aber zum Glauben und wie hat sich das in seinen Filmen gezeigt? Vatikanexperte Ulrich Nersinger antwortet.

DOMRADIO.DE: Welche Rolle spielte der Glaube beziehungsweise die Kirche für Hitchcock persönlich?

Ulrich Nersinger (Vatikanexperte): Ich denke eine sehr Große. Es gibt ein hochinteressantes Interview, das ein anderer berühmter Regisseur, Francois Truffaut, anfang der sechziger Jahre mit ihm geführt hat. Und Truffaut hat ihn ganz offen gefragt: Sehen Sie sich als katholischer Künstler? Hitchcock hat damals gesagt: Nein. Aber dann hat er direkt angefügt: Aber natürlich würden die Lebensumstände einen dann doch prägen. Das gibt einen kleinen Hinweis, wie Hitchcock zu seinem Glauben stand.

Er kam aus einer sehr katholischen Familie – und das im anglikanischen England. Er wurde katholisch erzogen und er besuchte eine katholische Schulen. Die ersten Jahrzehnte waren sehr stark von dem Glauben geprägt. Auch die erste Ehe, die er einging. Seine Frau war keine Katholikin und konvertierte dann für ihn. Und man weiß auch, dass er in dieser Zeit regelmäßig die Sonntagsmesse besuchte.

DOMRADIO.DE: Wie hat sich das Thema Kirche und Glaube in seinen Film wiedergefunden?

Nersinger: In der Zeit, in der er aufgewachsen ist, gab es in der katholischen Erziehung manche rigide und sehr enge Ansichten. Natürlich gab es die auch in der Jesuitenschule und das hat ihn sicherlich sehr geprägt. Im Grunde sind alle seine Filme geprägt von Schuld, Angst und auch von verdrängter Sexualität. Und das ist eigentlich nur erklärbar im Zusammenspiel mit der Religion. Es kommt dann immer wieder diese Problematik zum Vorschein und durchdringt eigentlich jeden Film von Hitchcock.

DOMRADIO.DE: Und doch ist er ja für Nächstenliebe nicht so richtig bekannt – jedenfalls in Bezug auf seine Schauspieler

Nersinger: Nein. Wir wissen ja, dass er eine ganz besondere Bevorzugung hegte für Blondinen, und diese Blondinen dann aber auch – man kann das ruhig sagen – gequält hat. Viele haben ihn gefürchtet, denn er hat sie teilweise an den Rand der Verzweiflung gebracht. Aber das muss man auch sehr differenziert sehen. Einige der Schauspielerinnen haben später gesagt, wenn man nicht so drangsaliert worden wäre, hätte man auch nicht diese Leistung gebracht. Denn die mussten ja sehr starke Gefühle ausdrücken – denken wir beispielsweise an den Film Psycho. Diese verdrängte Sexualität oder gewisse sexuelle Obsessionen kommen da natürlich auch heraus. Aber es zieht sich dann doch auch immer wieder so ein Faden der Moralität durch die Filme.

DOMRADIO.DE: Wie hat denn andersherum die Kirche auf seine Filme reagiert? Hat man das wahrgenommen oder waren seine Filme gar kein großes Thema?

Nersinger: Man hat das wahrgenommen. Es ist, glaube ich, kein so großes Thema gewesen. Es war natürlich eine andere Zeit. Als die meisten seiner Filme entstanden sind, mussten sie ja noch einem Zensor vorgelegt werden. Und da hat er natürlich auch sehr klug reagiert. Er hat in einem der Interviews auch gesagt, die Jesuiten hätten ihm Analytik und ein geschicktes Verhalten beigebracht. Und das konnte er auch immer anwenden. Er schaffte es nämlich immer wieder, die Zensoren dann doch etwas zu überlisten.

Ich darf an einen Film erinnern, wo es ein sehr starkes sexuelles Motiv gibt. Der Film schließt damit, dass die beiden Hauptdarsteller, eine Frau und ein Mann, in einem Schlafwagen sitzen und der Mann die Frau zu sich zieht. Danach sieht man in der nächsten Einstellung, wie der Zug in einen Tunnel hinein fährt. Das ist im Gegensatz zu heute eine hochsexuelle Darstellung, aber ohne dass es in einer primitiven Art dargestellt wird.

DOMRADIO.DE: Gibt es denn oder fällt Ihnen ein bekennender Hitchcock-Fan unter dem Kirchenpersonal ein?

Nersinger: Ich denke, das ist leider so, dass man das nie so offen sagt. Aber ich weiß, dass sich auch sehr viele Katholiken seine Filme angeschaut haben und dass man das eigentlich nie als etwas Negatives empfunden hat. Ich selbst habe mir schon als Jugendlicher fast jeden Hitchcock-Film angeschaut, natürlich auch mit diesen seltsamen gemischten Gefühlen, dass man auf den nächsten wartete, aber auch dann ein bisschen Angst hatte. Denn das, was Hitchcock dann wirklich schaffte, war, jemanden in Angst zu versetzen.

Zum Schluss seines Lebens gibt es dann verschiedene Theorien, dass er doch wieder sehr stark zur Kirche zurückgefunden haabe und dass sogar ein befreundeter Priester eine Messe für ihn gelesen habe. Ich denke, die Frage von Truffaut, ob er ein katholischer Künstler gewesen ist, kann man eigentlich von seinen Fans aus mit "Ja" beantworten.

DOMRADIO.DE: Welchen Film von Hitchcock würden Sie jemandem empfehlen, der noch keinen Film von ihm gesehen hat?

Nersinger: Wenn man sich ganz an das kirchliche Thema halten müsste, gibt es natürlich diesen berühmten Film "I confess" (Ich beichte/ Ich bekenne). Das ist ein Film, den man sich anschauen sollte. Aber auch alle anderen Filme, ich wüsste jetzt gar nicht, welchen ich da vorziehen sollte. Nur bei den letzten Filmen bin ich nicht mehr so glücklich, weil sie nicht mehr diese Perfektion und diese unglaubliche Aussagekraft haben. Aber von den alten Filmen, ob das "Psycho" ist, ob das "Vertigo" ist, ob das "I confess" ist – man kann eigentlich alles empfehlen.

DOMRADIO.DE: Aber Sie würden schon sagen, dass er gegen Ende etwas nachgelassen hat?

Nersinger: Das ist auch vielleicht jetzt bei mir das subjektive Empfinden. Filme wie "Familiengrab" und so etwas, habe ich nicht mehr als so ansprechend empfunden. Das hängt aber vielleicht auch mit der Lebensgeschichte Hitchcocks zusammen. Zu dieser Zeit starb seine Frau Alma, die er nun doch sehr stark geliebt hat. Und er ist dann in den letzten Jahren auch gewissen Schwächen nachgegangen, zum Beispiel dem Alkohol und wahrscheinlich hatte auch eine gewisse depressive Stimmung ihren Einfluss. Und da denke ich, kommt eben dieser spezielle Stil Hitchcocks, den wir ja alle so schätzen und lieben, nicht mehr so stark zum Ausdruck.

Das Interview führte Moritz Dege.

(DR)

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