"Der Camino erschien uns irgendwie als ein abgeschiedener Ort für gewisse Themen."
"Der Camino erschien uns irgendwie als ein abgeschiedener Ort für gewisse Themen."
"Die Schönberger Spiele wollen zur Diskussion anregen und auch den Spielern Raum zur Interpretation lassen."
"Die Schönberger Spiele wollen zur Diskussion anregen und auch den Spielern Raum zur Interpretation lassen."

23.03.2019

Schönberger Passionsspiele im belgischen St. Vith Ein Jakobsweg der besonderen Art

Die Passion Christi und der Jakobsweg. Auf den ersten Blick nicht vereinbar? Die Schönberger Passionsspiele in Belgien bringen beides in einem besonderen Konzept auf die Bühne. Der Regisseur gibt einen Einblick in den Entstehungsprozess.

DOMRADIO.DE: Es sind die sechsten Passionsspiele in St. Vith/ Schönberg in Belgien und in diesem Jahr, da dient Ihnen nun der Jakobsweg als Thema. Erklären Sie mal bitte, wie das geht – Passionsgeschichte und Camino?

Alfons Velz (Regisseur der Schönberger Passionsspiele): Wir haben ein Organisationsteam, das sich ein paar Jahre vor dem eigentlichen Aufführungstermin trifft und ein Thema festlegt. 2017 hat sich dieses Team getroffen und nach längerer Diskussion, ob man den Terrorismus oder auch andere Themen in der modernen Ebene der Passion mit einbauen sollte, wurde dann entschieden, zwei große Themen aufzugreifen. Einmal ist es das Thema Weltreligionen und ihr Spannungsfeld. Das streift auch den Terrorismus. Die Stellung der Frau in den Religionen und in den Kirchen ist das zweite Thema.

Wir haben uns dann überlegt, wo man diese Themen am besten kontrovers behandeln kann. Dabei sind wir dann auf den Camino, den Jakobsweg, gekommen. Das ist ein Wanderweg, wo sich Menschen begegnen und ein Stück weit miteinander gehen, miteinander reden und sich austauschen. Da behandelt man im Gehen viele Themen und der Camino erschien uns irgendwie als ein abgeschiedener Ort für gewisse Themen. Den kann man trotzdem mit wechselnden Protagonisten gestalten und es ist äußerst interessant, das parallel zum Leidensweg Christi auf die Bühne zu bringen.

DOMRADIO.DE: Um sich das ein bisschen vorstellen zu können, mache ich mal ein Beispiel. Jesus wird gefangen genommen und dann kommen zwei Pilger auf dem Jakobsweg vorbei und zücken ihr Handy, um das Geschehene zu filmen. Wie machen Sie das? Wie führen Sie die Zuschauer daran, das verstehen zu können, diese zwei Ebenen?

Velz: Das geschieht zum einen bei uns schon zum sechsten Mal. Es ist schon das sechste Mal, dass wir zwei Ebenen miteinander in Zusammenhang bringen. Aber so krass, wie wir es diesmal machen, haben wir es in der Tat noch nie gemacht. Es hat immer nahtlose Übergänge zwischen den modernen und den traditionellen Szenen gegeben. Dass wir sie ineinander fließen lassen, so wie Sie gerade beschrieben haben, das machen wir diesmal zum ersten Mal. Das erklären wir aber den Zuschauern in einem kurzen Vorwort, dass wir diesmal noch diesen Schritt weitergehen.

Das ist vielleicht im ersten Moment etwas für den einen oder anderen Zuschauer gewöhnungsbedürftig. Es wird aber sehr schnell klar werden, dass es sich bei unserem Passionsspiel letztlich doch noch um eine einzige Geschichte handelt. Sie ist eben teilweise in der klassischen Passion angesiedelt und teilweise auf dem Camino. Das Leitmotiv ist "Loslassen".

DOMRADIO.DE: Das heißt, ein bisschen kreieren Sie dann auch Figuren, die sozusagen in die biblische Geschichte von damals mit reinrutschen, oder?

Velz: Ja, das stimmt auch. Wir haben beispielsweise auch in der biblischen Ebene selbst nur die Szenen gewählt, die unter unserem Thema "Loslassen" passen. Dazu passt natürlich die letzte Woche der Passion vom Palmsonntag bis Karfreitag. Aber vor allen Dingen auch andere Szenen, die sich unter dieses große Thema einordnen lassen oder unter das Thema Stellung der Frau. So haben wir zum Beispiel auf der biblischen Ebene nicht die zwölf traditionellen Jünger, die in der Gefolgschaft Jesu sind. Das machen wir schon seit 20 Jahren so.

Es kommt auch zwischen den Frauen und den Männern hier und da zu Kontroversen. Wenn es beispielsweise um das Thema geht, ob eine Frau gesteinigt werden soll oder Jesus dem Samariter den Krug nachtragen darf. Dann kommt es durchaus zu Kontroversen zwischen den Jüngern. Das ist sehr interessant und reizvoll, wenn man das so auf die Bühne bringen kann.

DOMRADIO.DE: Jetzt ist es nicht nur Ihr Anliegen, eine alte Geschichte einfach nachzuerzählen, sondern Sie wollen zur Diskussion anregen und auch den Spielern Raum zur Interpretation lassen. Am Ende des Stückes gehen die Schauspieler im Kostüm noch in das Foyer und sprechen mit den Zuschauern. Was glauben Sie, was dabei Spannendes herauskommt?

Velz: Wir haben bis jetzt jedes Mal sehr positive Erfahrungen damit gemacht. Viele Menschen sind ergriffen oder manchmal auch etwas verwundert, enttäuscht oder begeistert. Sie teilen uns das dann im Gespräch direkt mit. Das sind meistens sehr interessante Gespräche, die manchmal auch zu Hause noch weitergeführt werden.

DOMRADIO.DE: Gab es in den vergangenen Jahren auch schon mal Ärger?

Velz: Es gibt immer sehr traditionsbewusste Katholiken, die Anstoß nehmen an gewissen modernen Dingen. So hatten wir im letzten Jahr mal einen kleinen Zeichentrickfilm über den barmherzigen Samariter eingebaut, als Film auf der Leinwand. Das waren kleine Computermenschen und das hat manchen Leuten nicht gefallen. Aber im Nachhinein beim Gespräch im Foyer ließ sich doch einiges erklären – warum wir das gemacht hatten und warum wir das als geeignete Möglichkeit gesehen hatten. Wir gingen nicht als Enttäuschte auseinander, sondern als Zufriedengestellte. Eben weil es ein Gespräch gegeben hatte und man doch auf Positionen und Sichtweisen des Anderen eingehen konnte.

DOMRADIO.DE: Natürlich sind mittlerweile alle 60 Rollen besetzt. Sie hatten aber Schwierigkeiten, einen Jesus zu finden, warum?

Velz: Wir hatten überhaupt Schwierigkeiten, Männer zu begeistern. Ich weiß nicht, woran das genau liegt. Ich weiß nicht, ob das ein Phänomen in der belgischen Eifel allein ist oder ob das ein allgemeines Männerproblem ist, dass sie mehr zu Luststücken oder zum Fußballspielen neigen als zu einer Auseinandersetzung mit eigenen Lebensentwürfen in einer Passionsgeschichte. Das könnte der Grund sein. Jedenfalls erleben wir, wenn wir Männer ansprechen und ihnen das Wort Passionsspiel sagen, so eine Art Fluchtreflex.

Wogegen das bei Frauen völlig anders ist, die sind viel eher bereit, sich auf so ein Abenteuer einzulassen, was ja dann letztlich auch um die Darstellung eigener Sichtweisen – über Religion, Familie, Menschen, das Leben und Sterben – auf einer Bühne geht. Es scheinen Frauen wesentlich schneller offen und auch eher bereit zu sein, sich zu outen – wenn ich es mal so nennen darf.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(DR)

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