Melvil Poupaud (r) als Alexandre in einer Szene des Kinofilms "Grace a Dieu"
Melvil Poupaud (r) als Alexandre in einer Szene des Kinofilms "Grace a Dieu"
Jakob Lassalle als Phillip und Clara Möller als Flo in einer Szene des Kinofilms "Grace a Dieu"
Jakob Lassalle als Phillip und Clara Möller als Flo in einer Szene des Kinofilms "Grace a Dieu"
Kardinal Philippe Barbarin
Kardinal Philippe Barbarin

08.02.2019

Kirchenkritischer Film "Grâce à Dieu" auf der Berlinale Missbrauchsthema nach wahrer Geschichte

Ein Film, der Wellen schlägt: "Grâce à Dieu" flimmerte nun über die Leinwand der Berlinale, dessen Ausstrahlung in den Kinos noch juristisch verhindert werden soll. Er thematisiert nach einer wahren Geschichte Missbrauch in der Kirche.

DOMRADIO.DE: Worum geht es in diesem kirchenkritischen Film?

Margarete von Schwarzkopf (Journalistin und Autorin): Es geht um den Missbrauch von Kindern in den 1980er und 1990er Jahren durch einen Priester, der lange Zeit Jugendliche betreut hat, die Pfadfinder waren. Es geht vor allem um den Missbrauch an kleinen Jungen zwischen neun und 13 Jahren. Das ist eine wahre Geschichte. Diesen Pater Preynat hat es wirklich gegeben. Diesen Fall rollt François Ozon in seinem neuen Film auf. Er zeigt es am Beispiel von drei damals kleinen Jungen, die nun erwachsene Männer sind. Wie gehen die mit diesen Erinnerungen, mit dieser Vergangenheit um?

DOMRADIO.DE: Wie reagieren denn die Kirchenvertreter?

von Schwarzkopf: Ich weiß noch nichts von offiziellen Reaktionen. In Frankreich ist zurzeit auch ein Prozess im Gange. Der Film soll sogar verboten werden. Er soll jetzt im Februar in die Kinos kommen. Es gibt wohl den juristischen Versuch, diesen Film zu unterbinden, weil er sozusagen anti-kirchlich sei.

Das stimmt aber so nicht. Wenn man den Film sieht, dann gerät man ins Grübeln. Aber er geht weder gegen die Kirche als Gesamtheit noch gegen Gott. Es hat vor allem den Missbrauch durch einen Priester zum Thema und die Art, wie die Kirche mit vielen dieser Fälle umgegangen ist - auch in Frankreich.

DOMRADIO.DE: Eine ganz wichtige Frage in dem Zusammenhang: Erhalten die Missbrauchsopfer denn Unterstützung durch Angehörige und Partner?

von Schwarzkopf: Sehr interessant ist, wie die Eltern reagiert haben, als diese Jungen davon erzählt haben oder angedeutet haben, dass dieser Priester - offenbar ein sehr charismatischer Mann - sie missbraucht hat. Einige Eltern glauben es nicht. Die Jungen bekommen keine Unterstützung. In einem Fall gab es Unterstützung.

Heute ist es so, dass die Angehörigen, auch die Eltern, die damals zögerlich waren, versuchen, ihren erwachsenen Kindern zur Seite zu stehen. Inzwischen hat sich da etwas geändert, wobei wirklich sehr kritisch damit umgegangen wird, wie Eltern oft reagiert haben, als ihre Kinder gekommen sind und gesagt haben: "Da stimmt irgendwas nicht mit diesem Priester." Da haben Eltern, die in der Kirche sehr tief drin sind, oft gesagt: "Ach, hör doch auf. Das kann es gar nicht geben. Lass doch das Ganze."

DOMRADIO.DE: Der Film scheint sich auf Missbrauch von Priestern an Kindern zu konzentrieren. Gibt es denn in diesem Film auch Täter, die keine Kirchenvertreter sind?

von Schwarzkopf: Ja. Glücklicherweise kommt auch ganz kurz zur Sprache, dass es nicht immer die katholische Kirche ist. Es wird auch gesagt, dass diese Fälle natürlich auf die Schultern all der vielen, vielen Unschuldigen und guten Priester fallen, die es ja gibt. Das sagt Ozon ganz deutlich. Er sagt, es gebe Ausnahmefälle, es gebe immer wieder die schwarzen Schafe in der Kirche. Aber das heiße nicht, dass alle Priester automatisch Missbrauch betreiben.

In einem Fall gesteht eine Ehefrau, dass auch sie missbraucht worden ist. Aber nicht von einem Priester, sondern von einem guten Freund der Eltern. Das kommt ja viel häufiger vor. Also, dieses Thema kommt auch vor.

DOMRADIO.DE: Es ist wahrscheinlich nicht so leicht, dieses schwierige Thema in einen Film zu fassen. Wie erzählt denn Ozon diese schockierende Geschichte in einem Kinofilm?

von Schwarzkopf: Über ganze Strecken ist dieser Film fast dokumentarisch, sehr nüchtern. Er versucht allen Seiten gerecht zu werden, auch der Kirche eine Chance zu geben. Dabei kommt Kardinal Barbarin, der Kardinal von Lyon, am Anfang sehr gut weg, als er sich mit dem Papst konform erklärt, der ja gesagt hat, Pädophilie sei ein ganz schreckliches Vergehen an den Kindern. Aber dann merkt man schon, er hat letztendlich nicht ausreichend reagiert.

Das ist auch eine Kritik an Kardinal Barbarin, der zurzeit vor Gericht steht. Er hat versucht, es mit Schweigen zu bedecken, zwar hinter dem Schweigen zu agieren und mit diesem Priester zu verfahren, aber da steckt natürlich eine starke Kritik darin, dass dieser Kardinal und auch sein Vorgänger von Fällen gewusst haben und nicht genügend reagiert haben.

DOMRADIO.DE: "Grâce à Dieu" heißt der Film, übersetzt quasi "Gott sei Dank". Wie gehen Sie denn mit dem Film als Katholikin um?

von Schwarzkopf: Ich bin natürlich auch entsetzt über diese vielen Dinge, die in der Kirche passiert sind, gerade weil ich gläubige Katholikin bin. Ich bin auch entsetzt darüber, dass das alles jahrelang verschwiegen worden ist und, dass es das wirklich alles gegeben hat. Es kommt ja immer mehr ans Tageslicht.

Allerdings gibt es auch eine Szene, in der ein Arzt, der ein sehr überzeugter Katholik ist, sehr richtig sagt: "Diese Sachen gehen nicht gegen die Kirche, sondern sie sind für die Kirche, damit die Kirche die Gelegenheit hat, sich auch von all dem zu befreien und dazu zu stehen. Wir sind nicht gegen Gott. Wir sind nicht gegen die Kirche. Wir sind für die Kirche. Aber dann muss die Kirche auch endlich handeln." Und das sehe ich auch so.

Der Film ist sehr ausbalanciert. Es gibt Atheisten in dem Film. Es gibt einen, der durch den Missbrauch vom Glauben abgefallen ist. Und es gibt eine Szene ganz am Schluss, da fragt ein Junge seinen Vater: "Glaubst du noch an Gott?" Da gibt es einen Moment des Zögerns, wo man als Zuschauer sagt: "Wir wissen es auch nicht. Glaubt dieser Mann noch an Gott?" Aber er war eigentlich immer ein sehr überzeugter Katholik. Ich glaube auch nicht, dass er vom Glauben abgefallen ist.

(DR)

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