Individueller Grabstein mit Boxhandschuhen
Individueller Grabstein mit Boxhandschuhen
Persönlich geprägter Grabstein des Bildhauers Markus Knittel
Persönlich geprägter Grabstein
Stilisierte Pfote auf einem Grabstein
Stilisierte Pfote auf einem Grabstein
Individuelle Grabstein-Inschrift
Individuelle Grabstein-Inschrift

22.11.2018 - 00:00

Eine Reise über die Friedhöfe von heute Von ungewöhnlichen Grabsteinen

Friedhöfe sind für viele Menschen mehr, als nur Orte der Trauer und des Schmerzes. Sie können auch einiges über das Leben der Verstorbenen verraten. Eine soziologische Betrachtung über die Veränderung der Bestattungskultur.

DOMRADIO.DE: Soziologen erforschen ja eigentlich gesellschaftliche Zusammenhänge einer sich verändernden, lebenden Gesellschaft. Was machen Sie da auf dem Friedhof?

Matthias Meitzler (Soziologe M. A.): Ganz einfach: auch der Friedhof verrät etwas über die Lebenden. Hier kann man sehr schön ablesen, wie sich das gesellschaftliche Leben in den letzten Jahren verändert hat. Wie Menschen miteinander umgehen, nicht nur mit Lebenden sondern auch mit Verstorbenen. Auf welche Art und Weise soziale Beziehungen auch nach dem Tod aufrechterhalten werden. Von dem allen kann man auf dem Friedhof ganz viel ablesen.

Zum Beispiel, dass es einen Trend zur Individualisierung gibt. Das ist ja nicht nur auf dem Friedhof der Fall, auch in ganz vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen hat man so die Idee der Einzigartigkeit – sich herauszulösen aus Traditionen und gewissermaßen sein eigenes Ding zu machen. Und das kann man tatsächlich auch auf dem Friedhof spüren, wenn man sich mal moderne Grabsteine anschaut.

Da geht es immer weniger darum, dass man jemanden als Teil eines Kollektivs verabschiedet, mit der entsprechenden Grußformel, die man von früher noch kennt, mit Bibelvers und so weiter. Nein, es geht heutzutage vielmehr darum, ein individuelles Leben zu verabschieden, zu gucken, was war das für ein Mensch. Welche Lebensleistung hat er vollbracht? Was hat er gerne gemacht? Was hat ihn als Menschen ausgezeichnet? Und so sind Grabsteine heutzutage immer mehr eine kompakte Lebensbilanz.

DOMRADIO.DE: Was steht denn da so drauf?

Meitzler: Ach das ist ganz unterschiedlich. Viele haben vor allen Dingen einen sehr starken Bezug zum Hobby und zur Freizeitaktivität. Es gibt zum Beispiel viele Sportgeräte mittlerweile auf Grabstätten oder auch Verweise auf Haustiere des Verstorbenen. Ebenso alle Arten von Fortbewegungsmittel, also vom Auto über das Motorrad bis hin zum Panzer. Wir haben teilweise auch schon Skurriles entdeckt, wenn man sich beispielsweise mal die Sprüche anguckt.

Da ist das Repertoire unglaublich gewachsen, da sieht man heutzutage solche Sprüche, wie "Hier ruhen meine Gebeine, ich wollte es wären deine" oder "Ruf mich mal an". Das sind durchaus auch humorvolle Sprüche. Sie zeigen eigentlich sehr schön, dass Trauer ja ganz viele Gesichter haben kann und teilweise durchaus auch mit Humor vereinbar ist. 

DOMRADIO.DE: In Österreich oder Südtirol fällt manchmal auf, dass viele Bilder auf den Grabsteinen waren. Gibt es das bei uns jetzt auch vermehrt?

Meitzler: Ich habe den Eindruck, auch das ist ein Trend, den wir ganz verstärkt beobachten können. Im Grunde gibt es das eigentlich schon, seit es Fotografie gibt, auch auf deutschen Friedhöfen. Schon im 19. Jahrhundert hat man angefangen, Fotos der Verstorbenen am Grab anzubringen. Der Unterschied zwischen Deutschland und anderen europäischen Ländern ist letzten Endes der, dass es hierzulande eine Unterbrechung dieser Tradition gegeben hat. Nämlich zur Zeit des Nationalsozialismus, in der ebenso das Ideal vorherrschte, dass jeder gleich ist, dass es keine Einzelgänger gibt. Das hat sich natürlich auch auf den Tod ausgeprägt, zum Beispiel dass nach dem Tod jeder gleich ist. Da hat natürlich ein Foto auf dem Grabstein eben nichts zu suchen gehabt.

DOMRADIO.DE: Und wie sieht es mit der zunehmenden Technisierung aus? Spielt das auch eine Rolle?

Meitzler: Ja, das Thema Internet ist hier natürlich auch zu nennen. Trauer verlagert sich zunehmend auch in den digitalen Raum. Vor allen Dingen bei Menschen, die mit dem Internet groß geworden sind. Das ist einfach ganz normal, da sie tagtäglich im Internet unterwegs sind. Noch sind diejenigen relativ jung, aber irgendwann kommen auch die in ein Alter, in dem man verstärkt mit Trauer zu tun hat. Wir können da schon erste Anzeichen erkennen, beispielsweise so etwas wie digitale Friedhöfe. Im Prinzip eine virtuelle Grabstätte, die man entsprechend dann am Computer gestalten kann. Man muss noch nicht einmal mehr auf den Friedhof gehen und das eigene Zuhause verlassen, um solche Formen des Gedenkens zu haben. Da tut sich momentan in der Tat sehr sehr viel.

DOMRADIO.DE: Sie waren auf vielen Friedhöfen unterwegs. Welche Unterschiede haben Sie denn festgestellt zwischen Stadt und Land oder auch Ost und West?

Meitzler: Unterschiede gibt es zum einen im Trend der Individualisierung. So ganz moderne Formen findet man natürlich vermehrt in den Großstädten. Die kleineren Ortschaften sind da noch ein bisschen beschaulicher. Da ist noch mehr Tradition zu erkennen. Das hat natürlich auch ganz viel mit Sozialstrukturen und Hintergründen zu tun, beispielsweise welche Konfessionen in welcher Region sehr prägend sind. Der katholische Süden von Deutschland ist da nochmal ein bisschen anders, als der konfessionslose Osten.

DOMRADIO.DE: Muss man denn um die Grabsteine fürchten, wenn viele sich anonym bestatten lassen oder nur noch Platten statt Grabsteine nutzen?

Meitzler: Das würde ich so nicht sagen, denn wir haben im Prinzip diese beiden Trends. Das ist die Entscheidung der Menschen, die für sich selbst sagen, ich brauch das Grab nicht, um zu trauern, die aber vielleicht durch Mobilität an einem ganz anderen Ort leben und eigentlich gar nicht mehr wirklich die Gelegenheit bekommen, so eine Grabstätte aufzusuchen, geschweige denn zu pflegen. Das gibt es beides. Aber das heißt jetzt nicht, dass der Friedhof stirbt. Das würde ich so nicht sagen. Es wird nach wie vor auch in den nächsten Jahrzehnten sehr, sehr ansehnliche Grabstätten geben.

Das Gespräch führte Heike Sicconi.

(DR)

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