Der Künstlerseelsorger im Erzbistum Köln, Prälat Josef Sauerborn (rechts), überreicht Ferdinand Schmalz den Ludwig-Mülheims-Theaterpreis
Künstlerseelsorger Prälat Josef Sauerborn (re.) und Ferdinand Schmalz
Friederike Emmerling vom S. FISCHER Theater & Medien Verlag
Friederike Emmerling vom S. FISCHER Theater & Medien Verlag hielt die Laudatio

06.11.2018

Katholischer Ludwig-Mülheims-Theaterpreis an Ferdinand Schmalz Gott als "armer Nachbar"

Ferdinand Schmalz ist so etwas wie ein Shooting-Star unter den jüngeren Theaterautoren, den die Frage nach Tod oder Sinnsuche bewegt. Nun hat der österreichische Dramatiker den Ludwig-Mülheims-Theaterpreis des Erzbistums Köln erhalten.

Die Jury des Ludwig-Mülheims-Theaterpreises 2018 würdigte Schmalz vor allem wegen seines Stücks "Jedermann (stirbt)". Der mit 25.000 Euro dotierte Preis wurde im erzbischöflichen Kunstmuseum Kolumba übergeben.

"Diese Sprache ist einfach packend"

Ferdinand Schmalz stellt Menschen in ganz alltägliche Situationen, zum Beispiel in eine Raststätte ("Dosenfutter") oder eine Molkerei ("Am Beispiel der Butter"). Indem er sowohl Personen wie auch Settings verfremdet, bringt er das Geschehen in einen unwirklichen Raum, in denen existenzielle Fragen verhandelt werden.

Die unkonventionelle, spielerische Verwendung von Sprache in seinen Theaterstücken hat den Künstlerseelsorger des Erzbistums Köln Prälat Josef Sauerborn besonders beeindruckt: "Diese Sprache ist einfach packend, frisch lebendig, ausdrucksstark, innovativ. Er erfindet geradezu Wortspiele und kann trotzdem volkstheatrale Elemente benutzen." Trotz der existenziellen Themen, die in seinen Theaterstücken behandelt werden, spielt auch Humor eine wichtige Rolle.

"Humor ist einfach das stärkste Erkenntnismittel, das wir haben", führt der Theaterautor aus, "denn wie es die Philosophin Hannah Arendt schon sagte, das Lachen ist das, was Diktatoren am meisten fürchten."

"jedermann (stirbt)"

Ferdinand Schmalz hat "ordentlich geschluckt", als er den Auftrag vom Wiener Burgtheater bekam, eine zeitgenössische Version des Klassikers von Hugo von Hoffmansthal zu schmieden. Doch sein "jedermann (stirbt)" hat nicht nur das Wiener Publikum, sondern auch die Jury des Ludwig-Mülheims-Theaterpreis überzeugt. Es sei ihm gelungen, urteilt die Auswahlkommission, das "große, parabelhafte Mysterienspiel in eine verblüffend schlüssige Heutigkeit" zu reißen. Aus der Figur des Teufels hat er "die (teuflisch) gute Gesellschaft" gemacht. Gott tritt als der "arme Nachbar" auf.

Eine interessante Idee, sagt Prälat Josef Sauerborn: "Gott wird zum gebeutelten Gott unserer Zeit, der arme Nachbar, der im Bewusstseinsgebilde der Leute nicht mehr auftaucht. Das bringt er in einer Weise dar, die irritiert. Da bleiben gewaltige Fragen offen."  

Frage von gut und böse?

In Ferdinand Schmalz‘ "jedermann (stirbt)" geht es nicht wie im Mysterienspiel um die Einteilung in gut und böse. "Ich glaube nicht an das Böse schlecht hin", sagt Schmalz, "die Menschen werden durch ihre Umstände böse, nicht durch eine böse Macht, die sie zum Handeln zwingt. Ich möchte gerne verstehen, wie Leute dorthin kommen, was sie machen." 

Und so ist auch sein vom kapitalistischen Gewinnstreben besessene "jedermann" nicht nur ein böser Mensch, sondern auch ein "Opferlamm". Am Ende des Stücks heißt es: "jedermann ist niemand, niemand anderes als wir. Wenn er auch stirbt, verschwindet er doch nicht. Wir sterben ewig, leben nicht."

Kirche und Theater

Wir leben heute in gefährlichen Zeiten, sagt Ferdinand Schmalz, in denen antidemokratische Kräfte wieder stärker werden und Mitmenschlichkeit keine Rolle mehr spielt: "Wenn heutzutage darüber diskutiert wird, ob es uns möglich ist, ertrinkenden Menschen die Hand zu reichen, dann muss man sagen, wir sind an einem Punkt angelangt, wo jetzt Arbeit angesagt ist." 

Institutionen wie das Theater und die Kirche seien gefragt, dieser Unmenschlichkeit entgegenzuwirken.

Birgitt Schippers
(DR)

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