Konzert von Geigerin Anne-Sophie Mutter in St. Ottilien
Konzert von Geigerin Anne-Sophie Mutter in St. Ottilien
Das Kloster ist erstmal leer.
Kloster Sankt Ottilien
Start-Geigerin Anne-Sophie Mutter
Start-Geigerin Anne-Sophie Mutter
Zeitzeuge Peter Kubierschky
Zeitzeuge Peter Kubierschky

23.09.2018

Zeitzeuge zum Gedenkkonzert von Star-Geigerin Anne-Sophie Mutter "Wir müssten aus der Geschichte doch Toleranz gelernt haben!"

An diesem Sonntag spielte Anne-Sophie Mutter in Sankt Ottilien ein Gedenkkonzert für Holocaust-Überlebende. Einer der letzten Zeitzeugen erinnert sich an eine Zeit, in der das Kloster einst ein Krankenhaus war, in dem Juden aufgenommen wurden.  

KNA: Herr Kubierschky, die Nazis hatten das Kloster Sankt Ottilien im Zweiten Weltkrieg zum Lazarett für deutsche Soldaten umfunktioniert. Ihr Vater Heinz arbeitete dort als Arzt. Wie war es für ihn, als er plötzlich Juden behandeln sollte?

Peter Kubierschky (Zeitzeuge aus Eching am Ammersee): Für ihn war es keine Frage, sie nicht zu behandeln, anders als zunächst für manche seiner Kollegen. Als die Juden in Sankt Ottilien ankamen, war der Krieg ja noch nicht zu Ende. Deshalb warnten manche Ärzte: "Was, wenn die SS dahinterkommt, dass wir Juden aufgenommen haben? Dann werden wir alle an die Wand gestellt!" Mein Vater aber erinnerte an den Hippokratischen Eid, allen Kranken zu helfen. Er war übrigens dank seiner jüdischen Großmutter selbst "Vierteljude". Das wusste allerdings niemand. Die Behandlung der Juden stand für meinen Vater also außer Frage, sie war dann aber schlimm.

KNA: Warum?

Kubierschky: Mein Vater sagte damals, das sei wie auf dem Kriegsfeld direkt nach einer großen Schlacht. Den Deportierten war es ja doppelt schlecht ergangen: Sie kamen aus einem Zug mit KZ-Insassen, der irrtümlicherweise von der amerikanischen Luftwaffe angegriffen wurde, die eigentlich SS-Männer treffen wollte. Bis zu 200 Menschen starben. Und die, die überlebten, hatten natürlich teilweise schlimmste Verletzungen. Außerdem waren sie durch ihre vorherige KZ-Haft schon überaus geschwächt und ausgemergelt.

KNA: Wie entwickelte sich dann das Miteinander in Sankt Ottilien?

Kubierschky: Die Deportierten und die deutschen Soldaten wurden in getrennten Bereichen untergebracht. Insofern gab es kaum Aufeinandertreffen. Die Soldaten hatten auch Angst, sich von den anfangs ja sehr verwahrlosten Neuankömmlingen mit Infektionen anzustecken. Zwischen den Deportierten und den deutschen Ärzten existierten zu Beginn Spannungen, weil die Patienten erst mal nur Schonkost bekamen, um sie wieder an eine richtige Ernährung zu gewöhnen. Die Patienten waren argwöhnisch. "Die deutschen Ärzte gönnen uns Juden das gute Essen nicht", hieß es. Aber mit der Zeit überwog die Dankbarkeit für die Pflege.

KNA: Nach einem Monat ging es einigen der Holocaust-Überlebenden wieder so gut, dass sie ein "Befreiungskonzert" spielen konnten. Haben Sie das miterlebt?

Kubierschky: Nein. Ich weiß aber, dass ein Flügel meiner Familie den Musikern zur Vorbereitung dieses Konzerts diente. Das Instrument hatte mein Vater nach den Bombenangriffen der Alliierten auf München aus unserer dortigen Wohnung nach Sankt Ottilien bringen lassen. Zum Konzert selber war der Flügel dann jedoch nicht mehr im Kloster. Denn die jüdischen Verantwortlichen, die da inzwischen die Kontrolle übernommen hatten, hatten erklärt, alles auf dem Gelände sei nun beschlagnahmt. Das ließ mein Vater sich nicht bieten und den Flügel heimlich von einer Spedition "stehlen", als die Leiter zu Mittag aßen. Heute steht der Flügel wieder in München, bei einem Verwandten.

KNA: Haben Sie Lehren aus der Sankt-Ottilien-Geschichte gezogen?

Kubierschky: Ja, auch wenn ich damals ja noch gar nicht alles verstanden habe. Seinerzeit war es für mich zum Beispiel immer deshalb so toll, meinen Vater an seiner Arbeitsstelle zu besuchen, da es dort dank der amerikanischen Besatzer Kaffee gab. So etwas hat mich damals als Erstes beeindruckt, nicht das Schicksal der Juden, das habe ich erst später langsam begriffen. Dann hat es mich aber umso mehr erschüttert, dass Menschen bloß wegen ihres Stammbaumes verfolgt wurden. Es ist mir daher völlig unverständlich, wie heute noch rechte Ausschreitungen wie jüngst in Chemnitz passieren können.

Wir müssten aus der Geschichte doch Toleranz gelernt haben!

Von Christopher Beschnitt

(KNA)

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