Antisemitismus-Debatte überschattet die Ruhrtriennale

"Unprofessionell ist der netteste Ausdruck"

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet wird in diesem Jahr nicht zur Ruhrtriennale kommen. Im Interview dazu Vorsitzender der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Jürgen Wilhelm, der Laschet unterstützt.

Ruhrtriennale von Antisemitismus-Debatte überschattet / © Caroline Seidel (dpa)
Ruhrtriennale von Antisemitismus-Debatte überschattet / © Caroline Seidel ( dpa )

DOMRADIO.DE: Was sagen Sie? Ist es richtig, dass der Ministerpräsident da abgesagt hat?

Prof. Dr. Jürgen Wilhelm (Vorsitzender der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit): Nach diesem hin und her, dass die Intendantin dort veranstaltet hat, mit dieser Gruppe, die ja ein Unterstützer von dieser BDS-Initiative ist, muss ich sagen, hat Herr Laschet korrekt, angemessen und – ich würde sogar attestieren zu sagen – liberal gehandelt. Denn das ist ja ein – insbesondere auch durch das Land Nordrhein-Westfalen – stark subventioniertes, großes und wunderbares Festival.

Laschet hat nicht mit Entlassung der Intendantin gedroht mit Zuschusskürzungen. All das hat er klugerweise und richtigerweise – Gott sei Dank – nicht gemacht. Das muss man ja auch aushalten können, aber seine persönliche Entscheidung ist ein richtiges politisches Zeichen.

DOMRADIO.DE: Jetzt sagen viele, es gebe aber doch immerhin die Freiheit der Kunst. Muss man da nicht vielleicht auch offen sein?

Wilhelm: Ja, natürlich muss man offen sein und man muss auch Gäste einladen können, die nicht wie der Mainstream die Politik der Regierung Israels verkünden oder verteidigen. Das ist alles in Ordnung, aber hier ist doch eine Grenze überschritten worden.

Schauen Sie gerade die Deutschen müssten und müssen weiterhin super sensibel sein bei diesen Grenzüberschreitungen. BDS das heißt ja "Boycott, Divestment and Sanctions". Auf Deutsch: "Boykott, Ende oder Zurücknahme von Investitionen und Sanktionen".

Ich mag keine Nazi-Vergleiche, aber in diesem Zusammenhang bietet es sich einfach schrecklicherweise an. BDS sagt im Grunde ins Deutsche übersetzt "Kauft nicht von Juden". Und es ist auch bekannt, dass BDS die israelische Politik wirklich – unabhängig von Tagesaktualität – regelrecht bekämpft. Das ist schon viel mehr als Meinungsfreiheit und natürlich Offenheit, die ein solches wunderbares Festival haben sollte.

DOMRADIO.DE: Die Intendantin, die hat jetzt natürlich mittlerweile auch nochmal Stellung bezogen. Sie hat gesagt: "Antisemitismus, das hat bei uns keinen Platz" und sie hat reagiert und eine Podiumsdiskussion anberaumt, wo dann auch jüdische Vertreter eingeladen sind...

Wilhelm: Ja, aber sie hat das in einer Weise gemacht, ich sage mal unprofessionell ist der netteste Ausdruck, der mir jetzt einfällt. Sie hat an diese Podiumsdiskussion, entweder ohne nachzudenken oder niemanden zu fragen, auf einen Samstag gelegt. Und wir wissen, dass die jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik Deutschland – aufgrund der Shoah und der Erfahrungen – das sind, was wir vielleicht orthodox oder vielleicht eher konservativ nennen können.

DOMRADIO.DE: Das bedeutet konkret?

Wilhelm: Das heißt, sie halten sich an den Schabbat, den Samstag, der für die jüdischen Menschen ein Familientag ist, wo sie nicht arbeiten, wo sie keine weiten Reisen machen wollen. Und dann gerade ausgerechnet an diesem Samstag, die jüdischen Gemeinden oder Vertreter zu einer Podiumsdiskussion einzuladen, das ist sehr unsensibel. Und wie gesagt, das Krisenmanagement von der Dame, die ich gar nicht kenne, ist es einfach inakzeptabel. Es ist ein schlechtes Beispiel dafür, wie man aus der Krise hätte herauskommen können. Sie hat es genau in die falsche Richtung gemacht oder eben nicht gemacht. Das ist schon ziemlich arrogant. Ich weiß es nicht, ich will auch niemanden beleidigen, aber dazu gehört schon ziemlich viel Tollpatschigkeit.

DOMRADIO.DE: Was wünschen Sie sich persönlich – als Gesellschaft für christlich jüdische Zusammenarbeit – für diesen Diskurs? Was kann man da noch Positives mitnehmen?

Wilhelm: Lassen Sie mich zunächst einmal – als ein an Kultur interessierter Mensch seit 40 Jahren im Rheinland – sagen, dass ich es außerordentlich bedauere, dass dieses wunderbare Festival, diese Ruhrtriennale – mit großartigen Künstlern an unglaublich tollen Orten – jetzt durch diese mediale Überwölbung dieses Konflikts, ein bisschen in den Hintergrund gerät. Das tut mir außerordentlich leid und ich hoffe, dass insgesamt die Besucherzahl in Ordnung ist. Es muss ja jetzt nicht jeder ein politisches Statement, wie der Ministerpräsident senden. Das brauchen ja die Bürger Nordrhein-Westfalens oder andere Gäste nicht zu tun.

Ich finde natürlich immer produktiv, dass dieser Konflikt auch mal deutlich macht, dass diese Einseitigkeiten irgendwelcher Köpfe von Theaterleuten, aber auch von Politikern, außerordentlich häufig einseitig zu Lasten Israels gehen. Wohingegen die Terroranschläge der Palästinenser und Hamas sozusagen unter ferner liefen kommen. Das macht nochmal bewusst, dass wir eine höhere Sensibilität an den Tag legen müssen. Und von einer so renommierten Theaterintendantin hätte ich das schon erwartet.

Das Interview führte Verena Tröster.


Prof. Dr. Jürgen Wilhelm  / © gemeinfrei
Prof. Dr. Jürgen Wilhelm / © gemeinfrei
Quelle:
DR