Symbolbild Lesung
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Kölner Generalvikar Dominik Meiering, Joachim Frank und Professor Bodo Zelinsky
Kölner Generalvikar Dominik Meiering, Joachim Frank und Professor Bodo Zelinsky

06.03.2018

Lesung des "Großinquisitors" im Kölner Dom Ein Kuss als Botschaft

In seinem "Großinquisitor" zeichnet Dostojewski eine der großartigsten Christus-Darstellungen der Weltliteratur, ist der Kölner Slawist Bodo Zelinsky, überzeugt. An diesem Mittwoch liest den "Großinquisitor" Klaus Maria Brandauer im Kölner Dom.

Manchmal sagen Gesten mehr als tausend Worte. Am Ende eines nicht enden wollenden Monologs der Vorwürfe und Beschuldigungen geht Christus auf seinen Widerpart zu und küsst "die blutleeren Lippen des Greises". Selten habe es in der Literaturgeschichte einen überwältigenderen, suggestiveren Moment gegeben als diesen, findet der Experte für russische Literatur, Bodo Zelinsky.

Gerade der Verzicht auf die eigene Verteidigung angesichts der massiven Anklagerede des Großinquisitors sei trotz Schweigens ausgesprochen vielsagend. Der emeritierte Professor für Slawistik an der Universität zu Köln ordnete am Montag bei einer Einführungsveranstaltung zur lit.Cologne-Lesung am Mittwoch im Kölner Dom die berühmte Parabel von Dostojewski in dessen Gesamtoeuvre ein. Außerdem erläuterte er die biografischen Hintergründe des 1881 in St. Petersburg gestorbenen Autors zur Entstehung dieses fünften Kapitels im fünften Buch des Romans "Die Brüder Karamasow".

Konflikt zwischen Glaube und Unglaube

Es handele sich um die in eine fiktive Welt eingebettete narrative Theologie eines Dichterdenkers, der nach fünfjähriger Verbannung nach Sibirien und der dort begonnenen intensiven Lektüre des Neuen Testaments zur Verehrung der Gestalt Christi gefunden hat, ihr dann eine zentrale Rolle in allen seinen großen Romanen zumisst und "Gott als bestimmenden Urgrund allen Seins" begreift, unterstrich der Dostojewski-Kenner. "Er erkennt: Es gibt nichts Größeres und Schöneres als Jesus Christus."

In diesem Werk treffe der Atheismus des älteren Bruders Iwan, der als Intellektueller, kalter Rationalist und Fragender gilt und die Untauglichkeit des christlichen Glaubens anprangert, auf die Glaubensgewissheit seines jüngeren Bruders Aljoscha, der lange Zeit im Kloster gelebt hat und – als Verkörperung des Guten – allen Anfeindungen zum Trotz an seiner religiösen Überzeugung festhält. Schließlich sei der Konflikt zwischen Glaube und Unglaube eines der großen Themen Dostojewskis, so Zelinsky. Ursprünglich habe er auf der Höhe seines Ruhms ein eigenes großes Werk über Jesus Christus schreiben wollen, das allerdings nicht zur Ausführung kam, so dass Teile dieser Idee nun in den Diskursen der "Brüder Karamasow" Niederschlag gefunden hätten.

Irdische Rückkehr Christi

Die von der Romanfigur Iwan ausgedachte Geschichte handelt von der irdischen Rückkehr Christi im spanischen Sevilla des 16. Jahrhunderts und der Heiligen Inquisition. Als Heiland wird er von den Bürgern wiedererkannt. Der Großinquisitor aber, die kirchliche Instanz der damaligen Zeit schlechthin, hält ihn im Kerker gefangen, bevor er als Störer der öffentlichen Ordnung auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden soll. Begründungen dafür führt der Großinquisitor in besagtem langen Monolog aus, zu dem Christus bis zum Schluss schweigt.

Während sich die allgemein verbreitete Kritik – auch an den Machtstrukturen der Kirche – im Großinquisitor spiegelten, so Zelinsky, reflektiere sich Dostojewski selbst in der Figur des Iwan und übertrage auf diesen die eigene Auseinandersetzung mit dem herrschenden Christusbild, das für Aljoscha wiederum in seiner Größe unumstritten bleibt. Dostojewski ordne alle seine Figuren bestimmten Ideen zu, die für die Verkörperung von Grundthemen und -konflikten stünden, führte der Experte aus.

Und seine Kunst bestehe darin, sie trotzdem nicht als Kopfgeburten erscheinen zu lassen, sondern mit Leben zu füllen. Daher habe diese Erzählung auch bei aller Kalkuliertheit etwas sehr Emotionales und Anschauliches. Im "Großinquisitor" manifestiere Dostojewski seine persönliche Christus-Verehrung, mit der er zugleich seine Erwartung ans Christentum zum Ausdruck bringe: dass es der Nächstenliebe Gestalt verleiht. Denn für ihn stehe das "Tat-Christentum", die "Imitatio Christi", im Vordergrund.

Hochaktuell und politisch

Wie hochaktuell und politisch – bei aller schroffen und höchst anspruchsvollen Sprache – die vom Initiator der Domlesungen, Joachim Frank, gewählte Passage ist, begründete Generalvikar Dr. Dominik Meiering. In Zeiten, in denen Politiker wie Trump, XI Jinping und Erdogan nach immer mehr Macht strebten, müssten die Menschen gegen ihre Versklavung aufstehen und mehr eigene Verantwortung übernehmen.

Wie oft habe er die Geschichte des Großinquisitors, die ihn selbst auch schon früh in seinem Gottesbild geprägt habe, in die seelsorgliche Arbeit mit Jugendlichen eingebaut, um die zentrale Frage zu stellen: Wer ist Jesus für mich? Gleichzeitig gehe es in dieser Literatur um die großen Themen "Lebenssinn", "Gottsuche" und "Freiheit" sowie den verantwortlichen Umgang mit ihr. Dostojewski als Kirchenkritiker zu bezeichnen werde ihm nicht gerecht. "Vielmehr will er uns dazu bringen, in eine andere Wirklichkeit einzutreten, um von Gott sprechen zu können."

Die Kirche als Institution ermögliche gleichermaßen einen Freiheits- und Schutzraum, könne aber auch das Gegenteil davon sein, wie Dostojewski darstelle, argumentierte Meiering. Freiheit, Macht und Institution seien die Eckpunkte dieser Erzählung. Damit stelle Dostojewski die richtigen Fragen, betonte er. Beispielsweise: Ist die Kirche ein Hort der Freiheit? Oder: Wie kann Gott erlebt werden? Der Dichter liefere keine Antworten, wie Kirche sein soll, schließlich bleibe das Ende offen. Christus werde nicht verurteilt. Er gebe auch keine eindimensionale Antwort, sondern leiste lediglich einen Beitrag zum allgemeinen Diskurs, so der Generalvikar. Dennoch sei sein Text nicht negativ, sondern voller Hoffnung.

Die Aktualität und Faszination dieses Literaturauszugs erklärte in seiner Moderation auch Joachim Frank, Chef-Korrespondent des Kölner Stadt-Anzeigers. "In der Negation entsteht ein positives Bild vom Christentum." Gleichzeitig würden die Selbstreinigungskräfte einer "ecclesia reformanda" aktiviert. Am Ende blieb die spannendste aller Fragen allerdings unbeantwortet: Wen wird der gewaltige Sakralbau Kölner Dom, in dem morgen Abend Klaus Maria Brandauer mit ausdrücklicher Zustimmung des Domkapitels den Monolog des Großinquisitors vortragen wird, am Ende unterstützen: den "blutleeren" Machtpopanz der Institution Kirche zu Beginn der Frühen Neuzeit oder den schweigenden Christus?

Beatrice Tomasetti
(DR)

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