Franziskanerpater Eugenio Alliata in der Jerusalemer Grabeskirche
Franziskanerpater Eugenio Alliata in der Jerusalemer Grabeskirche

23.02.2017

Britischer Archäologe zu Restaurierungsarbeiten in Grabeskirche Ängste vor der Archäologie sind "völlig unbegründet"

Als einziger Archäologe durfte Martin Biddle (79) in Jerusalem die heiligste Stätte der Christenheit in jüngerer Zeit wissenschaftlich untersuchen.

KNA: Professor Biddle, Sie sind ein ausgesprochener Kenner der Grabeskirche. Wie bewerten Sie die gegenwärtige Restaurierung der Ädikula?

Martin Biddle (emeritierter Professor der Universität Oxford): Die brilliante Restaurierung ist eine Offenbarung für mich. Mit meinem Team haben wir Stunden in und um die Ädikula verbracht, aber nie ein rechtes Gefühl für ihre gegenwärtige Gestalt gehabt, weil sie so dreckig war. Jetzt strahlt das Gebäude frisch. Das ist eine große Leistung, und Professorin Antonia Moropoulou, die hauptverantwortlich für die Arbeiten war, ist anerkanntermaßen eine große Expertin in Sachen Konservierung.

KNA: Standen Sie als Archäologe in Kontakt mit dem Restaurierungsteam?

Biddle: De facto hat es bis vor wenigen Tagen keine Kontakte gegeben. Antonia Moropoulou und die drei Konfessionen haben immer deutlich gemacht, dass es sich nicht um eine archäologische Operation handelt. Nichtsdestotrotz haben sie die Marmorplatte von dem Grab entfernt und Dinge darunter freigelegt: Unter der ersten Platte haben sie eine weitere, zerbrochene Platte gefunden, darunter Fels.

KNA: Sind Sie enttäuscht darüber?

Biddle: Nirgendwo in Europa würden vergleichbare Arbeiten durchgeführt, ohne die erfahrendsten Archäologen hinzuzuziehen. Außer an dem entscheidenden Punkt, dem Grab, gab es keine größeren Probleme, und hier hätte man einen Archäologen zurate ziehen sollen. Das wäre eine Frage von ein paar Stunden gewesen. Gleichzeitig wäre es unfair, das Team dafür zu kritisieren, dass sie keine Archäologie betrieben haben, da die Arbeiten nicht darauf angelegt waren. Ich denke, sie haben nicht damit gerechnet, mit einem archäologischen Problem konfrontiert zu werden. Es handelt sich um eine technisch hervorragende Arbeit, die Fragen aufwirft - und schon jetzt unterschiedliche Interpretationen provoziert.

KNA: Nämlich?

Biddle: Zunächst würde ich gerne präzise Zeichnungen und mehr Fotos sehen. Auf den ersten Fotos sieht man eine größere Menge Schutt zwischen den Lagen. Ich sage "Schutt", weil ich nicht weiß, worum genau es sich handelt. Mir wurde gesagt, es seien keine Objekte in dem Schutt gefunden worden. Was die Datierung der beiden Platten betrifft: Es gibt Berichte eines Engländers aus dem Jahr 1345. Er spricht von einer Umkantung, wie wir sie an der oberen Platte sehen, sowie einen Schnitt in ihrer Breite. Ich gehe davon aus, dass diese Platte schon 1345 da war, weil die Beschreibung genau auf sie zutrifft, während auf den Fotos der früheren, dunklen Marmorplatte, die ich bisher gesehen habe, keine Anzeichen eines solchen Schnittes oder einer Umkantung zu sehen sind. Dann haben wir entlang der vorderen Umkantung der oberen Platte eine Reihe von Löchern mit Blei, die zur Befestigung von etwas dienten. Sie werden in keiner Quelle genannt, aber wir wissen, dass in der Mitte des 12. Jahrhunderts der byzantinische Herrscher Manuel II. das Grab mit Gold bedeckte. Meine Erklärung ist, dass die Löcher der Befestigung dieser goldenen Abdeckung dienten. Dann wäre die Platte schon Mitte des 12. Jahrhunderts da gewesen. Die einzig logische Erklärung für mich ist, dass sie nach der Zerstörung des Grabs durch den Kalifen Hakim 1009 angebracht wurde. Der große Archäologe der Franziskaner hingegen, Eugenio Alliata, hält die Platte für deutlich jünger.

KNA: Und die untere Platte?

Biddle: Ihr Fund war unerwartet. Sie ist so stark zerbrochen, dass wir nicht sicher sein können, dass alle Teile da sind. Deshalb sähe ich gerne eine präzise Zeichnung der vorhandenen Teile und wie sie zusammenpassen, um zu sehen, wieviel fehlt. Ich wüsste auch gern, um was für einen Stein es sich handelt. Alliata hält die untere Platte für die Platte aus Kreuzfahrerzeit. In meiner Interpretation ist die Platte deswegen so stark beschädigt, weil es sich um die Platte aus der Zeit der Zerstörung unter Hakim handelt. In jedem Fall sind die Funde extrem interessant.

KNA: Das Restaurierungsteam bescheinigt der Kapelle Stabilität. Gleichzeitig weist es auf den instabilen Untergrund hin. Ist es verfrüht, das Metallgerüst der Briten zu entfernen, weil das Gebäude durch diese Instabilität einstürzen könnte?

Biddle: Das halte ich für sehr unwahrscheinlich.

KNA: Hoffen Sie, dass bei eventuellen Folgeprojekten am Untergrund auch Archäologen hinzugezogen werden?

Biddle: Ich bin beunruhigt über die Tatsache, dass bei der Vorstellung des Projekts nicht von Archäologie die Rede war. Das Gesamt der Rotunde ist eine archäologische Stätte größter Komplexität und weltweiter Bedeutung. Vorzuschlagen, den «Schutt» und damit alle archäologischen Schichten zu entfernen, ist meiner Meinung nach falsch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie die archäologische Stätte zerstören wollen, zumal Ausgrabung und Erhaltungsarbeiten sich nicht ausschließen.

KNA: Glauben Sie, dass es seitens der Kirchen Ängste vor problematischen Funden gibt?

Biddle: Sollte es sie geben, sind sie völlig unbegründet. Der Gedanke, sehr einfach formuliert, ist: Wir wissen ja, was hier passiert ist und brauchen deshalb keine Archäologie.

KNA: Warum bräuchten wir sie trotzdem?

Biddle: Weil es auch ein eisenzeitliches Jerusalem gibt. Weil Überreste der Steinbrüche gefunden würden, von deren Existenz wir wissen. Wir müssen wissen, wie die Stätte aussah, als man Mitte des ersten vorchristlichen Jahrhunderts begann, sie als Grabstätte zu nutzen. Dann sind wir in der Grabeskirche im Herzen des hadrinanischen Jerusalems.

Andrea Krogmann
(KNA)

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