Bar in ehemaliger Kirche
Bar in ehemaliger Kirche
Schlafzimmer in ehemaliger Kirche Martinuskerk
Schlafzimmer in ehemaliger Kirche Martinuskerk
Kirche St. Willibrord Utrecht
Kirche St. Willibrord Utrecht
Profaniert: Martinuskerk
Profaniert: Martinuskerk

09.02.2017

Neues Leben für profanierte Kirchen in Utrecht Bar statt Altar

Bar, Hotel oder Mehrfamilienhaus: In den Niederlanden bekommen viele ehemalige Gotteshäuser ein zweites Leben geschenkt. Ein Besuch in der Bistumsstadt Utrecht, die Stadt mit den meisten mittelalterlichen Kirchen Hollands.

"Wir Holländer sind pragmatisch", sagt der Touristenführer Edwin van den Bergh. "Wenn ein Haus leer steht, braucht es einen neuen Bewohner. Bevor es abgerissen wird, übergeben wir es lieber einem neuen Lebenszweck." Das kann ein Hotel oder Museum sein, wie auch in vielen deutschen Städten, oder etwas ungewöhnlicheres. Utrecht war im Mittelalter die größte und bedeutendste Stadt Hollands. Bis heute ist es immer noch das einzige Erzbistum der Niederlande. Das Interesse an Kirche und Glauben hat aber über die Jahrhunderte immer wieder ab- und zugenommen: Im Mittelalter gab es eine große Anzahl von Kirchen und Klöstern. Mit der Reformation wurden viele davon umgebaut zu Gerichtshäusern oder Universitäten. Dann kamen die Calvinisten. Andere Konfessionen wurden zwar nicht offen verfolgt, eigene lutherische oder katholische Kirchen durften sie aber auch nicht bauen. Aus dieser Zeit stammen die "versteckten Kirchen", die von außen kaum als solche zu erkennen sind. Im 19. Jahrhundert dann die Renaissance des Glaubens. Viele neugotische Kirchen wurden in dieser Zeit errichtet. Und was ist heute? Heute sind aktive Christen in Utrecht in der Minderheit. Von den über 30 Kirchen in der Innenstadt braucht es nur noch wenige. Viele Gebäude wurden leer geräumt und einem neuen Schicksal übergeben.

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"Ich bin nicht christlich, aber mir gefällt die Architektur", sagt Lori Goldschmidt. Die ältere Dame bewohnt eine der Wohnungen in der profanierten Martinuskerk. Der Schutzpatron der Stadt Utrecht steht als großes Reiterstandbild vor dem Haus. Man könnte das Gebäude fast für ein aktives Gemeindezentrum halten, wären da nicht die Briefkästen und Klingelschilder am Hauptportal. Ab den 70ern stand das Gotteshaus leer. Das Erzbistum Utrecht hatte nicht mehr die Mittel das Gebäude zu versorgen. In den 80ern kam dann die Idee des Architekten Dolf de Maar: Wände,Treppenhäuser und Aufzüge wurden eingezogen und Apartements verteilt. Mit 78 Quadratmetern ist die Wohnung von Lori Goldschmidt eine der kleineren. Vor allem an den Gewölbebögen in Wohn- und Schlafzimmer, Küche und Bad erkennt man den früheren Zweck der Wohnung. "Natürlich gibt es Leute, die gegen diese Art der Nutzung sind. Aber würden wir nicht hier drin wohnen, dann wäre die Kirche längst abgerissen."

Dieses Argument hört man immer wieder in Utrecht. Aber geht das überhaupt? Kann man eine Kirche einfach so dem Erdboden gleich machen? Die Antwort ist jein. Die vielen mittelalterlichen Kirchen stehen unter Denkmalschutz. Die Kirchgebäude, die umgebaut werden, stammen aus dem späten 19. Jahrhundert, sind also meist neugotische Bauten die nicht unbedingt komplett geschützt werden. Sobald eine katholische Kirche profaniert - quasi entheiligt - wird, kann das Gebäude einem neuen Zweck zukommen. Das ist aber nicht immer konfliktfrei.

St. Willibrord: Rettung durch die Piusbrüder

Ein wenig erinnert der prunkvoll gestaltete Innenraum von St. Willibrord an den Kölner Dom. Und das ist kein Zufall. Bei der Fertigstellung haben Architekten und Zimmerleute aus dem Rheinland geholfen, die auch am Dom gearbeitet haben. Prunkvolle Goldaltäre schmücken das Bauwerk. Die Reliquien des heiligen Willibrord, eines Missionars aus England, werden hier aufbewahrt. Trotzdem bekommt diese kaum jemand zu sehen. Die Pforten von St. Willibrord bleiben in der Regel verschlossen. Durch eine kleine, unscheinbare Seitenkapelle gelangt man in das prächtig ausgestattete Hauptschiff. Besucher kommen in der Regel nur nach Vereinbarung in dieses Kirchengebäude. Im Jahr 2014 wurde es profaniert. Trotzdem werden seit 2015 hier wieder einmal die Woche Gottesdienste gefeiert. Die Piusbruderschaft, die von der katholischen Kirche nicht anerkannt wird, hat die Kirche als Missionskirche übernommen. Jeden Sonntag wird hier nun im alten Ritus zelebriert. So wird zumindest einmal die Woche diese beeindruckende Kirche wieder ihrer ursprünglichen Aufgabe gerecht. 

Auf ein Bier in die Kirche

Dass das Café Olivier im Herzen der Altstadt nicht immer ein Café war, wird auf den ersten Blick deutlich. Neben den Barhockern und Bierfässern, neben der langen Theke und der offenen Küche fällt sofort die große Orgel an der Wand ins Auge. Die Bar ist ein Szenetreff in Utrecht, am Abend fällt es schwer hier einen Platz zu bekommen. Früher war das Gebäude eine der versteckten Kirchen, von außen merkt man also kaum die klerikale Vergangenheit. Die Orgel unter der hohen Gewölbedecke wurde sicher auch schon nicht länger gespielt.

Und was sagen die Einwohner von Utrecht zu den ganzen Ex-Kirchen? Vielen gefällt der Baustil und die Atmosphäre. Wirklich überzeugte Christen sieht man weniger auf den Straßen. Und auch die, die man trifft, sehen es pragmatisch. Abreißen wäre schließlich auch keine Lösung, und gegen das Argument kommt für die Utrechter wenig an.

Renardo Schlegelmilch

(DR)

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