Hetze über Soziale Medien
Hetze über Soziale Medien

03.01.2017

Medien und Mediennutzern steht ein spannendes Jahr bevor Zwischen Falschnachrichten und gefühlten Wahrheiten

Der künftige US-Präsident Trump und Israels Premier Netanjahu tauschen sich über Twitter aus. Längst setzen soziale Medien Trends in Debatten und lassen die klassischen Medien alt aussehen. Eine gute Sache?

Kurz vor Jahreswechsel ließ eine Top-Personalie die Medienbranche aufhorchen: Kai Diekmann, langjähriger «Bild»-Chef, verlässt Ende Januar den Springer-Konzern. "Es war mir eine Ehre!", twitterte Diekmann, der zuletzt als Gesamtherausgeber der "Bild"-Gruppe fungierte. Egal ob "legendärer Journalist" oder kauziger Silicon-Valley-Bestauner: Der Mann geht zu einem Zeitpunkt, da die sogenannten klassischen Medien vor großen Herausforderungen stehen. Und die neuen - sogenannten sozialen - Medien zunehmend in die Kritik geraten.

Pünktlich zu Jahresbeginn nahm die Debatte über sogenannte "Fake News" im Internet an Fahrt auf. Das sind Falschmeldungen, die insbesondere über Netzwerke wie Facebook oder Twitter in Umlauf gebracht werden und inzwischen - der Wahlkampf in den USA hat das gezeigt - die große Politik beeinflussen. Ein Grund, weswegen Bundesinnenminister Thomas de Maziere (CDU) in den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Montag) vor "Fake News" im Bundestagswahlkampf warnte.

Streit um Social Bots

Dieter Sarreither, Präsident des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden und von Amts wegen mit der Durchführung der Bundestagswahl betraut, sekundierte dem Minister. Parteien und Medien seien aufgefordert, "durch noch sorgfältigere Prüfungen falsche von richtigen Informationen zu unterscheiden". Fast zeitgleich forderten mehrere Justizminister aus unionsregierten Bundesländern, mit schärferen Gesetzen gegen das Phänomen vorzugehen

Bayerns Justizminister Winfried Bausback (CSU) und seine Kolleginnen aus Hessen, Eva Kühne-Hörmann, und Sachsen-Anhalt, Anne-Marie Keding (beide CDU) verwiesen auf das vom Bundesrat bereits beschlossene Botnetz-Gesetz. Damit sollen "Social Bots" verboten werden, computergesteuerte Falschprofile auf Facebook, über die "Fake News" Verbreitung finden.

Verantwortung beim Leser

FDP-Vize Wolfgang Kubicki erteilte dem Ansinnen im "Tagesspiegel" (Montag) postwendend eine Absage. Weder lasse sich durch derartige Maßnahmen die Verbreitung von gefälschten Nachrichten stoppen, noch brauche es ein Wahrheitsministerium, das festlege, was wahr und was falsch sei. Return to sender also - und das heißt in diesem Fall:

Journalisten müssen ihre Quellen, von denen es immer mehr gibt, sorgfältig prüfen. Und alle anderen Mediennutzer, die dank Facebook und Co ebenfalls Sender und Empfänger sind, müssen sich fragen, wie sie es mit Fakten und Fiktion halten wollen.

Ständig im Kommentarmodus

Dass da etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist, beschäftigt auch Vertreter aus Kirchen und Wissenschaft. Die evangelische Theologin Margot Käßmann zeigte sich in einem Interview des Deutschlandfunks betroffen über die Hassparolen, die im Internet unmittelbar nach dem Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin kursierten. "Dass die Menschen dann nicht mal aushalten zu sagen: 'Jetzt sind die Opfer dran und da gibt es auch mal Stille'." Käßmanns Kritik passt zu der Beobachtung der Münchner Wirtschaftspsychologin Sarah Diefenbach. Viele Zeitgenossen befänden sich in einer Art dauerhaftem "Kommentarmodus".

In ihren Predigten zum Jahreswechsel formulierten einige katholische Bischöfe ihr Unbehagen über diesen Zwang zur schnellen Meinung. Mehr und mehr komme es vor, dass Menschen ihre Ansichten absolut setzten, Zweifel ausblendeten und die gröbsten Vereinfachungen wieder für zulässig hielten, beklagte etwa der Limburger Bischof Georg Bätzing. Mehr "Achtsamkeit und auch Wachsamkeit", wünscht sich Theologin Käßmann. Und damit so ziemlich das Gegenteil dessen, was sich gerade im Netz zum Silvester-Einsatz der Polizei rund um den Kölner Dom abspielt.

Debatte um Nafris

Das Kürzel Nafri für "Nordafrikaner", mit dem die Sicherheitskräfte ihrerseits auf Twitter über die Lage informierten, brachte ihnen den Vorwurf von Rassismus ein. Schon am zweiten Tag des neuen Jahres lag das positive Fazit zum Einsatz, das die Kölner Verantwortlichen, unter ihnen Dompropst Gerd Bachner, am 1. Januar gezogen hatten, gefühlte Lichtjahre zurück. Viele klassische Medien griffen das Thema auf. Die Frage, die sich immer schärfer stellt, lautet: Ist so etwas inhaltlich sinnvoll? Kai Diekmann könnte übrigens bald wieder ganz groß mitmischen: Es hält sich das hartnäckige Gerücht, er wolle zu Facebook wechseln.

Joachim Heinz
(KNA)

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