Heinrich Hansjakob, Pfarrer und Volksschriftsteller
Heinrich Hansjakob, Pfarrer und Volksschriftsteller

23.06.2016

Der Volksschriftsteller Heinrich Hansjakob starb vor 100 Jahren Priester, Politiker und Selbstdarsteller

Seine Schwarzwaldbücher machten ihn reich und berühmt. Der Rebell im Priesterrock liebte den Wein und die Frauen. Im Konflikt mit Regierung und Kirchenleitung scheute Heinrich Hansjakob keine Verluste.

Er tanzte auf 1.000 Hochzeiten: Heinrich Hansjakob war Pfarrer und Bestsellerautor, Politiker und Gründer der ersten Badischen Winzergenossenschaft. Als eigensinniger Landtagsabgeordneter stritt er in Karlsruhe für eine Veständigung von Staat und Kirche. Einen Schatten auf Hansjakobs Leben wirft sein Antisemitismus: In vielen seiner Schriften finden sich antijüdische Stereotypen.

Vor genau 100 Jahren, am 23. Juni 1916, starb der badische Volksschriftsteller und Lebemann Hansjakob in der von ihm als Alterssitz gebauten Schwarzwaldvilla in seiner Heimatstadt Haslach im Kinzigtal. Seine Beerdigung wurde zum Volksauflauf mit kilometerlangem Trauerzug. Als Meister der Selbstdarstellung hatte er selbst seinen Tod geplant - und rechtzeitig eine aufwendige Grabkapelle errichten lassen.

Umtriebige Persönlichkeit

"Hansjakob war eine ungeheuer umtriebige Persönlichkeit. Er veröffentlichte allein mehr als 70 Bücher mit Erzählungen, politischen Essays, Reiseberichten und Predigtsammlungen", sagt der Haslacher Kulturamtschef Martin Schwendemann. "Heute müssen wir bei vielen seiner Schriften etwas Kitsch abklopfen, aber darunter zeigt sich Hansjakob als feinsinniger Beobachter von Bräuchen und Alltagsleben im deutschen Südwesten an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert."

Fast zwei Meter groß und stets im schwarzen Priesterrock und mit hohem Hut zog er über die Höfe des Schwarzwalds. Er interviewte Bauern und Dienstmägde, Soldaten und Handwerker. Und ließ sich mit großer Neugier aus ihrem Leben berichten. So entstanden zahlreiche Erzählungen.

Familiengeschichte in Büchern

Auch seine eigenen Familiengeschichten, etwa seine Jugend als Sohn einer armen Haslacher Bäckerfamilie, verarbeitete er zu Büchern. Als Marketingexperte in eigener Sache druckte er Autogrammkarten und verteilte sie an seine Fans. Seine Bücher erschienen in Goldschnitt-Prachtausgaben genauso wie als Billig-Groschenheft. "Man muss ihn sich als PR-Profi vorstellen, und der Erfolg gab ihm recht", so Schwendemann.

Auf dem Höhepunkt des Badischen Kulturkampfs, der erbittert verfochtenen Auseinandersetzung zwischen katholischer Kirche und badischer Regierung, wurde Hansjakob von 1871-81 Landtagsabgeordneter. 1873 landete er wegen Beamtenbeleidigung für einige Wochen im Gefängnis. Wenig später überwarf er sich auch mit der Katholischen Volkspartei.

Depressionen und Alkohol

Er ging auf Reisen nach Frankreich, Italien, Österreich und die Schweiz - und griff das Erlebte in langen Reiseberichten auf. Immer wieder litt er unter Depressionen, die er mit Alkohol und Opiaten zu bekämpfen versuchte. Dann lieferte er sich selbst in die Nervenheilanstalt ein. Obwohl zum Zölibat verpflichtet, hatte er Affären und mindestens drei Kinder. Gleichzeitig wetterte er scharf gegen Emanzipation und Frauenwahlrecht. Frauen gehörten für ihn "in die Küche, in die Kinderstube und an den Waschzuber".

In der bis heute anhaltenden Verehrung des Volksschriftstellers wurde Hansjakobs Antisemitismus lange unter den Teppich gekehrt. Der Haslacher Hansjakob-Forscher Manfred Hildenbrand warnte indes in seiner im Jahr 2000 erschienenen Biografie des "Rebellen im Priesterrock", Hansjakobs Beschimpfungen von Juden zu bagatellisieren. Als vielgelesener Protagonist der katholischen Volkskultur dürfte Hansjakobs Antisemitismus einen beträchtlichen Einfluss auf die öffentliche Meinung seiner Zeit gehabt haben.

Erinnerungen werden wachgehalten

Das vor wenigen Jahren neu gestaltete Museum in Hansjakobs Haslacher Alterssitz - der prachtvolle "Freihof" - geht auch diesem Kapitel nicht aus dem Weg. Zum 100. Todestag bietet das Haus nun zahlreiche Sonderführungen an und organisiert am 25. und 26. Juni Tage der offenen Tür. Vielfältig wird in der südbadischen Heimat an den großen Haslacher Priesterrebellen erinnert. Wer mag, kann die Lebensstationen und Schauplätze seiner Bücher auf dem Hansjakob-Weg erwandern.

Volker Hasenauer
(KNA)

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