Organist Stephan Graf von Bothmer spielt zur EM
Organist Stephan Graf von Bothmer spielt zur EM

10.06.2016

Berliner Komponist begleitet Fußball-EM an der Kirchenorgel Tore in Fortissimo

Public Viewing im Kirchenschiff: Der Komponist Graf Stephan von Bothmer vertont die Fußball-EM live an der Orgel. "Die Idee fand ich so absurd, das ich sofort Ja gesagt habe", erzählt der 44-Jährige.

Fußball und volle Kirchen passen auf den ersten Blick nicht zusammen. Doch in der Berliner Emmauskirche ist schon häufig das Gegenteil bewiesen worden. Das Gotteshaus veranstaltet zusammen mit dem Komponisten, Pianisten und Organisten Stephan Graf von Bothmer zu Fußball-Großereignissen ein ungewöhnliches Public Viewing-Erlebnis. Auch bei dieser Fußball-EM werden die Spiele auf Großleinwand übertragen - allerdings ohne Ton. Stattdessen begleitet von Bothmer die Partien live an der mächtigen Kirchenorgel.

Das Konzept mag skurril klingen, es geht nach Ansicht des Publikums aber auf. Schon bei vergangenen Europa- und Weltmeisterschaften hatte der Künstler einzelne Spiele mit seiner Orgelmusik vertont. Die Stimmung im Kirchenschiff war jedes Mal hochemotional: Es wird geschrien, gejohlt, gepfiffen, geklatscht. Oft ist das Publikum lauter als die Kirchenorgel.

Renommierter Stummfilm-Komponist

Von Bothmer weiß allerdings ziemlich genau, was er tun muss, um die Fans in Stimmung zu bringen. Bekannt ist er als einer der renommiertesten modernen Stummfilm-Komponisten in Deutschland. Er vertont unter anderem Kino-Klassiker wie "Metropolis", "Dr. Mabuse" oder "Nosferatu" mit Live-Konzerten. Doch hier kennt von Bothmer natürlich die Handlung und weiß, wann er einen musikalischen Spannungsbogen etwa mit schwermütigen Molltönen oder angespannten Stakkato-Akkorden setzten kann.

Bei seinen Fußball-Konzerten ist das anders. "Ich weiß, dass ich jeden Moment nicht weiß, wie es weitergeht", sagt der Künstler. Wenn er an der Orgel sitzt, verfolgt er selbst das Spiel auf einem kleinen Bildschirm. Alles was er sieht, setzt er musikalisch an der Orgel um. Fouls, Abseits, Strafstoß, Ballwechsel, Tor - die schnelle Abfolge der Spielszenen wird vom Organisten blitzschnell in akustische Signale umgewandelt.

"Spiel mir das Lied vom Tod"

 Bei besonders dramatischen Spielmomenten - etwa wenn die Lieblingsmannschaft einen Elfmeter vergeigt und Spieler wie Fans den Tränen nahe sind - bläst von Bothmer auch mal auf einer Mundharmonika "Spiel mir das Lied vom Tod". Der Künstler gibt zu, dass er dabei natürlich in die "filmmusikalische Trickkiste greift", um das Publikum in den Bann zu ziehen.

Das dies auch beim Fußball funktioniert, davon war von Bothmer anfangs selbst nicht ganz überzeugt. Der Impuls, Fußball-Spiele an der Orgel zu vertonen, sei ursprünglich von der Emmauskirche gekommen. "Die Idee fand ich so absurd, das ich sofort Ja gesagt habe", erzählt der 44-Jährige. Zunächst zweifelte er, ob es möglich ist, ein ohnehin schon spannendes Ereignis musikalisch noch überhöhen zu können.

Rappelvolle Kirche

Offenbar klappt es. Bei seinem ersten Fußball-Konzert in der Kirche kamen auf Anhieb rund 200 Zuschauer und Zuhörer, zum Schluss waren es mehr als 600 Leute pro Spiel, das Gotteshaus war rappelvoll. Auch bei dieser EM gibt er seine Fußball-Live-Konzerte. In Berlin sind bislang drei geplant. Zudem steht jeweils ein Konzert in Worms und in Passau auf dem Programm. Auch andere Kirchen im Bundesgebiet könnten ihn buchen, erklärt der Künstler. Einige freie Termine gebe es noch. Zu seinen Fußball-Konzerten in den Kirchen wird freier Eintritt gewährt. Als Gage bekommt der Künstler die Spenden der Zuschauer am Ende des Konzerts.

Von Bothmer räumt ein, dass seine Konzerte "für echte Fußballfans zu experimentell sind". Dennoch sind die Kirchen stets gut gefüllt. Das Publikum besteht oft aus jungen Leuten, fußballaffinen Frauen, aber durchaus auch eingefleischten Fans "die beim ersten Mal meist nicht so richtig freiwillig - etwa von der Freundin - mitgebracht werden, später dann aber wiederkommen", sagt der Organist.

Zwitterwesen Orgel

Die Begeisterung für die Fußball-Konzerte erklärt sich der Künstler mit der "Faszination der Leute" für das "brachial laute Instrument". Er sagt: "Die Orgel ist ein Zwitterwesen, ambivalent wie auch der Mensch. Sie kann himmlische Spähren ausdrücken, aber auch dunkle Seiten der Macht." Mit seinen Orgelkonzerten - das macht von Bothmer auch klar - will er den Fußball "nicht zu einem religiösen Akt machen. Aber man sollte den Fußball auch nicht verteufeln", so der Künstler.

Christine Xuân Müller
(epd)

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