Historisches Palmyra von Terrormiliz IS zerstört
Historisches Palmyra von Terrormiliz IS zerstört
Archäologe und Theologe Matthias Kopp
Archäologe und Theologe Matthias Kopp

27.03.2016

Nahost-Experte Kopp zur Rückeroberung Palmyras "Ein anderes Palmyra"

Die syrische Armee drängt den IS weiter zurück: Laut Militär und Medienberichten haben sich die Islamisten aus der Stadt Palmyra zurückgezogen. Doch die Stadt wird nie mehr das sein, was sie einmal war, sagt Nahost-Experte Matthias Kopp.

domradio.de: In einem Interview, was wir letztes Jahr mit Ihnen geführt haben, sagen Sie: "Die Einnahme von Palmyra ist eine humanitäre und kulturelle Katastrophe.“ Was bedeutet jetzt diese Befreiung?

Matthias Kopp (Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz und Nahost-Experte): Wir wollen hoffen, dass es alles wieder gut wird. Die Nachrichten, die wir seit heute Morgen durch die syrische Nachrichtenagentur Sana und eine Oppositionsgruppe aus London bekommen, sind durchaus positiv. Von daher scheinen die Nachrichten doch relativ sicher zu sein, dass Palmyra befreit wurde.

Man hat gestern begonnen, über die alte Zitadelle einen Angriff zu starten. Die syrische Regierung will möglichst schnell Experten nach Palmyra schicken, um sich die Ausmaße der Zerstörung anzuschauen. Wenn der IS wirklich zurückgedrängt worden ist, wäre das für die syrischen Truppen ein großer Erfolg und für das kulturelle Erbe des Landes eine ganz wesentliche Entscheidung.

domradio.de: Mehrere Tempel und auch ein christliches Kloster sind unwiederbringlich zerstört. Gibt es die Hoffnung, das wieder aufzubauen?

Matthias Kopp: Ich bin auch an verschiedenen Grabungen beteiligt gewesen und weiß von meinen eigenen Ausgrabungen, was hier unwiederbringlich zerstört worden ist. Die Wucht der Detonation auf den Baalschamin Tempel, auf die Synagoge, auf die Säulenstraße waren so groß, dass, wenn man überhaupt irgendwann einmal nach dem Bürgerkrieg über Wiederaufbau nachdenken will, nur von wahrscheinlich mangelhaften Rekonstruktionen sprechen kann.

Meine große Sorge ist einfach, dass eine große Lücke bleiben wird. Vielleicht muss auch eine Lücke bleiben, um an diesen grauenhaften Krieg zu erinnern. Palmyra wird nie mehr das sein, was es vorher einmal war. Dieses kulturelle Erbe der Menschheit wird ein Mahnmal werden, ein Mahnmal an einen Krieg, der uns über Monate und fast Jahre eine grässliche Fratze gezeigt hat. 

domradio.de: Wird selbst die Zerstörung im gewissen Sinne auch zu einem Kulturerbe werden?

Matthias Kopp: Davon bin ich fest überzeugt. Es kommt noch erschwerend hinzu, dass neben diesen Zerstörungen noch diese menschenunwürdigen Verbrechen geschehen sind. Zum Beispiel Khaled Asaad, das war der Chef der Antikenverwaltung von Palymra und ein international hochrenommierter Wissenschaftler, wurde von dem IS im antiken Theater von Palmyra hingerichtet. Also irgendwo wird diese Geschichte immer an den Schrecken des IS-Terrors erinnern.  

domradio.de: Jetzt gibt es Berichte, dass der Islamische Staat Landminen und Sprengsätze in den antiken Ruinen vergraben haben soll, damit die Rekonstruktion nicht so einfach verlaufen kann. Stimmt das?

Matthias Kopp: Das ist zu vermuten, dass an diesen Berichten etwas dran ist. Wir kennen das von anderen IS-Rückzugsgebieten. Das ist ein großes Problem. Wenn man überhaupt über den Wiederaufbau von Palmyra sprechen möchte, muss in Jahrzehnten gedacht werden, denn die Demilitarisierung der Zone wird allein schon Jahre in Anspruch nehmen. Wir kennen das vom Golan oder vom Jordangraben. Das sind Gebiete, die über Jahrzehnte vermint waren und man genauso viel Zeit brauchte, um die Entminungen durchzuführen. 

domradio.de: Es gehört zum erklärten Ziel der Islamisten, alles das auszulöschen, was keinen muslimischen Ursprung hat. Bei aller Mühe, die jetzt in den Wiederaufbau gesteckt wird, haben doch die Islamisten eigentlich ihr Ziel in Palmyra erreicht oder?

Matthias Kopp: Sie haben ihr Ziel in Palmyra erreicht. Der IS ist letztendlich eine Ansammlung von Terroristen, denen kulturelle Identität nichts sagt und die kein historisches Denken haben. Es zeigt sich auch, wie unfähig der IS ist, einen Dialog zu führen. Der Rückzug des IS ist durch den Landgewinn der syrischen Armee zu begrüßen. Gleichzeitig bedeutet das aber, dass sich der IS weiter im Osten Syriens festsetzen wird. Die Orte dort sind alle sehr historisch. Da habe ich wirklich große Sorge, dass auch dort das kulturelle Erbe auf ewig zerstört werden wird.

Das Gespräch führte Renardo Schlegelmilch.

(dr)

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