Ruinen der antiken Stadt Palmyra in der syrischen Wüste am 3.6.09
Ruinen im antiken Palmyra

27.08.2015

Rekonstruktion syrischer Kulturgüter in weiter Ferne Sichtbares Ausradieren

Der Baalschamin-Tempel wurde gesprengt, der oberste Hüter von Palmyra enthauptet. Archäologen fürchten: Der Aufschrei des Westens könnte den IS anstacheln. Und tatsächlich: Die Islamisten vernichten in Syrien weiter bedeutende Kulturgüter.

Jüngst rissen die Terroristen das jahrhundertealte christliche Kloster Mar Elian südöstlich von Homs zu Teilen nieder. Den verbreiteten Videoaufnahmen zufolge planierten die Islamisten den ältesten Trakt der Anlage mit dem Grab des Mar Elian, eines Märtyrers aus dem 3. Jahrhundert. Das von syrischen Christen bis heute verehrte Heiligtum datiert ins 6., möglicherweise ins 5. Jahrhundert. Archäologen legten dort in den vergangenen Jahren die Fundamente einer byzantinischen Kirche frei. Mit der Zerstörung hätten die Milizen "15 Jahre Arbeit und zwölf Jahre archäologische Studien in einer halben Stunde zunichtegemacht", sagte ein Mitglied der syrisch-katholischen Klostergemeinschaft der KNA. Den neuen Teil des Klosters mit Kirche und Wohngebäude hätten die Terroristen indes wohl verschont.

Auch in der historischen Stadt Palmyra wütet der IS schonungslos. Am Sonntag hatten die Islamisten den Baalschamin-Tempel im syrischen Palmyra zerstört. Die römische Ruinenstadt zählt zum Weltkulturerbe. Der Konstanzer Archäologe Stefan Hauser sorgt sich um die Menschlichkeit: "Je länger der IS wütet, desto mehr verliert Syrien die Zivilisiertheit, das Selbstverständnis, sich nicht gegenseitig an die Gurgel zu gehen".

Doch Hauser trifft der Verlust des Tempels auch als Wissenschaftler: "Ich habe jetzt die Bilder der Zerstörungen gesehen. Ja, der Baalschamin ist komplett zerstört von diesen Irren", schreibt er in einer E-Mail. Noch wenige Stunden zuvor hatte er gehofft, die Bilder seien nicht echt. Hauser hat Freunde und Kollegen in Syrien, einen von ihnen hat er nach Deutschland geholt. Auch in Expertenforen und sozialen Medien informiert sich der Archäologe.

Palmyra war Bezugspunkt der syrischen Geschichte

Den Meldungen der syrischen Antikenverwaltung vertraut er, korrigiert aber: Den Archäologe Khaled al-Asaad habe der IS nicht an einer Säule im Ausgrabungsgebiet aufgehängt, sondern an einer Laterne im Stadtzentrum, dort, wo jeder ihn sehen konnte. Vergangene Woche hatte der IS den Chef-Archäologen von Palmyra enthauptet und danach aufgehängt. "Der IS will Zeichen senden, Identitäten zerstören. Asaad wurde nicht nur als Archäologe ermordet, sondern auch als Stammesältester." Und als Vertreter eines säkularen Regimes: "Für die Präsidenten Assad war Palmyra ein wichtiger Bezugspunkt der syrischen Geschichte."

Das bestätigt der Islam-Historiker Marco Schöller vom Münsteraner Exzellenzcluster "Religion und Politik": "Die Assads haben die vorislamische Geschichte zur Staatsideologie erklärt." Der IS jedoch halte Geschichte für umkehrbar: "Die suchen nach Möglichkeiten des sichtbaren Ausradierens", sagt Schöller. "Sie wissen, das trifft auch im Westen einen ganz dünnen Nerv."

Schon bevor der IS Palmyra eroberte, habe die Weltkulturorganisation Unesco Zeter und Mordio geschrien, sekundiert Hauser. "Wenn weniger Aufmerksamkeit auf Palmyra gerichtet gewesen wäre, könnte der Baalschamin noch stehen", glaubt auch der Direktor des Islamischen Museums Berlin, Stefan Weber.

"Dem IS", meint Hauser, "geht es um eine Säuberung der Welt. Um eine Tilgung ihrer Irrtümer." Dazu zähle die Gemeinsamkeit von orientalischer und römischer Kultur, von Islam, Judentum und Christentum. "Der IS zerstört gezielt Stätten, die dies symbolisieren. Beispielsweise das Grab des im Alten Testament und im Koran erwähnten Propheten Jona im irakischen Ninive."

Andere Lesarten des Islam werden ausgemerzt

Auch islamische Kulturschätze sind betroffen. Bei Damaskus sprengten die Islamisten das Grabmal eines der bekanntesten islamischen Gelehrten. "Der IS will andere Lesarten des Islam ausmerzen", meint Museumsmann Weber. Begründet werde dies mit einem Personenkult- und Bilderverbot. "Doch der Islam ist keine bildfeindliche Religion", sagt Hauser.

Die Bilderstürme des IS sieht sein Kollege Schöller in der Tradition der saudischen Wahhabiten, die im 19. Jahrhundert schiitische Gräber zerstörten. Die Leiterin der Außenstelle Damaskus des Deutschen Archäologischen Instituts, Karin Bartl, verweist auf die Taliban. Diese hatten 2001 die Buddha-Statuen von Bamiyan gesprengt. Eine Rekonstruktion gelang bislang nicht.

Ähnlich schwer werde dies in Syrien, schätzen die Experten. Zwar könnten gut dokumentierte Kulturschätze wie der Baalschamin-Tempel wiedererrichtet werden. Doch sei es aufwendig, tausende Trümmerteile zusammenzufügen - und überdies auf Sicht schwer zu begründen: "In Syrien sind ganze Städte zerstört", sagt Museumsmann Weber: "Wie kann da die Rekonstruktion antiker Stätten Priorität beanspruchen?"

Nicht rekonstruierbar seien aber die zahlreichen unerforschten Stätten, von Raubgräbern geplündert. Bartl beklagt: "Jede von ihnen ist von außergewöhnlicher Bedeutung für die Analyse kultureller Entwicklungen, weil der Irak und Syrien seit der frühesten Menschheitsgeschichte besiedelt waren." Hauser urteilt: "Der IS zerstört Zeugnisse, die tausende Menschen über tausende Jahre hinterlassen haben. Schon das ist ein Kriegsverbrechen."

Sorge um Mitarbeiter in Palmyra

Der Chef der Syrischen Antikenverwaltung, Maamoun Abdulkarim, macht sich große Sorgen um das Weltkulturerbe und um seine Mitarbeiter. "Wenn der IS weiter vordringt, werden wir alle ermordet. Man wird uns den Kopf abschneiden, denn wir schützen die Götterfiguren der Griechen, Römer und Christen - Figuren, die für sie heidnischen Charakters sind, sagte Abdulkarim dem in Berlin erscheinenden "Tagesspiegel" (Donnerstag).

Sie seien alle schon jetzt verdammt und zum Tode verurteilt, so Abdulkarim weiter. Er erwarte er von der internationalen Gemeinschaft Solidarität und Unterstützung sowie sichere Grenzen, um das Eindringen der IS-Kämpfer zu stoppen.

Jonas Krumbein
(KNA)

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