Kirchenarchitekt Dominikus Böhm
Kirchenarchitekt Dominikus Böhm

06.08.2015

Zum 60. Todestag des Kirchenarchitekten Dominikus Böhm "Ein Gott - eine Gemeinde - ein Raum!"

Seine Kirchenbauten waren in der Weimarer Zeit noch ein Skandal. Erst nach den Zerstörungen des Krieges und dann mit dem Konzil schien Platz für einen neuen Stil, Kirche und Gemeinde zu denken. Dominikus Böhm machte es vor.

Der Kölner Kardinal Josef Frings nannte ihn "den bahnbrechenden Meister, der die kirchliche Baukunst aus den Fesseln des Historismus löste und gemäß dem neuen Material und gemäß den neu gewonnenen liturgischen Einsichten baute". Die Liturgische Bewegung um Romano Guardini und die Beuroner Benediktiner von Maria Laach setzte er in Stein um. Seine Kirchenbauten gelten mit Recht als die ersten modernen in Deutschland. Insofern erinnert der 60. Todestag des Architekten Dominikus Böhm (1880-1955) am 6. August auch an einen großen liturgischen Aufbruch in der katholischen Kirche.

Seit Ende des 19. Jahrhunderts und verstärkt nach dem Trauma des Ersten Weltkriegs entwickelten die Protagonisten der Liturgischen Bewegung bei ihrer spirituellen Sinnsuche neue Konzepte einer Gemeindekirche, in der sich das Kirchenvolk um den Altar gruppiert und gemeinsam feiert. Der junge Böhm fasste das in die Formel: "Ein Gott - eine Gemeinde - ein Raum!" Was ein halbes Jahrhundert später zum neuen "Standard" werden sollte, war selbst im kreativen Klima der Weimarer Republik für die meisten Katholiken noch ein Kulturschock.

Neue Werkstoffe, die zunächst als für Sakralbauten "unwürdig" angesehen wurden, ermöglichten ein völlig "Neues Bauen" in neuen Gestaltungsformen. Und doch verlief diese Revolution der Kirchenarchitektur, in der die Liturgie stets dem Faktor Ästhetik und die Zeichenhaftigkeit stets der bloßen Modernität vorangingen, ganz allmählich; gleichsam tastend zwischen Elementen der alten Stile und einem ganz neuen Raumgefühl. Auch bei Böhm finden sich sowohl Anleihen bei den monumentalen, klaren Formen des frühen Mittelalters in Italien als auch bei der Formensprache und der theatralischen Lichtführung der Gotik.

Modern und zugleich mystisch

Bezeichnenderweise kommt in seinen Kirchenbauten das Licht oftmals "vom Altar her", dem Zentrum der Liturgie. Stimmungsvoll und expressiv, von strenger Monumentalität, modern und mystisch zugleich. Religiöser Raum sollte zuerst und vor allem Andacht ermöglichen. "Raum ist Sehnsucht", so lautet ein Credo in Böhms Schaffen. Durch unkonventionelle Gotteshäuser in Offenbach (1919), Dettingen am Main und Neu-Ulm (1922) erregte der junge Architekt erstes Aufsehen.

Der damalige Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer berief den gebürtigen Schwaben 1926 als Professor an die neu gegründeten Kölner Werkschulen. Fast gleichzeitig strich der sehr konservative Verein für Christliche Kunst im Erzbistum Köln erst 1927 jenen Passus aus seiner Satzung, der vorschrieb, "die kirchliche Kunst im mittelalterlichen Stile zu pflegen".

Dem Konzil voraus

Böhm und seine kongenialen Kollegen wie etwa Rudolf Schwarz (1897-1961) waren der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils von 1963 um Jahrzehnte voraus. Insofern verwundert es nicht, dass ihre Schöpfungen selbst die Kirchenleitung zutiefst spalteten. Der Besuch des päpstlichen Nuntius in Deutschland, Eugenio Pacelli - des späteren Papstes Pius XII. -, in Böhms Pfarrkirche im Arbeiterort Mainz-Bischofsheim im Oktober 1928 war eine Sensation. Denn die Besichtigung des umstrittenen Baues mit seinem parabelförmigen Betongewölbe galt gleichsam als Ritterschlag für die neuen Architektur-Experimente.

Andere hochrangige Vertreter der Hierarchie zeigten sich weniger aufgeschlossen. In seiner Silvesterpredigt 1929 wetterte der Münchener Kardinal Michael Faulhaber gegen den Bau von Kirchen, die auch "eine Sperrfestung im Tessinertal" sein könnten: ein deutlicher Seitenhieb gegen Böhms Bischofsheimer Gotteshaus, der den Meister tief kränkte. Gleichwohl schuf er in den folgenden Jahren zwei seiner Hauptwerke: 1929 bis 1931 die gewaltige Kirche St. Josef in der Südstadt von Hindenburg, dem heute polnischen Zabrze, sowie 1930 bis 1932 sein wohl kühnstes Projekt, die Pfarrkirche St. Engelbert in Köln-Riehl. Acht parabelförmige Wandelemente aus Backstein zwischen Schalen aus Bimsbeton bilden einen zeltartigen Zentralbau, der vom Volksmund den Kosenamen "Zitronenpresse" erhielt.

"Zitronenpresse" weckt Bedenken

Mit der NS-Machtergreifung geriet Böhm ins Visier der neuen "Kulturschaffenden". 1934 nahm er an den Werkschulen seinen vorzeitigen Abschied. Die Weltwirtschaftskrise kostete ihn lukrative Aufträge; und auch im Erzbistum Köln wehte seit Anfang der 30er Jahre ein kühler Wind. Seine "Zitronenpresse" hatte bei Bedenkenträgern bis in die Spitzen des Vatikan neues Unbehagen ausgelöst und gleichsam das Fass zum Überlaufen gebracht. Es waren nun vor allem die Diözesen Münster und Osnabrück, mit deren kleineren, vergleichsweise weniger experimentellen Aufträgen der Kirchenbauer sich und seine Familie über den Winter des Dritten Reiches bringen konnte.

Erst nach der Erfahrung der totalen geistigen und materiellen Verstümmelung Deutschlands durch Krieg und Diktatur konnten der Avantgardist Böhm und seine Gesinnungsgenossen zum architektonischen Mainstream werden. Allein im Erzbistum Köln wurden unter der Ägide des anpackenden Kardinals Frings zwischen 1950 und 1955 etwa 320 Kirchen neu oder wiederaufgebaut. Pius XII., der einst als Nuntius sein frühes Werk in Bischofsheim besuchte, verlieh Böhm 1953 den Titel eines Commendatore des Päpstlichen Sylvesterordens.

Auch als Komponist von Kinderliedern und geistlicher Chormusik sowie als Schöpfer von Glasfenstern betätigte sich Dominikus Böhm; ebenso engagierte er sich bei der Etablierung des Kölner "Aschermittwochs der Künstler". Seinen Siegerentwurf für eine Kathedrale im mittelamerikanischen San Salvador konnte er nicht mehr realisieren. Doch bei seinem letzten Kirchenbau wagte Böhm erstmals seit langem auch außen wieder einen "großen Wurf": Die Südfassade der Vorstadtkirche Maria Königin in Köln-Marienburg von 1953/54 bildet ein einziges, in Weiß und Gold schimmerndes Glasfenster.

 

Alexander Brüggemann
(KNA)

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