Stefan Bachmann
Stefan Bachmann
Szene aus Genesis
Szene aus Genesis

14.11.2014

Schauspiel-Chef Stefan Bachmann zu seiner Inszenierung der Bibel "Die Genesis ist für mich ein Herzensprojekt"

Über fünf Stunden lang ersteht bei der Kölner Theater-Inszenierung "Genesis" das Erste Buch Mose - die letzten drei Vorstellungen laufen bis zum 20. Dezember 2014. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA)  spricht Stefan Bachmann, Intendant des Schauspiel Köln, über Gottes Humor und bibelbesessene Kinder.

Die Genesis, das erste Buch der Bibel, kennen viele Menschen wegen der Schöpfungsberichte. Doch steckt in den 50 Kapiteln noch deutlich mehr, so die Geschichten um Abraham, Isaak, Jakob und Josef. Das zeigt auch die Inszenierung von Stefan Bachmann, seit gut einem Jahr Intendant des Schauspiel Köln.

KNA: Herr Bachmann, warum bringen Sie die Bibel auf die Bühne?

Stefan Bachmann: Weil die "Genesis" für mich ein Herzensprojekt ist. Der Stoff hat eine ursprüngliche Schönheit. Es ist das Füllhorn, aus dem die großen Geschichten der Menschheit kommen. Ich behandle den Text aber bewusst nicht unter dem Aspekt des Religiösen, sondern als Mythologie. Die Genesis erstreckt sich zivilisationsgeschichtlich von der Schöpfung bis zu Josef in Ägypten. Dass sie zugleich eine Familiensaga und eine durchgehende Erzählung mit einem dramaturgischen Bogen ist, war mir nicht so klar.

KNA: Welcher Konfession gehören Sie an?

Bachmann: Keiner. Ich bin nicht mal getauft, sondern eher atheistisch erzogen. Aber meine Mutter hat immer darauf bestanden, dass ich am Religionsunterricht teilnehme, um das alles kennenzulernen. Ich hatte schon immer ein großes Interesse an Religion, vor allem am Katholizismus. Mit meiner Familie gehe ich heute manchmal zur Messe, aber ich würde nie so dreist sein zu sagen, ich bin gläubig oder konfessionell gebunden. Als Regisseur habe ich viele Stücke des katholischen Dichters Paul Claudel inszeniert.

KNA: Aber die komplette Genesis samt aller Aufzählungen, wer wie viele Söhne gezeugt hat und wie alt geworden ist... - Ist das nicht sehr hart für Schauspieler und Publikum?

Bachmann: Diese Aufzählungen erfolgen ja auf der Bühne immer von einer bestimmten Figur in einer bestimmten Situation. So macht es einen Unterschied, ob der Sprecher, der sozusagen die Rolle Gottes spielt, die Lebensdauer der ersten Menschen nennt, oder ob Esau seinen ganzen Stamm aufzählt. Das ist wie ein letztes trotziges Aufbäumen einer tragischen Figur, die durch Jakobs Betrug aus der Geschichte herausfault. Nebenbei haben die Zuschauer manches Aha-Erlebnis, denn viele Motive und Sprichworte, etwa «alt wie Methusalem», sieht man plötzlich hier verortet. Und auch wenn das Stück die Schauspieler physisch herausfordert, so ist es wie eine große Reise, auf die man sich gemeinsam begibt.

KNA: Auch Ihre zehnjährigen Zwillinge spielen mit!

Bachmann: Es ist das erste Mal, dass wir ihnen das erlaubt haben. In der Konsequenz hat sich bei dem einen eine totale Bibelbesessenheit eingestellt. Und sein Freund, der schon zweimal in der Aufführung war, sagt jetzt immer: Komm, wir spielen Genesis. Und abends muss ich ihnen die Fortsetzung, das Buch Exodus vorlesen. Dieser Stoff berührt offenbar etwas ganz Tiefes, Fundamentales im Menschen.

KNA: Welche Resonanz bekommen Sie vom Publikum?

Bachmann: Viele Zuschauer sind sehr begeistert. Dennoch ist es immer wieder schwer, die Vorstellungen vollzukriegen, denn es ist viel abschreckendes Potenzial dabei: Bibel, fünfeinhalb Stunden, man ist an quälenden Reliunterricht und psalmodierende Prediger in der Kirche erinnert. Aber dann sind die allermeisten überrascht von dem kurzweiligen, tollen Ergebnis. Entscheidend ist sicher auch dieses Spracherlebnis durch gute Schauspieler. Auch hat sich die Idee mit dem Essen in der zweiten Pause bewehrt. Es ist wichtig für den Abend, dass die Menschen miteinander an Tischen sitzen, Suppe essen und dann entdecken dürfen, dass die Schauspieler in der Schlussszene das Gleiche essen. Man wird Teil der Aufführung.

KNA: Gibt es auch kritische Stimmen, etwa kirchlicherseits?

Bachmann: Der Kölner Dompropst Norbert Feldhoff hat sich insgesamt sehr lobend geäußert, aber die Söhne Jakobs als Cowboys - das war ihm zu flapsig. Es passt aber, finde ich, denn das waren recht rohe, mitunter verschlagene Viehtreiber, die ihren eigenen Bruder verkauften. Auch über die Darstellung Gottes kann man streiten. Für mich schwankt er zwischen einem einsamen Wanderprediger und großem Hirten. Und wenn jemand sagt, man darf Gott nicht zeigen: In der Genesis kommt er zu Abraham zum Mittagessen. Das ist halt so.

KNA: Das Thema Beschneidung haben Sie ziemlich drastisch dargestellt...

Bachmann: Das war ganz bewusst. Mich hat fasziniert, dass Gott bei einem seiner ersten Bündnisse mit dem Menschen als erstes dieses Zeichen fordert. Erst durch die Beschäftigung damit habe ich diese ganze Beschneidungsdebatte verstanden. Ich sehe darin schon eine Unterwerfungsgeste und eine Domestizierung des Männlichen, dass der Mensch sein "bestes Stück" kappen soll. Für dieses blutige Ritual, das eine Gemeinschaft kennzeichnet und zusammenschweißt, habe ich einen Ausdruck gesucht.

KNA: Wie unterschied sich die Arbeit an der Bibel von anderen Inszenierungen?

Bachmann: Ich habe die Schauspieler sehr darauf eingeschworen, nicht zu ironisieren oder in Distanz zu ihrer Figur zu gehen. Dieser Reflex kommt aus der Tendenz heraus, dass Theater grundsätzlich kirchenkritisch sein muss. Doch ich wollte eine affirmative Erzählweise, weil wir die Geschichte so schön finden.

KNA: Nicht gerade der Ansatz des modernen Regietheaters...

Bachmann: Es ist nicht meine Art, die Kritik schon in die Aufführung mit reinzupacken, das finde ich ein bisschen 68er-mäßig. Ich kann ja selbst denken. Bei der Genesis kam es mir darauf an zu zeigen, was man alles verpasst, wenn man die Bibel nicht kennt.

KNA: In der Aufführung gab es sogar Anlass zum Schmunzeln.

Bachmann: Die Genesis hat auch irgendwie Humorpotenzial, selbst Gott, finde ich. Am Anfang der Schöpfungsgeschichte ist er ein Künstler, der etwas gestalten muss aus dem Nichts heraus. Abends führt er immer ein inneres Gespräch und stellt fest: Es war gut, wir setzen noch eins drauf. Und irgendwann heißt es dann: Es war sehr gut. Dieses «sehr» streift so ein bisschen am Humor entlang.

KNA: Würden Sie als "Genesis"-Schöpfer auch sagen: Es war sehr gut?

Bachmann: Das würde ich nie über ein Projekt von mir sagen. Aber für mich war die Genesis eine unglaublich erfüllende, tolle, nachhaltige Arbeit. Übrigens auch familiär: Nicht nur unsere Zwillinge, sondern auch meine Frau, die Schauspielerin ist, spielt mit. Ich nehme an, es wird eine Fortsetzung geben, doch dazu müsste man noch ein paralleles Leben haben. Tatsächlich könnte ich jetzt weiter durchmachen bis zur Apokalypse. Eigentlich müsste der Vatikan auf die Idee kommen, mir ein Theater nur dafür zur Verfügung zu stellen und mich für die nächsten 30 Jahre unter Vertrag zu nehmen. Da würde ich sofort Ja sagen.

 

Sabine Kleyboldt
(KNA)

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