Amos Oz
Amos Oz

04.05.2014

Amos Oz wird 75 Jahre alt Von Erinnerung und Traum

Amos Oz ist Träumer und Realist, Kämpfer und Friedensfreund, Traktorfahrer und Literaturprofessor. Er ist der Chronist der israelischen Gesellschaft. Am Sonntag wird er 75 Jahre alt.

Selten nimmt ein Autor seine Leser so mit hinein in die Entstehung eines Werkes wie Amos Oz in "Verse auf Leben und Tod". Mehr als 30 Fragen eröffnen den 2008 auf Deutsch erschienenen Roman. Die Neugier einer mehr oder weniger gebildeten oder bildungssüchtigen Leserschaft am Ende einer Lesung: Warum schreiben Sie? Wie verstehen Sie sich selbst? "Auf diese Fragen gibt es spitzfindige Antworten oder ausweichende. Einfache und direkte gibt es nicht." Und dann lässt Oz auf gut 100 Seiten eine kleine Geschichte von Nähe und Altern und Tod, Einsamkeit und Sexualität entstehen - mit dem ehrlichen und anspruchsvollen Titel "Verse auf Leben und Tod". Er passt zum Werk dieses großen Schriftstellers, der am Sonntag 75 Jahre alt wird.

Von Klausner zu Oz

Literatur, sagte Oz 2013 in einem Interview, "ist eine Kombination aus Erfahrung, Erinnerung, Vorstellungsvermögen, Fantasie, Traum und Spekulation - von allem etwas".  Familiennamen von Israelis lassen sich oft gut ins Deutsche übertragen. Denn nach der Staatsgründung 1948 wählten die Einwanderer häufig sinnreiche hebräische Namen. So wurde 1954 aus dem 15-jährigen Amos Klausner Amos Oz. 

Angst vor der Rückkehr nach Europa

"Oz" bedeutet "Kraft" - und passt zum Leben und zur Ausstrahlung des Autors, der zudem den Vornamen eines biblischen Propheten trägt. Der Sohn einer aus Polen und Russland geflohenen Familie ist auch ein Europäer jenseits Europas. Seine Eltern, sagt Oz, waren "Europäer zu einer Zeit, als in Europa niemand Europäer war". Die Mutter sprach sechs oder sieben Sprachen, der Vater zwölf. "Doch meine Eltern wollten, dass der Sohn allein Hebräisch lernte. Vielleicht hatten sie Angst, dass ich, wenn ich ein, zwei Sprachen spreche, dahin zurückkehre, von wo sie geflohen waren."

Der Kibbuz als Mikrokosmos

Seine Werke sind häufig sehr leise und vermitteln, manchmal fast quälend, manchmal mit feiner Sympathie, Stimmungen aus dem jungen Staat Israel. Milieustudien, in denen Jerusalem und wiederholt der Kibbuz zum Mikrokosmos werden. Melancholie über das verlorene Vertrauen, fremd bleibende Freundschaften, Beziehungen, Scheitern. Das gilt für die meisten seiner Werke, die mittlerweile in über drei Dutzend Sprachen übertragen wurden: vom Roman "Mein Michael", der ihm
1968 den internationalen Durchbruch brachte, bis zur jüngsten Erzählung "Unter Freunden" von 2013.

"Keine blinde Liebe" zu Israel

So ist Oz Chronist der israelischen Gesellschaft - und auch ein Teil ihres Gewissens. In einem Interview 1998 erzählte er von seiner Liebe zu Israel, die keine "blinde Liebe" sei. "Ich bin magisch angezogen von Israels Realität, auch wenn sie nie nur wunderbar ist." Seit langem beklagt er Fanatismus auf beiden Seiten. "Wenn es uns gelingt, die Fanatiker in Schach zu halten, finden wir uns selbst in der Lösung eines Streits um Grund und Boden wieder, nicht in einem Heiligen Krieg."

Verzicht für den Frieden

Politisch wirbt Oz seit langem für eine Zwei-Staaten-Lösung, die sich weitgehend an der Grenzziehung von 1949 orientiert, also auf den größten Teil der besetzten Gebiete verzichtet. Das ist im politischen Mainstream des heutigen Israel fast unerhört. Aber vielleicht ist Oz einfach näher am gesellschaftlichen Denken als an der so wirklichkeitsfernen wie einflussreichen Propaganda der Siedlerbewegung.

Der Prophet zählt wenig im eigenen Land. Als Oz 1998 den hoch angesehenen Israel-Preis bekommen sollte, brach eine Kontroverse los. Rechte Politiker wollten die Ehrung gerichtlich verhindern. Der friedensbewegte Autor erhielt den Preis zwar. Aber der Streit zeigte, wie fremd er seinem Land manchmal ist.

Ausgezeichnet

Amos Oz ist Träumer und Realist, Kämpfer und Friedensfreund, Traktorfahrer und Literaturprofessor. Israels wichtigster Schriftsteller der Gegenwart steht für die Generation im Lande geborener Israelis. Gebildet, humorvoll und nachdenklich zugleich. "Wenn du nicht mehr schreien kannst, dann lache", lehrte ihn seine Großmutter.

So gelten seine vielen literarischen Ehrungen weltweit auch dem gelegentlich verzweifelt anmutenden Engagement für sein Land. Unter anderem erhielt Oz 1992 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels, 2007 den Prinz-von Asturien-Preis. 

(KNA)

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