Schon vor 50 Jahren hatte Gregor Mühe als Chorknabe Blickkontakt mit seinem Namenspatron.
Schon vor 50 Jahren hatte Gregor Mühe als Chorknabe Blickkontakt mit seinem Namenspatron.
Der Lieblingsort von Domchorsänger Gregor Mühe ist die Orgelempore mit Blick auf Papst Gregor den Großen.
Der Lieblingsort von Domchorsänger Gregor Mühe ist die Orgelempore mit Blick auf Papst Gregor den Großen.
Im Juni verlieh Domkapellmeister Metternich seinem langjährigen Chormitglied Gregor Mühe die Ehrenmitgliedschaft des Kölner Domchores.
Im Juni verlieh Domkapellmeister Metternich seinem langjährigen Chormitglied Gregor Mühe die Ehrenmitgliedschaft des Kölner Domchores.
Zu der Urkunde für 50 Jahre Mitgliedschaft im Kölner Domchor gehört auch eine Plakette.
Zu der Urkunde für 50 Jahre Mitgliedschaft im Kölner Domchor gehört auch eine Plakette.
Von der Orgelempore aus hat man einen weiten Blick in Haupt- und Seitenschiffe.
Von der Orgelempore aus hat man einen weiten Blick in Haupt- und Seitenschiffe.
Gregor der Große, Papst im 6. Jahrhundert, "hängt" an einem Vierungspfeiler.
Gregor der Große, Papst im 6. Jahrhundert, "hängt" an einem Vierungspfeiler.
Einen Großteil seiner freien Zeit verbringt Gregor Mühe im Kölner Dom.
Einen Großteil seiner freien Zeit verbringt Gregor Mühe im Kölner Dom.
Die Herrenstimmen stehen im Domchor immer in den hinteren Reihen.
Die Herrenstimmen stehen im Domchor immer in den hinteren Reihen.

04.09.2021

Domchorsänger Mühe verrät seinen Lieblingsort im Kölner Dom "Der Dom ist ein lebendiger Organismus"

Wer im oder am Dom arbeitet, betrachtet Kölns Kathedrale aus seiner ganz persönlichen Perspektive. Und er entwickelt oft eine besondere Vorliebe für einen bestimmten Platz. Für Chorsänger Gregor Mühe ist das sein steinerner Namenspatron.

Fest im Blick hatte er den Säulenheiligen in luftiger Höhe vis-à-vis der Orgelempore schon als kleiner Knirps. Da war der Zehnjährige gerade mal frisch gebackener Sänger im Kölner Domchor und stand in der Knabenriege oft auf der Pole-Position: ganz vorne links. Und weil Anfang der 70er Jahre die Sonntagsmessen noch weitgehend von oben gesungen wurden, freute sich der kleine Gregor immer, wenn er sich sprichwörtlich auf Augenhöhe mit Gregor dem Großen, seinem Namenspatron, befand. Jedenfalls war dieser "Blickkontakt" so prägend, dass auch 50 Jahre später der Lieblingsort von Gregor Mühe im Kölner Dom noch immer die Orgelempore, der Platz vor dem eindrucksvollen Klais-Instrument, ist.

Von hier lugt man nicht nur über die Balustrade auf die gegenüberliegenden Strebepfeiler mit ihren gotischen Skulpturen, die alle ihre je eigene Geschichte haben – dieser Standort eröffnet den seltenen Luxus einer Art Panoramaansicht. Denn wer hier steht, schaut gewissermaßen von einer höheren Warte aus in Haupt- und Seitenschiffe, ins Querhaus, hinunter in die Vierung, hinauf zu den Triforien und Obergaden sowie auf manche bunt funkelnde Glasmalerei. Und er nimmt atmosphärisch – ein bisschen wie zwischen Himmel und Erde – auf dieser Art "Zwischendeck" mehr noch als unten das Erhabene, dem Irdischen Entrückte wahr.

Gregor Mühe: "Bei Palestrina geht mir das Herz auf"

Auch ein halbes Jahrhundert später fasziniert diese Perspektive Domchorsänger Gregor Mühe noch immer. Denn bis heute hält der 60-Jährige dem Dom die Treue: mittlerweile in gleich mehreren Ehrenämtern, so dass man den Ehrenfelder längst zu dessen festem Inventar zählen kann, zumal er tatsächlich einen Großteil seiner freien Zeit in Kölns Kathedrale verbringt und hier – neben seiner Haupttätigkeit als Rechtsanwalt – eine beachtliche "Zweitkarriere" hingelegt hat: Mit 15 Jahren – noch Schüler – wird er Notenwart im Domchor, schon bald darauf organisatorischer Assistent, der die Terminpläne macht und sogar Mitsprache bei der Programmauswahl bekommt. Später übernimmt er die Aufgabe des sogenannten "Knabenbetreuers", und nach weiteren Jahren kandidiert er für den Chorbeirat. Inzwischen ist er auch noch Domlektor und – sofern vonnöten in vollbesetzten Gottesdiensten außerhalb von Corona – obendrein Kommunionhelfer.

"Wenn man die Liturgie mitgestaltet – egal an welcher Stelle – erlebt man sie viel intensiver", ist Mühe überzeugt und betont, dass ihm dieses aktive Mittun viel bedeute. Das Strenge, Klare, Originäre der Liturgie – so wie Messen in den 60er und 70er Jahren eben gefeiert wurden, mit viel Ehrfurcht vor dem Heiligen und noch nicht in dem vom Konzil propagierten neuen Selbstbewusstsein der Laien – habe ihn schon früh geprägt. Und so mag er es immer noch. Wie überhaupt der Dom mit seiner einzigartigen Ausstrahlung aus seinem Leben nicht mehr wegzudenken ist. Ein großer Grundriss der Kölner Kathedrale in Mühes Gladbacher Kanzlei ist beredtes Zeichen dafür. "Ich habe eine starke emotionale Nähe zu diesem Gotteshaus", gesteht er. "Immerhin gab es eine Zeit, da habe ich jeden Sonntagmorgen dort gesungen. Unzählige Stunden meines Lebens habe ich auf dieser Empore verbracht. Kein Wunder, dass mir bei einer Motette von Palestrina in einem lateinischen Hochamt bis heute das Herz aufgeht!"

In 50 Jahren viele Domgeistliche überlebt

Angefangen hat alles einmal mit der Nachwuchssuche von Chorleiter Professor Adolf Wendel für den Domchor. Denn im Kölner Stadtanzeiger hatte er 1971 dazu eine Anzeige geschaltet. Die nachwachsende Knabengeneration und damit das Profil des Ensembles drohten dem damaligen Kölner Domkapellmeister wegzubrechen. Wollte der Chor überleben, mussten frische Sopran- und Altstimmen her. "Das Katholische an dieser Ausschreibung hat meine Eltern, die selbst zeitlebens im Kirchenchor gesungen haben, wohl gereizt. Da ich immer schon Spaß an Musik hatte, habe ich diesen Schritt auch nie bereut, selbst wenn damals sicher niemand geahnt hat, dass dieses Hobby eines Tages für mich zu einer echten Passion würde", resümiert Mühe.

Wenn er sich schon mal abrufe, wie viele Geistliche am Dom er inzwischen überlebt habe – Kardinal Woelki ist immerhin sein vierter Erzbischof – überrasche ihn das Ausmaß dieser beachtlichen Zeitspanne manchmal selbst. Auch die aktuellen Weihbischöfe oder Domkapitulare seien alle erst nach ihm gekommen, rechnet er schmunzelnd hoch. So wie Eberhard Metternich mittlerweile der vierte Domkapellmeister sei, unter dem er singe. "Das hat eine ganz eigene Faszination: Die Menschen am Dom kommen und gehen. Die einzige Konstante, die die Zeiten überdauert und selbst Kriege überstanden hat, ist diese unglaublich imposante Kirche."

Papst Gregor nicht Urheber des gregorianischen Chorals

Scheinbar stoisch steht auch die Phalanx der Heiligen in geschätzt zehn Metern Höhe – unter ihnen Gregor der Große, der frühchristliche Papst aus dem 6. Jahrhundert. Mit ernstem Blick, Bischofsstab und Tiara verkörpert er würdevoll das Oberhaupt der katholischen Christenheit, in der Hand die Bibel mit einer Taube, dem Symbol für den Heiligen Geist. Gebürtig aus römischem Adelsgeschlecht, gilt er den Zeitgenossen als erfolgreicher Krisenmanager mit politischem Talent und diplomatischem Geschick, der Rom vor dem Untergang rettet und durch unruhiges Fahrwasser bringt. Es sind seine außergewöhnlichen Fähigkeiten, aber auch seine vorbildliche Frömmigkeit, die ihn für das Papstamt empfehlen; die Nachwelt ehrt ihn später für seine Verdienste mit dem Beinamen "der Große". In der Kirchengeschichte gilt er als einer der bedeutendsten Päpste und ist jüngster der vier großen lateinischen Kirchenväter der Spätantike. 1295 wird Gregor heiliggesprochen; gefeiert wird er von der Kirche am 3. September, dem Tag seiner Wahl zum Papst.

Seine Eltern hätten ihm immer wieder von diesem bedeutsamen Namenspatron erzählt, berichtet Mühe. Dass Gregor dem Großen allerdings der Gregorianische Choral zugeschrieben werde, ihm der Heilige Geist Noten ins Ohr geflüstert haben soll, verdanke sich eher mittelalterlicher Legendenbildung denn belastbaren Fakten. "Doch selbst wenn ihm diese Urheberschaft nur angedichtet wurde, hält sich dieses Narrativ beharrlich und ist eigentlich ja auch eine schöne Geschichte", findet Mühe.

Der Dom – zuallerletzt ein Museum

Ihm gebe diese sehr alte und schlichte Form des liturgischen Gesangs jedenfalls viel. Bis heute bekomme er bei solcher Musik den Kopf frei. "Das war schon vor wichtigen Prüfungen so. Singen hat eigentlich immer geholfen. Später habe ich gespürt, dass der Chor ein guter Ausgleich zu meiner Anwaltstätigkeit ist und die drei wöchentlichen Abendproben Entspannung pur." Man wachse da so hinein, irgendwann würde die Gemeinschaft mit den vielen anderen Sängern zu einem unverzichtbaren Teil im Leben, erinnert sich der Tenor an die Anfänge seiner Chorlaufbahn. Das war, als er dem Domorganisten – damals Professor Josef Zimmermann – so manches Mal als Jugendlicher die Noten umblättern durfte und sich mit unbändiger Freude am Chorbetrieb und den ersten großen Konzertreisen nach und nach für die Übernahme von immer mehr Verantwortung innerhalb des Ensembles qualifizierte.

"Vor allem aber lässt einen dieser beeindruckende Raum, in dem diese Musik stattfindet, nicht mehr los. Mit der Zeit begreift man immer mehr, wofür er einmal geschaffen wurde. Der Dom ist eben ein lebendiger Organismus – und zuallerletzt ein Museum", unterstreicht Mühe unmissverständlich.

Auszeichnung mit der Ehrenmitgliedschaft des Domchores

Daher müsse auch die Musik passen und mit Bedacht gewählt sein. Wenn es nach ihm ginge, dürfte es mitunter auch gerne ein bisschen mehr von der Mystik früher Renaissance-Meister sein. "Und nicht unbedingt Puccini mit seinen opernhaften Messen." Am liebsten, so sagt er, gregorianische Choräle aus dem "Graduale Romanum", dem Choralbuch der Kirche, das Domkapellmeister Metternich ihm 1996 zu seinem 25-jährigen Chorjubiläum geschenkt hat. Während er ihm erst kürzlich – zu seinem 50-jährigen Jubiläum – die Ehrenmitgliedschaft des Kölner Domchores verliehen hat; eine äußerst seltene Auszeichnung, die nur für ganz außergewöhnliche Verdienste vergeben wird.

Und den berühmten weißen Fleck – gibt es den überhaupt noch, wenn man nach einem halben Jahrhundert gefühlt die gängige Chorliteratur von 500 Jahren in- und auswendig kennt? "Kaum zu glauben, aber die Matthäus-Passion von Bach steht noch ganz oben auf meinem Wunschzettel", lacht der langjährige Domchorsänger.

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