Winfried Bönig an der Orgel
Winfried Bönig an der Orgel
Kölner Domorganist Professor Winfried Bönig
Kölner Domorganist Professor Winfried Bönig

04.06.2021

Orgelfeierstunden auch 2021 unter Corona-Bedingungen "Zurzeit eine Königin ohne Reich"

Die sommerlichen Orgelkonzerte im Kölner Dom sind in der Regel ein Selbstläufer. 2020 konnten über Live-Streaming sogar noch mehr Zuhörer erreicht werden als sonst. Trotzdem hofft Domorganist Bönig wieder auf ein größeres Präsenz-Publikum.

DOMRADIO.DE: Herr Professor Bönig, im vergangenen Jahr konnten Sie das 60-jährige Bestehen der Orgelfeierstunden nur sehr eingeschränkt begehen. In diesem Jahr nun wird das "Jahr der Orgel" ebenfalls ohne nennenswerte Höhepunkte stattfinden – jedenfalls Stand jetzt. Wie sehr schmerzt es Sie, dass dieser in Köln so renommierte Konzertreigen nun schon zum zweiten Mal unter Corona-Bedingungen stattfindet und Sie noch weit von jeder Normalität entfernt sind?

Winfried Bönig (Domorganist in Köln): Was schmerzt, ist ja nicht nur, dass hier einzelne Konzerte noch immer nicht so gespielt werden können, wie es für diese Reihe sonst üblich ist – mit mehreren tausend Zuhörern im Dom und internationalen Kollegen aus aller Welt – sondern vor allem, dass das gesamte Kulturleben seit über einem Jahr fast auf Null runtergefahren ist, so dass der grundsätzliche Verlust von Kultur weh tut. Wobei ich selbst da noch am wenigsten Grund zur Klage habe. Die Orgelfeierstunden konnten im letzten Jahr stattfinden, und sie werden auch in diesem Sommer wieder möglich sein – wenn auch unter veränderten Vorzeichen. Wir gehen bereits ins zweite Corona-Jahr, und jeder, der mit Kultur zu tun hat, leidet natürlich massiv unter den geltenden Einschränkungen. Ich denke da vor allem auch an unsere Chöre am Dom und ihre Chorleiter, die die vielen jungen Sängerinnen und Sänger trotzdem mit bewundernswerter Energie über die Zeit zu retten versuchen – oder an das Konzertieren in der Philharmonie.

Wenn man bedenkt, wie viele großartige Projekte in diesem Jahr geplatzt sind. Die freien Künstler, von denen nun regelmäßig der eine oder andere bei uns im Chorgebet Sonntag für Sonntag auf Initiative von Domkapellmeister Metternich auftritt, trifft das alles ja besonders hart. Dabei gibt es gerade in Kirchen und Konzertsälen ausreichend Schutz vor einer Ansteckung – nicht nur wegen der weiten Räume, sondern auch wegen der vielen ausgearbeiteten Hygienekonzepte. Von daher wundere ich mich schon über die politischen Entscheidungen, den Kulturbetrieb ganz einzustellen und ihn nach über einem Jahr immer noch nicht wirklich wieder aufzunehmen. Dabei haben wir es hier am Dom noch verhältnismäßig gut, weil wir manches – wenn auch in sehr begrenztem Maße – trotzdem machen können. Darüber bin ich sehr froh. Aber auch außerhalb der Kathedrale gäbe es meiner Meinung nach Möglichkeiten, mit viel Phantasie und außergewöhnlichen Maßnahmen das Kulturleben wieder in Schwung zu bringen. Stattdessen sehe ich das ganze Ausmaß einer Misere, von der so viele Menschen betroffen sind: als ausführende Musiker, aber auch als Musikliebhaber. Dabei bin ich selbst, wie gesagt, noch am allerwenigsten beeinträchtigt.

DOMRADIO.DE: Trotzdem – auch Sie halten sich an die geltenden Regeln, was unter anderem bedeutet, dass Sie auch in diesem Jahr ausschließlich auf Kolleginnen und Kollegen innerhalb Deutschlands zugegangen sind und Einladungen an Organisten aus dem Ausland gar nicht erst ausgesprochen haben. Welche Interpreten darf das Publikum demnach in diesem Jahr erwarten und welches Programm?

Bönig: Ich kann schon jetzt versprechen, dass bei diesen zwölf Konzerten auch diesmal wieder ein sehr vielfältiges und tolles Programm zusammengekommen ist. Es gibt ja einen unermesslich großen Fundus an Orgelliteratur, aus dem sich beliebig schöpfen lässt. Die einen bevorzugen halt eher das gängige klassische Repertoire mit Bach, Reger, Bruckner oder Messiaen, andere graben dagegen gerne mal etwas aus, was bisher nicht so bekannt ist oder geben beeindruckende Kostproben ihrer Improvisationskunst. Da spannt sich ein weiter Bogen mit vielen Überraschungen. Die Organistinnen und Organisten – darunter übrigens Kollegin Mareile Krumbholz, die ihr Antrittskonzert als Professorin der Kölner Musikhochschule spielen wird – kommen zum Beispiel aus München, Osnabrück, Saarbrücken oder Hamburg und kennen vorher unser Instrument ja gar nicht. Umso erstaunlicher ist es, mit welchen Ergebnisse sie dann überzeugen.

Bei der Auswahl der Künstler lasse ich mich auch schon mal von Empfehlungen leiten; im Übrigen kennt man sich in der Szene gut, ist immer auch im Austausch miteinander. Ich lade am liebsten Organisten ein, von denen ich zu wissen meine, dass das Publikum sie hören will. Entscheidend ist, dass die mitgebrachte Musik in den Raum und auch zur besonderen Atmosphäre des Domes passt.

DOMRADIO.DE: Und welchen Schwerpunkt setzen Sie dabei?

Bönig: Ich selbst werde in meinen drei Konzerten Marcel Dupré, einen der großen Orgelkomponisten des 20. Jahrhunderts, in den Vordergrund rücken, zumal 2021 sein 50. Todestag begangen wird. Er ist meine Inspiration in diesem Jahr und wird in jedem meiner drei Konzerte auftauchen – wie ein durchlaufend roter Faden.

DOMRADIO.DE: 2020 wurden die Orgelfeierstunden – aus der Not heraus – als Streaming-Angebot ins Internet verlagert. Das heißt, Sie haben zum ersten Mal mithilfe der Kulturstiftung Kölner Dom, die die Live-Übertragungen – immerhin ein nicht unerheblicher Kostenfaktor für die Bild- und Tonregie mit zusätzlichen Kameras – finanziell erst möglich gemacht hat, noch einmal eine ganz neue Reichweite gehabt. Dafür mussten Sie aber bis auf knapp 200 Konzertteilnehmer auf ein großes Live-Publikum wie sonst üblich verzichten. Welche Erfahrungen haben Sie mit dem neuen Format gemacht, und wie viele Zuhörer in Präsenz sind diesmal zugelassen?

Bönig: Noch ist unklar, wie genau die Bedingungen am 15. Juni sein werden, wenn wir mit dem Zyklus starten. Ich hoffe wirklich sehr, dass wir mehr Zuhörer in die Konzerte lassen können als noch 2020 – auch wenn es immer noch nicht wie früher sein wird. Vielleicht fangen wir erst einmal mit wenigeren an und dürfen uns im Verlauf des Sommers dann zahlenmäßig noch einmal steigern – je nach Infektionsgeschehen und aktuellen Verordnungen. Man wird sehen. Grundsätzlich ist das eine ganz eigene Erfahrung, im leeren Dom – wie zum Beispiel am Aschermittwoch – zu spielen oder doch im fast leeren, wenn nur 170 Zuhörer eingelassen werden können. Da spielt man doch dann mehr für sich und vermisst die Kommunikation mit dem Publikum.

Musik ist für mich eine Sprache. Und ich brauche jemanden, der sie aufnimmt und den ich ansprechen kann. Das fehlt eben, wenn man kaum jemanden wahrnimmt und allein auf die Vorstellung reduziert ist, dass die jetzt alle zuhause vor ihren Bildschirmen sitzen. Das sind dann ganz andere Rahmenbedingungen fürs Musizieren. Es gehört für mich nun mal zur Freude am Spiel, wenn ich meine Zuhörer unmittelbar im Raum dabei habe. Eine Übertragung, auch wenn ich der Kulturstiftung sehr dankbar für die Ermöglichung dieser Konzerte bin, kocht halt nur auf halber Flamme und ersetzt nicht wirklich das Live-Erleben. Der Dialog und der Kontakt zum Publikum sind für uns Musiker nun mal unerlässlich.

DOMRADIO.DE: Ihnen fehlen die Menschen, sagen Sie. Aber hat Corona nicht auch noch einmal die Bedeutung der Orgel für die Liturgie gepusht, ihr also zu einem neuen Renommé verholfen?

Bönig: In der Tat, die Orgel war und ist in der Corona-Krise privilegiert. Dennoch – und das entbehrt nicht einer gewissen Ironie – darf sie ausgerechnet im "Jahr der Orgel" nicht so gefeiert werden, wie ich mir das als Organist wünschen würde. Also ist dieser "Push", von dem Sie sprechen, kein wünschenswerter Effekt. Jedenfalls hätte ich auf diesen Zugewinn an Bedeutung, der ja einer weltweiten Pandemie geschuldet ist, gerne verzichtet. Denn es war streckenweise schon ein seltsames Gefühl, dass die Orgel, die eigentlich für die Begleitung des Gemeindegesangs da ist, in den Gottesdiensten nun völlig allein gespielt hat und keine wirkliche Resonanz im Kirchenraum hatte. Sie gilt als "Königin der Instrumente", ist zurzeit aber eine Königin ohne Reich. Denn es fehlen ihr – um im Bild zu bleiben – ihre "Untertanen" oder jedenfalls die, die sie normalerweise anführen soll: das versammelte Kirchenvolk, die Gemeinde.

Natürlich hätte dieses Instrument unter anderen Umständen im eigens ausgerufenen Orgeljahr mehr Öffentlichkeitsarbeit verdient. Hier am Dom hätte es zum Beispiel eine Orgelnacht gegeben. Vielleicht können wir ein solches Projekt, für das sich immer wieder viele Fans finden, für die zweite Jahreshälfte andenken. Im Moment aber sind Vorhaben dieser Art eher mühsam; immer stehen sie unter Vorbehalt. Das ist zermürbend, nimmt viel von der Freude auf eine solche Planung und auch viel Energie. Aber klar, die Orgel war in diesem zurückliegenden entbehrungsreichen Jahr ein musikalischer Anker und hat auf jeden Fall ein Minimum an musikalischer Liturgiegestaltung garantiert.

DOMRADIO.DE: Wenigstens das kann ja dann als positive Erfahrung verbucht werden. Gibt es auch sonst noch etwas, was für Sie rückblickend eine Chance in diesen zermürbenden Lockdowns gewesen ist?

Bönig: Ich will nicht undankbar sein: Wir haben mit diesem neuen Streaming-Format, zu dem ja auch vorab eine Werkeinführung und ein Steckbrief zu dem jeweiligen Interpreten gehören, noch einmal ganz neue Dimensionen erschlossen: bis nach Amerika und Asien. Das lässt sich an den überraschend vielen Rückmeldungen ablesen. Insofern waren uns viele Menschen zugeschaltet, die sicher sonst nicht unbedingt ein Orgelkonzert im Kölner Dom angehört hätten. Was übrigens Modellcharakter hat und andere deutsche Bistümer mittlerweile als Anregung für ihre Kathedralen kopiert haben. Wie viele Menschen im Lockdown auf solche Streaming-Angebote zurückgegriffen haben, zeigen die unzähligen Musiker-Videos auf Youtube, die während der Pandemie geradezu explodiert sind und große Erfolge feiern.

Von daher würde ich mir wünschen, dass wir uns dieses virtuelle Publikum dauerhaft erhalten können – auch ohne Corona. Im Übrigen aber sehne ich mich danach, beim Musizieren wieder sehr konkrete Menschen um mich zu haben und sie mit dem, was ich tue, ansprechen zu können. Insofern hat mir das Virus im vergangenen Jahr viel von dem genommen, was eigentlich mein Selbstverständnis ausmacht. Trotzdem zeichnen sich gerade Lichtblicke ab, und ich hoffe, dass die Politik endlich begreift, dass Musik kein Beiwerk, sondern essentielles Lebensmittel ist. Kultur, und damit auch die Musik, ist kein Zeitvertreib in freien Stunden, sondern ein unverzichtbarer Teil unseres Lebens.

Das Interview führte Beatrice Tomasetti.

(KNA)

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