Gürzenich-Kapellmeister Roth über das Oratorium "L’enfance du Christ" im Kölner Dom

"Dieses Werk ist unglaublich"

Beim gemeinsamen Domkonzert vom Gürzenich-Orchester Köln und der Kölner Dommusik steht am Mittwoch ab 20 Uhr der französische Komponist Hector Berlioz mit seinem dreiteiligen Werk über die Kindheit Jesu im Mittelpunkt.

François-Xavier Roth / © Holger Talinski (GOR)
François-Xavier Roth / © Holger Talinski ( GOR )

François-Xavier Roth begeistert in Köln seit seinem Amtsantritt als Gürzenich-Kapellmeister und Generalmusikdirektor vor vier Jahren Musiker und Publikum gleichermaßen. Als ausgewiesener Berlioz-Kenner wird Roth beim Domkonzert sowohl den speziellen Raum des Kölner Wahrzeichens als auch die kompositorischen Besonderheiten von "L'enfance du Christ" zur Geltung bringen.

DOMRADIO.DE: 2019 ist Hector Berlioz-Jahr. Sein Todestag jährt sich zum 150. Mal. Sie haben für das Konzert im Kölner Dom sein Oratorium „L’enfance du Christ“ ausgesucht. Warum haben Sie sich für dieses Werk entschieden?

François-Xavier Roth (Gürzenich-Kapellmeister und Generalmusikdirektor): Von Berlioz kann man verschiedene Werke in einer Kirche aufführen: Es gibt zum Beispiel ein monumentales Requiem oder eine Te Deum-Vertonung oder die Messe solennelle – und das Oratorium „L‘enfance du Christ“. Dieses Werk ist unglaublich, es gibt kein anderes Oratorium aus dieser Zeit, das man damit vergleichen könnte. Bei Berlioz ist jedes Stück ein Experiment, etwas Neues, so auch „L’enfance du Christ“. Das Te Deum von Berlioz ist in Deutschland schon recht bekannt, aber „L’enfance du Christ“ noch nicht und von daher halte ich es für eine gute Möglichkeit, dieses Oratorium jetzt im Dom zu musizieren. 

DOMRADIO.DE: Sie werden im Dom musizieren, mit den Chören der Dommusik, mit dem Gürzenich-Orchester, das eine lange Berlioz-Tradition hat. Wie sehr wird Sie die besondere Atmosphäre im Dom beim Konzert inspirieren?

Roth: Es ist jedes Mal etwas Besonderes, im Kölner Dom zu dirigieren. Man muss die Akustik adaptieren, wie kann die Musik, wie können die Wörter in dieser unglaublichen Kirche klingen? Es wird sehr spannend, wie wir die Sänger und Instrumentalisten im Raum platzieren werden, denn Berlioz sieht vor, dass der Chor teilweise im Verborgenen singen soll. Das müssen wir ausprobieren.

DOMRADIO.DE: Das Werk ist auf Französisch geschrieben, die Domchöre werden in der Originalsprache singen – ist es ein Vorteil, dass das für Sie als Dirigent Ihre Muttersprache ist?

Roth: Es ist natürlich ein Vorteil. Denn wenn man keinen Kontakt, keinen Bezug zur Sprache, zum Text hat, die man aufführen soll, ist es schwierig, dann kann man die Musik nicht gut spielen. Das ist bei der Oper oder auch bei religiöser Musik sehr wichtig, dass man die Sprache nicht nur versteht, sondern auch ein Gespür dafür hat, wie der Komponist mit dem Text, mit der Sprache umgeht. Berlioz ist in dieser Hinsicht besonders, er war in gewisser Weise ähnlich wie Richard Wagner, denn er hat immer alles organisiert und geschrieben, auch bei „L’enfance du Christ“ hat er das Libretto selbst verfasst. Die Sprache ist bei ihm keine Verzierung, sondern ein ganz wichtiger Teil der Komposition.

DOMRADIO.DE: Was fasziniert Sie persönlich an der Musik von Berlioz?

Roth: Er ist ein Held für mich! Eine große Persönlichkeit. Und was ich liebe: Er war ein Künstler, der vielleicht am besten beschrieben hat, wie Musik unser Leben verändern, eine neue Dimension in unser Leben bringen kann. Diesen menschlich-utopischen Aspekt, sein fast schon politisches Denken in seiner Musik mag ich sehr! Es ist schön, dass es in Köln eine große Offenheit für seine Vorstellung von Musik gibt. Und deswegen bin ich mir sicher, dass wir ein sehr bewegendes Konzert im Kölner Dom erleben werden. Es ist eine große Freude, Berlioz in meiner Stadt Köln musizieren zu können!

Das Interview führte Mathias Peter.


Großes Domkonzert / © Tomasetti (DR)
Großes Domkonzert / © Tomasetti ( DR )
Quelle:
DR