Musikant auf Chorschranke im Dom
Musikant auf Chorschranke im Dom
Chorschranke im Kölner Dom
Chorschranke im Kölner Dom
Dr. Katharina Bornkessel
Dr. Katharina Bornkessel
Liebespaar auf Kölner Domchorschranke
Liebespaar auf Kölner Domchorschranke

06.09.2019

Die Drolerien der Chorschrankenmalereien Fabelwesen, Minnesang und Machomann

Wenn die Kölner Domherren im Chorgestühl Platz nehmen, haben sie gute und böse Geister im Nacken. Auf den Wänden hinter ihnen tobt das pralle Leben. Nackte Ritter, Fabeltiere und Teufelsfratzen haben die Maler auf die Chorschranken geschummelt.

"Das ist eine fabelhafte Welt", schwärmt Katharina Bornkessel. Die Kunsthistorikerin meint 'fabelhaft' ganz wörtlich, denn sie ist tief eingetaucht in die Phantasiewelt der Fabelwesen im späten Mittelalter. "Die Welt der Fabelwesen ist für uns heute auch noch ein Sehnsuchtsort", sagt sie.

Sirenen, Drachen und Kentauren, ein Mann spielt auf einer Fidel, doch sein Unterkörper sieht aus wie die Kreuzung eines Schweins mit einem merkwürdigen Fellwesen. "Das sind Fabelfiguren wie aus einem Harry Potter Film. So muss man sich das vorstellen", sagt Bornkessel. Zehn Jahre lang hat die Kunsthistorikerin die Malereien auf den Chorschranken im Kölner Dom genauestens unter die Lupe genommen.

Drolerien zeigen Trolle im Dom

Chorschranken sind eine Art Raumteiler, die im Dom den inneren Chorraum vom Umlauf um den Dreikönigsschrein abtrennen. Diese riesigen, steinernen Raumteiler haben Künstler im 14. Jahrhundert mit den Geschichten der für den Dom wichtigen Heiligen verziert. Die Legende der Heiligen Drei Könige wird da erzählt oder die des Dompatrons Petrus. Der Hintergrund der bunten Wandmalereien besteht auf den ersten Blick aus blauen Rautenmustern, die das Bild tapezieren, oder es ranken sich unverdächtige Pflanzen hinter den Heiligen. Wenn man aber näher herantritt und ganz genau hinschaut, sieht man, wie die spätmittelalterlichen Maler kleine Figuren in die Muster im Bildhintergrund geschummelt haben. In den Buchmalereien war das damals üblich und tauchte dann zunehmend auch in den Wandmalereien der Zeit auf. "Drolerien" heißen diese versteckten Minibilder. Über die "Drolerien" im Kölner Dom hat Katharina Bornkessel ihre umfangreiche Doktorarbeit geschrieben, die nun als zweibändiges Schmuckexemplar im Verlag Kölner Dom erschienen ist.

Die damalige Welt der Fabelwesen

"Wir kennen das französische Wort Drolerien aus dem Wort Trolle, das sich daraus abgeleitet hat", erklärt Bornkessel. "Und auch das Wort drollig kommt daher". Die Trolle auf den Bildern der Chorschranken geben Einblicke in die fabelhafte Welt des späten Mittelalters. Damals habe es noch die Terra Incognita gegeben, sagt die Kunsthistorikerin. "Das waren unbekannte Länder und Kontinente, die man auch ganz real auf den Landkarten aus jener Zeit wiederfindet. Da ist dann eine Insel eingezeichnet, auf der die Greife leben", erklärt Bornkessel. "Als sich die Menschen die Erde dann zunehmend erschlossen und die Welt entdeckt haben, sind die Inseln der Phantasiewesen verschwunden". Bornkessel findet diese Entzauberung der Welt bedauerlich. "Je größer die Welt wurde, desto kleiner wurden leider die Bereiche, wo theoretisch diese Fabeltiere haben leben können", sagt sie.

Nackter Machomann benimmt sich daneben

Wie lebendig das ist. Die fabelhaften Figuren singen und tanzen, sie spielen auf Fideln, Sackpfeifen und Schalmeien, sie begleiten liebende Paare, die im Liebesspiel versunken jeden höfischen Anstand und die guten Sitten vergessen. Auf einem Bild verdreht ein Kerl seiner Liebsten den Kopf, und zwar nicht symbolisch, sondern im wahrsten Sinn des Wortes. Recht brachial erobert er sich einen Kuss, indem er die Frau in den Schwitzkasten nimmt. Und als sei das nicht genug, spreizt an anderer Stelle ein nackter Machomann seine Beine und zeigt stolz sein Geschlecht.

Die Hohe und die Niedere Minne

Unglaubliche Szenen sind das - im Hohen Dom zu Köln. "Im späten Mittelalter hat man die Hohe Minne von der Niederen Minne unterschieden", erklärt Bornkessel. In der Hohen Minne habe es genaue höfische Anstandsregeln gegeben. Die Niedere Minne hingegen habe bildhaft gemacht, was sich auf gar keinen Fall gehörte. "Mit erhobenem Zeigefinger habe man vor Unzucht und Sünde gewarnt." So spielt sich im Hintergrund der Heiligenlegenden das wahre Leben ab – mit allen Abgründen und Ausschweifungen. Die Gottesmutter Maria, Petrus, Silvester oder die Drei Könige stehen großformatig im Vordergrund, sie sind Vorbilder, aber dahinter, auf den zweiten Blick sichtbar, tobt der sündige Mensch und das pralle Leben. Und dieser zweite Blick auf die Malereien der Chorschranken lohnt sich, denn er offenbart das, was den Menschen ausmacht – die Liebe und die Lust in all ihrer Ambivalenz – ein gefährliches Spiel, das auch im Fegefeuer enden kann.

Johannes Schröer
(DR)

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