Mädchenchor am Kölner Dom zieht Fazit der Südafrikareise

"Man schätzt kleine Dinge sehr viel mehr wert"

Ungewöhnliche Töne auf dem Tafelberg in Südafrika: 54 Mädchen des Kölner Mädchenchors haben dort das Lied "Am Dom zu Kölle" angestimmt. Das war nur ein Höhepunkt der Chor-Reise nach Südafrika. Was bleibt von dem Besuch hängen?

Gemeinsames Singen mit Schülern in Südafrika  / © Bernhard Walterscheid  (Kölner Dommusik)
Gemeinsames Singen mit Schülern in Südafrika / © Bernhard Walterscheid ( Kölner Dommusik )

DOMRADIO.DE: Wie war das denn auf dem berühmten Tafelberg zu stehen und ein typisch kölsches Lied zu singen?

Karla Zähringer (Chorsprecherin des Mädchenchors am Kölner Dom): Es war ziemlich kalt da oben. Aber es war auch ein Stück Heimat auf dem Tafelberg. Es war vielleicht gesanglich nicht herausragend, aber vom Gefühl her ziemlich toll und verrückt.

DOMRADIO.DE: Haben die Leute um Sie herum das wahrgenommen und geguckt?

Zähringer: Ja. Es sind viele stehen geblieben und haben auch mit dem Handy gefilmt. Immer wenn wir irgendwo stehengeblieben sind und gesungen haben, gab es sehr viel Resonanz von den umstehenden Menschen.

DOMRADIO.DE: Sie haben natürlich nicht nur auf dem Tafelberg gesungen. Sie haben vor allen Dingen auch in einer ganzen Reihe von Gottesdiensten in Südafrika gesungen. Da wird in den Messen ja viel mehr getanzt und musiziert. Wie haben Sie das erlebt?

Oliver Sperling (Domkantor und Leiter des Mädchenchores am Kölner Dom): Zum Einstieg unserer Reise hatten wir in der Kathedrale von Pretoria einen Gottesdienst von zweieinhalb Stunden. Da nimmt man sich mehr Zeit und braucht sie auch, weil ein Gesang nicht nach drei Strophen zu Ende ist, sondern sich nach drei Strophen erstmal entwickelt. Es wird alles auswendig gesungen. Die Leute kennen das.

Es war sehr praktisch für uns und sehr modern, weil die Texte über den Beamer eingespielt wurden. Das funktioniert übrigens grundsätzlich so. Dort gibt es kein Gesangbuch und kein Gotteslob, sondern einfach diesen Beamer. Manchmal funktioniert es etwas besser, manchmal etwas schlechter.

Aber insgesamt waren die Gottesdienste sehr unterschiedlich. In der Kathedrale von Kapstadt waren wir auch. Da sind wir ganz anderen Menschen begegnet. Am Ende der Reise sind wir auch bei einer eucharistischen Andacht gewesen, einer Initiative von Studenten, die von morgens acht bis nachmittags um sechs beten. Dort haben wir den musikalischen Abschluss gemacht.

DOMRADIO.DE: Haben Sie denn auch mal mit einem anderen Chor in Südafrika zusammen singen können?

Zähringer: Ja. Ganz intensiv denke ich dabei an das Ende unserer Reise und einen Universitätschor. Da haben wir ganz am Ende eines Konzerts etwas zusammen gesungen. Wir hatten vorher auch eine kurze Probe, ein kurzes Kennenlernen mit dem Chor. Das war ziemlich toll. Wir sind singend aus diesem Konzertsaal gegangen und haben im Foyer der Universität noch 15 Minuten weiter gesungen. Das war eine wahnsinnige Stimmung nach einem sehr tollen letzten Konzert.

Sperling: Das Tolle ist, dass das Publikum auch mitsingt. Das tanzt und singt sich aus dem Konzert heraus und es hört nicht auf.

DOMRADIO.DE: Wie war das sonst so? Sind sie gut mit den Leuten vor Ort ins Gespräch gekommen und haben ein bisschen was von dem mitbekommen, was sie denken und fühlen?

Zähringer: Definitiv. Es ist ein sehr, sehr offenes Land. Die Kultur ist sehr offen. Die Menschen sind sehr offen. Wenn man sich interessiert hat, hat man definitiv sehr viel mitbekommen. Man konnte auch in den Hotels mit dem Personal reden. Da war sehr viel Kontakt. Wir hatten auch mehrere Schulbesuche in High-Schools, bei einer Kindergarten-Initiative in einem Township und in einer Grundschule. Das waren sehr schöne Kontakte, vor allem auch mit Chören dort.

DOMRADIO.DE: Südafrika ist natürlich auch ein Ziel für Safari-Touristen. Das war jetzt nicht ihr vorrangiges Anliegen, aber haben Sie trotzdem auch große Tiere in freier Wildbahn gesehen?

Sperling: Das haben wir. Wenn man den Leopard in der Ferne noch mitzählt, haben wir tatsächlich alle sogenannten "Big Five" (Elefant, Nashorn, Büffel, Löwe und Leopard, Anm. d. Red.) gesehen. Allerdings nicht alle im Krüger-Nationalpark. Die Löwen haben wir erst etwas zeitversetzt gesehen. Aber es ist schon ein tolles Gefühl, wenn man 40, 50 Elefanten einfach durch die freie Natur hintereinander her spazieren, einen Fluss durchqueren und sehr nah neben einem stehen sieht. Dann ist man in Gottes freier Natur und kann das einfach nur still genießen.

DOMRADIO.DE: Sie haben auch die großen Probleme vor Ort gesehen. Sie waren zum Beispiel in Wellblechhütten in einem Township. Wie war das?

Zähringer: Man hört davon und weiß, dass es sowas gibt. Aber es ist immer ein Unterschied, von etwas zu hören und es dann auch zu sehen. Das ist eine ganz andere Erfahrung. Es war einerseits sehr bedrückend und man musste sich auch darauf einstellen, dass es die Realität ist. Das war für viele - und auch für mich - sehr bedrückend.

Es war andererseits aber auch faszinierend zu sehen, dass diese Menschen nicht alles aufgegeben haben. Pfarrer Stefan Hippler hat dort "HOPE Capetown" (HOPE-Kapstadt-Stiftung innerhalb der Deutschen AIDS-Stiftung, Anm. d. Red.) gegründet. An unserem Besuchstag dort gab es einen Strick-Club, wo Frauen für ganz wenig Geld Wolle bekommen haben und Schals und Pullover gestrickt haben.

Dass es solche Anlässe gibt, dass sie immer noch aufstehen und jeden Morgen weitermachen und die Hoffnung nicht verlieren, das war für mich eigentlich das Tollste daran.

DOMRADIO.DE: Wie haben Sie sonst die katholische Kirche in Südafrika erfahren?

Sperling: Zum einen ist die katholische Kirche vor einem historischen Hintergrund zu betrachten. Man merkt immer, dass die anglikanische Kathedrale - wie zum Beispiel in Kapstadt - richtig schön im Zentrum steht. Die katholische Kirche ist ein bisschen weiter außerhalb. Das ist überall so. Die Tradition ist in Südafrika eine andere. Dort steht nicht der Dom im Zentrum, sondern die anglikanische. Und die evangelische oder die protestantische Kirche steht ein bisschen drumherum.

Zum anderen ist es eine ganz offene Kirche, die - christlich gesprochen - einen großen Teil der Caritas dort im Land übernimmt oder Sozialpolitik macht. Das macht Pfarrer Stefan Hippler dort ja auch. Das heißt, ausgehend von dieser Hilfe für Aidskranke hat er ein Netzwerk aufgebaut, das schon längst bei anderen Dingen angekommen ist - mit medizinischer Grundversorgung, Prävention oder Bildung. Das war für mich sehr beeindruckend. Das ist eine gedanklich sehr kreative Arbeit. Davon war sehr, sehr viel zu spüren.

DOMRADIO.DE: Sie haben sehr unterschiedliche Eindrücke gesammelt. Was haben Sie jetzt mit zurück nach Köln gebracht?

Sperling: Ich verspüre immer noch eine große Gelassenheit. Mein Puls geht ruhiger, ich lasse mich nicht in Hektik bringen. Ich tue in dem Augenblick das, was ich tue und habe nicht 30 andere Sachen noch in Arbeit. Die habe ich natürlich im Kopf, gerade wo wir hier in Köln vor Beginn eines neuen Schul- und Chorjahres stehen. Es gibt viel zu tun und viel vorzubereiten. Aber davon lasse ich mich nicht stressen.

Zudem ist sehr viel Dankbarkeit im Gepäck. Wir haben auch erlebt, dass man sich für alles bedankt und sei es für die kleinste Kleinigkeit. Da merkt man schon, dass wir hier in Europa oder in Deutschland oder in Köln einfach doch sehr satt sind und alles selbstverständlich nehmen. Man schätzt kleine Dinge sehr viel mehr wert - sowohl im Materiellen als auch im Zwischenmenschlichen.

DOMRADIO.DE: Wie war das bei Ihnen?

Zähringer: Ganz deutlich - auch in der Religion - war immer die Frage, was ich für andere, für die Gesellschaft oder die Gemeinde tun kann und nicht, was ich für mich tun kann. Das finde ich sehr beeindruckend.

Wir waren oft in sehr guten Hotels. Da gab es natürlich auch Personal. Und wenn man mit diesem Personal ins Gespräch gekommen ist, hat man sehr viel mitbekommen und sehr viel erfahren, was hinter so einer Person steht, die man vielleicht nicht unbedingt als Tourist beachten würde.

Zudem sagt man auch immer, egal was ist, egal wer es ist und egal ob es einen interessiert: Wenn jemand fragt wie es einem selber geht, dann fragt man das auch zurück. Und wenn man danach ins Gespräch gekommen ist, merkt man, was hinter diesen Menschen steht. Ich denke, das ist das Größte, was ich mitnehme, dass man nie über jemanden urteilt, den man nicht genug kennt und über dessen Geschichte man nicht genug weiß.

Das Interview führte Hilde Regeniter.


Domkantor Oliver Sperling / © Tomasetti (DR)
Domkantor Oliver Sperling / © Tomasetti ( DR )

Gottesdienst mit dem Mädchenchor in der Kathedrale von Pretoria / © Bernhard Walterscheid  (Kölner Dommusik)
Gottesdienst mit dem Mädchenchor in der Kathedrale von Pretoria / © Bernhard Walterscheid ( Kölner Dommusik )

Singen vor Vorschulkindern in einem Township / © Bernhard Walterscheid  (Kölner Dommusik)
Singen vor Vorschulkindern in einem Township / © Bernhard Walterscheid ( Kölner Dommusik )

Konzert des Mädchenchors in der Feather Market Hall in Port Elizabeth / © Bernhard Walterscheid  (Kölner Dommusik)
Konzert des Mädchenchors in der Feather Market Hall in Port Elizabeth / © Bernhard Walterscheid ( Kölner Dommusik )

Singen im Township von Kapstadt / © Bernhard Walterscheid  (Kölner Dommusik)
Singen im Township von Kapstadt / © Bernhard Walterscheid ( Kölner Dommusik )

Konzert des Mädchenchors in Stellenbosch / © Bernhard Walterscheid  (Kölner Dommusik)
Konzert des Mädchenchors in Stellenbosch / © Bernhard Walterscheid ( Kölner Dommusik )
Quelle:
DR
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