Bönig: "Jeder zieht andere Register, zeigt noch einmal andere Farben dieses Instrumentes."
Bönig: "Jeder zieht andere Register, zeigt noch einmal andere Farben dieses Instrumentes."
Gastgeber Domorganist Winfried Bönig (Mitte) mit seinen Kollegen Otto Maria Krämer, Johannes Geffert, Daniel Cook und Giampaolo di Rosa.
Gastgeber Domorganist Winfried Bönig (Mitte) mit seinen Kollegen Otto Maria Krämer, Johannes Geffert, Daniel Cook und Giampaolo di Rosa.
Prospekt der Protagonistin des Abends
Prospekt der Protagonistin des Abends
Michael Schwalb gibt Verstehenshilfen zu Komponisten und ihren Werken.
Michael Schwalb gibt Verstehenshilfen zu Komponisten und ihren Werken.

20.06.2018

Eröffnung der Orgelfeierstunden Schlaflos im Dom

​Für "Orgelfreaks" gibt es in den kommenden Sommerwochen wieder ein "Muss": den Dienstagabend im Kölner Dom. Zum Auftakt des neuen Konzertzyklus brillierten in der "Bach-Nacht" fünf Stunden lang Meister ihres Fachs.

Der Anekdote nach soll Graf Hermann Carl von Keyserlingk seinen Freund Bach um "Clavierstücke" für seinen Cembalisten Goldberg gebeten haben, die "so sanften und etwas muntern Charakters wären, daß er dadurch in seinen schlaflosen Nächten aufgeheitert werden könnte". Der Komponist glaubt, diesem Wunsch am ehesten mit Veränderungen des immer selben Motivs entsprechen zu können und schreibt seine berühmten "Goldberg-Variationen", die unter diesem Namen in die Musikgeschichte eingehen.

Es ist etwa Mitternacht im Kölner Dom, als Giampaolo di Rosa seine Bearbeitung dieses barocken "Klassikers" spielt und möglicherweise auf denselben Effekt wie Bach damals setzt: auf sanfte Erheiterung der Zuhörenden. Denn das ist gewiss auch das, was das Publikum erwartet, das in dieser langen "Bach-Nacht" schlaflos ausharrt – manche bis zum Schluss. In einen Lichtkegel getaucht und dennoch für die Konzertbesucher auf der Empore nicht sichtbar, sitzt der 46-jährige Gastorganist aus Rom und leitet das Finale ein; nach einem schon vier Stunden andauernden Orgelkonzert im Wechsel mit vier Kollegen – unter ihnen der Gastgeber, Domorganist Winfried Bönig – und immer wieder sinnvollen Unterbrechungen des WDR-Musikfachmanns Michael Schwalb, der Erklärungen zu Werksgeschichten und ihren Verfassern einstreut.

Soeben hat di Rosa seine Uraufführung "Studio sul nome die B-A-C-H", die er eigens für diesen Auftritt geschrieben hat, beendet und für diese Eigenkomposition spontanen Zwischenapplaus bekommen. Nach gewaltigem Orgelbrausen, das die Mauern der altehrwürdigen Kathedrale zum Beben gebracht hat und für einen Nachhall von gefühlten sechs Sekunden sorgt – was an diesem Abend übrigens recht oft geschieht –  schlägt er nun für gängige Hörgewohnheiten verträglichere Töne an.

Schlusspunkt mit berühmter Bach-Toccata d-Moll

Zugleich bietet er den vielen, zu dieser vorgerückten Stunde noch verbliebenen Bach-Fans eine längere Atempause an, bevor Domorganist Bönig den Schlusspunkt mit der berühmten Bach-Toccata d-Moll hinter einen abwechslungsreichen Darbietungsreigen voller musikalischer Höhepunkte setzt und ein letztes Mal ausreizt, was die „Königin“ der Instrumente hergibt. Auch wenn sich bei dieser "Bach-Nacht", bei der neben viel Bach auch teils hochvirtuose Werke romantischer Komponisten zu dem chromatischen Thema "B-A-C-H" zu hören sind, gegen Ende die Bankreihen nach einem ausdauernden Konzertgenuss schon deutlich gelichtet haben, gibt es offensichtlich noch eine erstaunliche Zahl echter Enthusiasten. Sie sind gewillt, dieses geradezu überwältigende Hörerlebnis bis zum sprichwörtlich letzten Ton auszukosten.

Soweit möglich, haben sie es sich nach zwei, drei und vier Stunden gemütlich eingerichtet auf den harten Holzbänken, zur Entspannung auch schon mal die Beine hochgelegt, eine Andachtshaltung eingenommen oder als Lockerungsübung einen Rundgang durch die Seitenschiffe eingelegt. Manch einer, der sich die Füße vertreten, vielleicht kurz Luft geschnappt hat, kommt später noch einmal wieder und sucht sich einen neuen Platz. An allen Stellen – vorne und hinten in der Kirche, im Chorraum oder im Querhaus – lässt sich das Orgelspiel akustisch anders vernehmen. Das darf ausprobiert werden, und so paart sich der Ortswechsel – wohl gemerkt auf leisen Sohlen – mit optischen Eindrücken, wie sie nur die nächtliche Atmosphäre der Kathedrale bei spärlicher Beleuchtung bietet.

Ereignis der Superlative

Zu einer Geburtstagsfeier hatte Bönig eingeladen. Denn 333 Jahre wäre Bach, der 1865 in Eisenach geboren wurde, in diesem Jahr geworden. Für Bach-Freunde – Kölner zumal – Anlass genug, eine solche Schnapszahl nicht unbeachtet verstreichen zu lassen und dieses ungewöhnliche Jubiläum in die Kirchenmusikwoche des Erzbistums "Einfach himmlisch!" einzubinden. Daraus geworden ist ein fulminantes Feuerwerk an Tönen und Klängen, ein Ereignis der Superlative, wie man es nicht alle Tage hört. Und es stellte die Gäste vor die Wahl, ob sie das Ende der Feier abwarten und mit dem Hausherrn schlafen gehen oder zwischendurch einmal kurz die "Party" verlassen, um sich für die nächste Runde zu stärken und auch den allerletzten Höhepunkt nicht zu verpassen.

Kurzum: Die erste Orgel-Nacht im Kölner Dom geriet zu einer rauschende Orgie mit zu Recht hoch gelobten Gästen von internationalem Rang; allesamt renommierte Experten des Orgelfachs und leidenschaftliche Interpreten, denen die Freude an diesem musikalischen Marathon ebenso anzuhören war wie Domorganist Bönig, der zu Beginn, in der Mitte und – wie gesagt – noch einmal am Ende auftrat und zudem als Architekt dieses klug gebauten Programms gelten kann. Auch die Einbeziehung von "Vokalexkursion", dieses ungemein feinsinnig agierenden Ensembles aus acht wundervollen solistisch geformten Stimmen, passte in dieses Konzept.

"Phantastisches, sehr diszipliniertes Publikum"

Als Initiator dieses Events sieht Bönig alle Erwartungen erfüllt. "Wir hatten ein phantastisches, sehr diszipliniertes Publikum", freut er sich. Selbst das erwartete Kommen und Gehen habe zu keiner Zeit für Unruhe gesorgt. "Auch für mich war jeder einzelne Orgelbeitrag ein Genuss." In der Summe würden alle zu einem "bunten Kaleidoskop", schwärmt er von dem Wechselspiel seiner Orgelkollegen. "Jeder zieht andere Register, zeigt noch einmal andere Farben dieses Instrumentes. Das ist einfach großartig." Zudem sei der Dom in der Nacht ohnehin schon ein Erlebnis – um wie vieles mehr, wenn er sich zu dieser Zeit für Musik öffne.

"Bach ist Anfang und Ende aller Musik." So hatte es programmatisch in dem Begleitheft zu dieser einmaligen Musiknacht gestanden. Und so mögen es auch die vielen Dombesucher, die den Künstlern in dieser Nacht bis in alle Herrgottsfrühe die Treue gehalten haben, mit Herz, Gemüt und Seele erlebt haben. Happy birthday, Johann Sebastian!

Beatrice Tomasetti

(DR)

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