Onzemble Coeln
Onzemble Coeln
Onzemble Coeln
Onzemble Coeln
Patrick Cellnik
Patrick Cellnik

22.03.2018

Passionsmusik am Dreikönigenschrein im Kölner Dom "Ein Brennen im Herzen verspüren"

An diesem Freitag führen das "Onzemble Coeln" und die Instrumentalformation "Rheinbarock" zum Auftakt der Heiligen Woche Pergolesis Stabat Mater am Dreikönigenschrein auf. Über Komposition und Arbeit spricht Leiter, Patrick Cellnik.

DOMRADIO.DE: Herr Cellnik, Sie sind Student der katholischen Kirchenmusik und Gesangspädagogik sowie Assistent von Domkapellmeister Metternich. Seit knapp drei Jahren leiten Sie auch das Onzemble Coeln. Was ist das für ein Ensemble?

Patrick Cellnik (musikalischer Leiter "Onzemble Coeln"): Das „Onzemble Coeln“ ist noch sehr jung. Die Idee zu seiner Gründung ging Anfang 2014 von Sängerinnen des Mädchenchores am Kölner Dom aus, die altersbedingt aus diesem Ensemble ausscheiden mussten, aber große Lust hatten, auf ebenso hohem musikalischen Niveau weiterzusingen – und das ohne Chorleiter. Es fanden sich elf Interessentinnen, die gerade ihr Studium begonnen hatten, und so war der Name „Onzemble“ von „onze“ – französisch: elf – schnell geboren. Der Zusatz „Coeln“ wiederum drückt die Heimatverbundenheit der Mädchen aus, die von überall her aus ihren Studienorten kommen, um sich zu regelmäßigen Proben zu treffen und liturgische Auftritte und Konzerte vorzubereiten. Meines Erachtens spiegelt der bewusst doppelsinnige Name genau das wider, was das Anliegen dieser Sängerinnen ist: Es kommt nicht allein darauf an, was sie in den Noten finden, sondern welchen Klang sie gemeinsam daraus entwickeln. Jedenfalls steht ein großer Anspruch hinter der Musik von Onzemble, dem sich aktuell zwölf Sängerinnen verpflichtet fühlen und der aus ihrer jahrelangen Förderung durch den Mädchenchorleiter Oliver Sperling erwachsen ist. Er war es auch, der gerade zu Beginn mit Rat und Tat zur Seite stand, diesen neuen „Ableger“ seines Chores sehr unterstützt hat und bis heute ihr Mentor geblieben ist. Es geht um Repertoirepflege – da bringen die Sängerinnen aus ihrer Zeit im Mädchenchor einen reichen Schatz mit – aber auch um die Entwicklung eines eigenen Profils mit der Einstudierung völlig neuer Werke, auch von Auftragswerken. Ich kam erst dazu, als für den ersten Auftritt im Dom ein Extra-Paar Ohren gefragt war und ich angesprochen wurde zu beurteilen, ob das, was die Mädchen da machen, gut ist, wie es ist. Bis zu diesem Zeitpunkt sangen sie komplett ohne Leitung.

DOMRADIO.DE: Wann wagte sich Onzemble damals denn das erste Mal alleine in die Öffentlichkeit?

Cellnik: In Eigenregie gestalteten die Sängerinnen zunächst Chorvespern, Gottesdienste und Konzerte zu verschiedenen Anlässen in Köln. Zu den größten Auftritten zählte gleich am Anfang die Mitwirkung als Gäste der kölschen Band „Höhner“ in der Kölner Philharmonie. Am Gründonnerstag 2015 und auch 2016 durften sie dann auf Fürsprache von Domkantor Sperling die Trauermette im Hohen Dom gestalten. Ein Rückblick auf das gerade einmal vierjährige Bestehen von Onzemble zeigt, dass sich schon jetzt viel getan hat. Immer mal gibt es Wechsel in der Besetzung, musikalisch hat sich die Gruppe ein breiteres Repertoire angeeignet, eigens für sie komponierte Werke uraufgeführt, bereits eine CD aufgenommen und in Konzerten wie Gottesdiensten zweifelsohne schon so manches Mal das Publikum mit einer überaus feinen Klangqualität berührt.

DOMRADIO.DE: Wie arbeiten Sie nun mit diesen Stimmen?

Cellnik: Alle Sängerinnen haben im Alter von neun Jahren mit Chorgesang angefangen, die Schülerinnen der Domsingschule sogar noch früher. In vielen Jahren also ist jede dieser Stimmen – auch durch gezielte Förderung – enorm gewachsen. Dieser stetige Fortschritt der Stimme zahlt sich nun aus. Mir, der ich selbst Sänger bin, liegt die Stimmtechnik besonders am Herzen, aber auch Details wie die Choraufstellung sind wichtig. Ich nehme mir viel Zeit in den Proben, aber auch mit jeder einzelnen Sängerin. Denn die Einzelstimmbildung ist eine wesentliche Grundlage. Und wir schauen gemeinsam – auch mit einer Gesangspädagogin in den eigenen Reihen – welche Stücke machbar sind und sich besonders für das vorhandene Stimmenpotenzial eignen. Außerdem ist die Literaturlage für Frauenstimmen ja auch immer noch begrenzt, selbst wenn sich da in den letzten Jahren schon eine Menge getan und die Anzahl an Mädchenchören deutlich zugenommen hat. Bach oder Mendelssohn geht bei Knaben immer. Bei Mädchen muss man da schon gezielter suchen und auswählen…

DOMRADIO.DE: Ist das Stabat Mater von Giovanni Battista Pergolesi, das in der Barockzeit als eines der beliebtesten geistlichen Werke galt, denn so ein „machbares“ Werk?

Cellnik: Es braucht schon viel Flexibilität seitens des Chores und enormen Einsatz und Fleiß. Und natürlich wird es für die Sängerinnen, die noch keine solistische Erfahrung haben, sehr spannend, vor großem Publikum im Kölner Dom aufzutreten. Denn ursprünglich hat Pergolesi sein Stabat Mater für nur zwei Solostimmen, Sopran und Alt, Streicher und Basso continuo geschrieben. Wie viele Franzosen und Italiener seiner Zeit kommt auch er aus dem Opernfach. An manchen Stellen entsteht daher auch der Eindruck, Pergolesi meine seine Musik gar nicht ernst. Dabei heißt es ja wörtlich im Text: „Es stand die Mutter schmerzerfüllt…“. Der Text entstammt einem mittelalterlichen Gedicht, das den mütterlichen Schmerz um den gekreuzigten Jesus zum zentralen Inhalt hat. Das ist innerhalb der Passion eine hochdramatische Szene. Der Komponist schafft es, dementsprechend ein sehr konzentriertes und differenziertes Bild dieser Situation mit sehr getragener Musik zu zeichnen. Aber immer, wenn die Anteilnahme so groß ist, dass man als Zuhörer ein Brennen im Herzen verspürt, bekommt die Musik einen anderen Charakter. Manchmal ist sie beschwingt und himmelhoch jauchzend, und es zeigt sich ein gewisser Tatendrang statt pure Verzweiflung, was es am Ende wieder hoffnungsvoll macht. Diese Tonsprache als Ausdruck einer Mischung von Oper und intensiver Frömmigkeit hält erstaunliche Überraschungen bereit. Mit seiner unglaublichen Chromatik ist Pergolesi – aus heutiger Sicht – sehr visionär in der Gestaltung von Gefühlen mit einfachen Mitteln. Stellenweise entwickelt er geradezu einen Aktionismus, um der Trauer zu entfliehen. Man könnte das in seiner letzten Lebensphase auch als eine Art Wahnsinn interpretieren. Vielleicht aber hatte er nur auch seinen ganz eigenen Blick darauf, wie pervers diese Szene eigentlich ist.

DOMRADIO.DE: Ist das „Stabat Mater“ also doch mehr eine Oper?

Cellnik: Ich glaube, dass wir heutzutage eine sehr spezielle Vorstellung davon haben, wie Musik zu weltlichen oder religiösen Anlässen zu klingen hat. Früher – besonders in der Zeit der Barockmeister – aber auch später war diese Trennung oftmals nicht vorhanden. Nehmen wir zum Beispiel auch Rossinis „Stabat Mater“: Einzelne Teile der Komposition hätten auch als Arien auf der Opernbühne aufgeführt werden können. Es war eben gängige Praxis. Im 18. Jahrhundert war das Stabat Mater jedenfalls nach dem frühen Tod Pergolesis 1736 das am häufigsten gedruckte Musikstück und hat zahlreiche Bearbeitungen erfahren: Bach adaptierte es durch Unterlegung eines neuen Textes, „Tilge, Höchster, meine Sünden“, für den evangelischen Gottesdienst und schuf eine Kontrafaktur. Und auch Antonio Salieri und Franz Xaver Süßmayr erstellten am Ende des 18. Jahrhunderts für die Wiener Hofkapelle eine reicher instrumentierte Version mit vierstimmigem Chor. Empfohlen wird übrigens eine Aufführung am Freitag vor Palmsonntag. Das Konzert am Dreikönigenschrein just an diesem Tag, am 23. März, ist diesbezüglich also eine Punktlandung.

DOMRADIO.DE: Mit welchen anderen Programmpunkten kombinieren Sie Pergolesi?

Cellnik: Mit neuer und alter Musik, die eine Brücke von der Ölbergsszene am Gründonnerstag bis hin zu der Hoffnung schlägt, dass sich doch noch etwas ändern möge und das Sterben Jesu abzuwenden ist. Den dramaturgischen Höhepunkt bildet dann das Stabat Mater. „Weep, o mine eyes“ von John Bennett, der etwa 130 Jahre vor Pergolesi geboren wurde, die Motette „Unser Herz ist unruhig“ von Arnold Mendelssohn, „Bow down thine ear, o Lord“ von Egil Hovland, gestorben 2013, „Crucifixus” von Antonio Lotti, wieder ein alter Meister, und schließlich meine Komposition “Mein Jesus schweigt”, die an diesem Tag uraufgeführt wird, haben wir bewusst dem Stabat Mater vorangestellt. Das Ensemble „Rheinbarock“, das auf authentischen Instrumenten spielt, ist uns da ein verlässlicher und klanglich passender Partner.

DOMRADIO.DE: Wie kamen Sie auf die Idee, selbst eine Motette zu schreiben?

Cellnik: Die Fastenzeit ist eine sehr eindringliche, emotionale Zeit. Es hat mich immer schon bewegt, dass sich Jesus, ein Mensch wie wir, aufs Übelste quälen und foltern lässt. Und ich habe mich gefragt: Wie ist das, am Kreuz zu stehen, ein Kind zu verlieren und gleichzeitig den Spott der Umherstehenden aushalten zu müssen? Dieses Schweigen Jesu, das auch in der Bachschen Matthäus-Passion als Rezitativ auftaucht, hat mich inspiriert. In diesem Moment hat Jesus das Zentrale, die Strahlkraft seiner Worte, verloren. Dabei hat er noch so viel zu sagen – so heißt es auch in meinem Text, an dem ich lange gefeilt habe. Ich möchte in meinen Konzerten eine Geschichte erzählen. In diesem Konzert betrifft das unser aller Begegnung mit der Passionsgeschichte. So verstanden ist „Mein Jesus schweigt“ – wie die anderen Programmteile auch – eine zusätzliche Einladung zu einer musikalischen Meditation mit Blick auf das Kreuz und die trauernde Mutter.

Das Interview führte Beatrice Tomasetti

Veranstaltungshinweis (Eintritt frei)

Freitag, 23.3.2018 | 20.00 Uhr
ONZEMBLE COELN

Giovanni Battista Pergolesi: Stabat Mater
und Motetten aus der Fastenzeit

Onzemble Coeln
Capella Cathedralis Coeln
Patrick Cellnik (Leitung)

 

(DR)

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