Prof. Gerhard Robbers
Prof. Gerhard Robbers
Hamburg: Noch wenige Stunden
Hamburg: Noch wenige Stunden

01.05.2013

Kirchentagspräsident vor Beginn des Christentreffens "Wenn es waagrecht regnen würde..."

Heute wird der 34. Deutsche Evangelische Kirchentag in Hamburg eröffnet. Über 100.000 Dauergäste haben sich zu den fünf Tagen unter dem Motto "Soviel du brauchst" angesagt. Kirchentagspräsident Gerhard Robbers im Interview.

KNA: Herr Robbers, wenige Stunden vor dem Hamburger Kirchentag blicken viele zum Himmel. Wie viel Sonne braucht der Kirchentag?

Robbers: Das Wetter ist weniger wichtig, als man denkt. Es ist natürlich schön, wenn die Sonne scheint und alle es warm und trocken haben. Aber es kommt viel mehr darauf an, wie die Menschen von innen heraus gestimmt sind. Man kann einen wunderbaren Kirchentag auch im strömenden Regen haben. Und wenn es in Hamburg mal waagerecht regnen würde - das wär' doch mal was.

KNA: Dann würde vielleicht mehr über das Wetter statt über Uli Hoeneß geredet. Der Kirchentag greift doch dieses Thema auf, oder?

Robbers: Natürlich. Eines der zentralen Themen ist ethisches Wirtschaften und künftige Entwicklungen und Ziele von Wirtschaft. Dazu gehören auch Stichworte wie Steuerehrlichkeit, Steuerflucht, Steueroasen. Es ist wichtig, dass alle mittragen an den Lasten, welche die Gemeinschaft tragen muss.

KNA: Was macht Hamburg als Kirchentagstadt so besonders?

Robbers: Mit vier Kirchentagen ist Hamburg bei den Spitzenreitern unter den Austragungsorten. Es gibt so viel Weltoffenheit, so viel Kunst und Kultur, so viel bürgerschaftliches Engagement, aber auch so viele Gegensätze zwischen Reich und Arm. Das sind alles Themen, die den Kirchentag diesmal zentral beschäftigen: Zusammenleben vieler Kulturen, von Christen und Religionsfernen, Reichen und Armen. Damit ist die Stadt repräsentativ für unsere gesellschaftliche Situation. Außerdem steht Hamburg für die Gründung der Nordkirche und damit das vollendete Zusammenwachsen von Ost und West in Deutschland.

KNA: Sie wollen beim Kirchentag ausdrücklich mit Kirchenfernen und Atheisten ins Gespräch kommen. Wie soll das gehen?

Robbers: Indem wir zum Beispiel ein Konzert mit Wolf Biermann anbieten. Er ist erklärter Atheist mit ganz provokanten, aber auch wunderbaren Texten und Liedern. So findet ein Gespräch zwischen Atheismus und Christentum statt auf der Ebene der Kultur und Kunst. Da werden Töne hörbar, die man in einem bloßen Gespräch gar nicht anstimmen kann.

KNA: Es gab in letzter Zeit eine Reihe unerfreulicher Meldungen über Missbrauchsfälle in evangelischen Gemeinden. Wirft das Thema einen Schatten auf den Kirchentag?

Robbers: Solche Vorkommnisse werfen immer Schatten, und es wäre ganz schrecklich, wenn das nicht so wäre. So etwas darf nicht vorkommen. Da ist viel Schuld, der sich alle stellen müssen. Der Kirchentag nimmt das auf, und zwar noch konkreter als bei vergangenen Kirchentagen. Wir gehen sehr bewusst auf die Situation von Missbrauchsopfern ein in einer Reihe über Einsamkeit, weil durch Missbrauch Menschen in eine innere Einsamkeit getrieben werden.

KNA: Welche Rolle spielt die Ökumene in Hamburg, dessen Bevölkerung zum Großteil aus Nicht-Christen besteht?

Robbers: Kirchentage sind schon immer ökumenisch getaktet. Ökumene liegt mir persönlich ganz besonders am Herzen. Ich hoffe, dass sich bei diesem Kirchentag neue Wege für die Ökumene und Vertiefungen bereits begangener Wege ergeben. Wir arbeiten ganz eng zusammen mit dem hiesigen Erzbischof Werner Thissen. Wir werden mit offenen Armen empfangen. Zwei der fünf Gottesdienstkirchen sind katholisch. Unter anderem wird es eine evangelische Gottesdienstwerkstatt im katholischen Mariendom geben. Und auch die innerevangelische Ökumene, das Verhältnis zu den Orthodoxen, die an diesem Sonntag ihr Osterfest feiern, spielt eine wichtige Rolle.

KNA: Aber eher provokante Aktionen wie ein kirchenrechtlich noch nicht abgesegnetes gemeinsames Abendmahl sind nicht beim Kirchentag vorgesehen?

Robbers: Das gemeinsame Abendmahl, die gemeinsame Eucharistie mit den katholischen Schwestern und Brüdern, bleibt auf der evangelischen Seite ein großes, noch weit vor uns liegendes Ziel. Dass gerade konfessionsverbindende Ehepaare sonntags in verschiedene Kirchen gehen sollen, oder der eine zum Altar tritt und der andere nicht - das ist bitter und sollte möglichst überwunden werden. Andererseits darf man ökumenisch nicht zu viel fordern, sonst macht man es kaputt. Also: An Schwierigkeiten muss man beharrlich arbeiten, ohne mit dem Finger auf den anderen zu zeigen oder etwa Schuldzuweisungen zu äußern. Wir sollten zusammen die Dinge tun, die möglich sind, und Hindernisse konsequent abzubauen versuchen.

Sabine Kleyboldt
(KNA)

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