Ellen Ueberschär organisiert den Kirchentag

Erfahrene Netzwerkerin

In Hamburg hat zum vierten Mal Generalsekretärin Ellen Ueberschär die Regie über ein evangelisches Christentreffen. "Jeder Kirchentag ist unverwechselbar", sagt die 45-jährige Theologin.

Autor/in:
Rainer Clos
Ellen Ueberschär (DEKT)
Ellen Ueberschär / ( DEKT )

In den vergangenen Monaten hielt sich Ellen Ueberschär zumeist ein bis zwei Tage in der Woche in Hamburg auf. Doch je näher der Hamburger Kirchentag rückte, umso häufiger warb die Generalsekretärin landauf und landab für das Protestantentreffen, zu dem Anfang Mai unter dem Leitwort "Soviel du brauchst" mehr als 100.000 Besucher erwartet werden. "Jeder Kirchentag ist unverwechselbar", resümiert die 45-jährige Theologin ihre Erfahrungen aus Köln, Bremen und Dresden. Die gastgebende Region und ihre Menschen prägten das Glaubensfest.

Hamburg, so bescheinigt Ueberschär der Gastgeberin, sei eine Stadt voller Dynamik, voller Widersprüche und voller Zukunft: "Ein guter Ort zu fragen, was für eine Stadt wir brauchen für ein gutes Leben." Mit dem Themenfeldern Stadt der Zukunft, gerechtes Wirtschaften und interreligiöses Zusammenleben nehme der Kirchentag diese urbanen Pulsschläge auf. In den Planungen für den Hamburger Kirchentag forcierte sie neben neuen Formaten auch die Themen Inklusion und Kultur.

In dem 620 Seiten dicken Programmheft für den 34. Deutschen Evangelischen Kirchentag taucht der Name der Generalsekretärin nur zweimal auf - im Impressum und bei der Vorstellung der Kirchentagsgremien. Von den vielen Punkten des Programms, an dessen Linien sie maßgeblich mitgestrickt hat, will Ueberschär auf keinen Fall die Erinnerung an den Völkermord an Sinti und Roma in der Nazi-Zeit versäumen. Noch nie habe sich der Kirchentag diesem dunklen Kapitel zugewandt. Die Antwort auf diesen "wirklich blinden Fleck" sei Erinnerungsarbeit "zwischen Sandburgen, Neubauten und Resten des alten Deportationsbahnhofes mitten in der neuen Hafencity", sagt die Generalsekretärin.

Seit 2006 ist Ueberschär Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, dessen Zentrale ihren Sitz in Fulda hat. Dabei ist sie beleibe nicht nur "Managerin" des Events.

Neue Trias: Beruf, Familie, Glaube

Einschließlich des Ökumenischen Kirchentages 2010 in München ist Hamburg der fünfte Kirchentag, für den Ueberschär zusammen mit Leitungsgremien und Kirchentagsteam Regie führt. Aus der Vorbereitung der Kirchentage verfügt sie über gute Kontakte zu Repräsentanten der katholischen Kirche sowie anderer Religionsgemeinschaften und gilt als erfahrene Netzwerkerin. So ist sie in der Point-Alpha-Stiftung, in der Evangelischen Akademie zu Berlin, in der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft sowie in der Grünen Akademie unter dem Dach der Heinrich-Böll-Stiftung engagiert.

Auch in gesellschaftliche Debatten, die zwischen den Kirchentagen geführt werden, mischt sich die Theologin ein. So widerspricht sie entschieden dem Lamento von der Feminisierung des Pfarrberufes. In der evangelischen Kirche müssten Männer umlernen, empfiehlt Ueberschär, verheiratete Mutter einer Tochter. Denn statt um Kinder, Küche, Kirche gehe es um die neue Trias: Beruf, Familie, Glaube.

Als Überraschung galt für viele Beobachter die Kandidatur der Kirchentags-Generalsekretärin bei der Wahl eines neuen Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland im Januar. In das Rennen um den Spitzenjob in der zweitgrößten evangelischen Landeskirche ging die Kirchenfrau, die viel kirchenpolitische Erfahrung aber keine Gemeindepraxis im Gepäck hat, als Außenseiterin - und schied nach zwei Wahlgängen aus. Die Theologin, die aus dem Osten kommt, aber auch im Westen gut vernetzt ist, erfüllt die Anforderungen für kirchliche Leitungsämter. Für ihre beiden Vorgängerinnen in der Kirchentagszentrale waren Bischöfin und Pröpstin die nächsten Karrierestufen.

Ueberschär ist einer evangelischen Familie in Ost-Berlin aufgewachsen. Da DDR-Behörden ihr das Medizinstudium verwehrten, machte Ueberschär zunächst eine Ausbildung in der Datenverarbeitung.

Sie studierte ab 1988 Theologie in Berlin und Heidelberg, anschließend war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Marburg. Die Pfarrerin der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz promovierte 2002 in kirchlicher Zeitgeschichte über Jugendarbeit in der DDR und danach war Studienleiterin für Theologie, Ethik und Recht an der Evangelischen Akademie Loccum.


Quelle:
epd