Ausschreitungen im Kapitol in Washington, USA
Ausschreitungen im Kapitol in Washington, USA

18.10.2021

Buch arbeitet Trumps 6. Januar auf "Amerikas Gotteskrieger"

Sie tragen Kreuz und Flagge, weil ihnen Glaube und Nationalismus eins sind. Ein neues Buch soll helfen, die christliche Rechte der USA zu verstehen. Auch nach Trump bleiben sie eine gesellschaftliche und politische Größe.

Ein Gebet machte Anfang Januar in den Sozialen Netzwerken die Runde. Gesprochen von einem damals noch Namenlosen, dessen wenige Worte fast alles über Amerikas religiöse Rechte und ihr Verhältnis zu Donald Trump sagen. "Danke, dass du den Vereinigten Staaten erlaubt hast, wiedergeboren zu werden. Danke, dass du uns erlaubt hast, uns der Kommunisten, der Globalisten und der Verräter in unserer Regierung zu entledigen. Wir lieben dich und wir danken dir. Wir beten in Christi heiligem Namen."

Dieser Lobpreis auf Trump inmitten des Sturms auf das Kapitol am 6. Januar stammt von Jacob Chansley, den die Welt inzwischen als den "QAnon-Schamanen" kennt. Annika Brockschmidt stellt Chansleys vier kurze Sätze ihrem mehr als 300 Seiten starken Buch über die religiöse Rechte in den USA leitmotivisch voran; gewissermaßen als Ausdruck der jüngsten Evolution des christlichen Nationalismus in Amerika.

Christlicher Nationalismus tief in den USA verwurzelt

Die erst 29-jährige Journalistin nimmt den interessierten deutschen Leser souverän an die Hand, der in den vergangenen Jahren kopfschüttelnd verfolgt hatte, wie Fundamentalisten und religiös verbrämte Verschwörungstheoretiker unter Trump Einfluss auf die Regierung nahmen. Brockschmidt stellt Zitate Trumps in einen historischen Kontext, der "die Chemie" zwischen dem Ex-Präsidenten und dem weißen christlichen Nationalismus in den USA erklärt.

Für die Autorin, die im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung historische Podcasts produziert, ist der 6. Januar 2021 kein Zufall. Ihre These: Der christliche Nationalismus "tauchte nicht erst mit Donald Trump auf der politischen Bühne auf." Er habe tiefe Wurzeln in den USA. Wie alle rechten Bewegungen lebt auch der christliche Nationalismus dort von einer Art Opferkult. Trump bediente das tief sitzende Gefühl der Fundamentalisten, in einer Art Belagerungszustand zu leben.

Privilegien des weißen Christentums sichern

Als Kandidat bot er sich im Wahlkampf 2016 als Anführer im Krieg gegen das moderne, säkulare Amerika an. Er könne "auf der 5th Avenue jemanden erschießen und trotzdem keine Wählerstimmen verlieren," verkaufte er sich den Evangelikalen bei einem Auftritt in Iowa als Lichtgestalt. Brockschmidt bringt das klug auf die Formel: Ihr seid Opfer; es herrscht Krieg, und ich bin euer Anführer.

Um nach dieser "inneren Logik zu funktionieren", bräuchten "Amerikas Gotteskrieger" in der Erzählung Brockschmidts immer neue Feindbilder. Schließlich gehe "um Macht, und zwar in erster Linie um politische Macht." Dabei scheuten sie auch keinen Konflikt mit der Verfassung. Die gebetsmühlenhaft vorgetragene Forderung nach Religionsfreiheit verfolge das Ziel, die Privilegien des weißen Christentums in den USA zu sichern.

Schwangerschaftsabbruch-Urteil von 1973 ein Fanal

Die studierte Militärhistorikerin Brockschmidt zieht eine Linie zurück ins 19. Jahrhundert, in dem sich weiße, männliche Fundamentalisten zuletzt in ihrem Status bedroht gefühlt hatten. Damals ging es um den Kampf für das Frauenwahlrecht, den die christlichen Nationalisten verloren - wie sie auch die Industrialisierung in die Defensive brachte. An der Schwelle zum 20. Jahrhundert öffneten sich die Volkskirchen im US-Protestantismus, während die christlichen Nationalisten nach immer neuen Wegen suchten, gegen den Säkularismus zu Feld zu ziehen.

Brockschmidt macht im Urteil des Verfassungsgerichts von 1973 "Roe vs. Wade", das Schwangerschaftsabbrüche zu einer Privatangelegenheit erklärt hatte, ein Fanal aus, das die christliche Rechte aus einem "politischen Winterschlaf" geweckt habe. Dass es beim Mobilisieren half, steht außer Frage. Doch es gab schon zuvor genügend, was "Amerikas Gotteskrieger" auf die Beine brachte, allen voran die Bürgerrechtsbewegung des Predigers Martin Luther Kings.

Auch Flüchtlinge und Migranten als Bedrohung wahrgenommen

Einmal mehr sahen sich weiße Männer in ihrer Vormacht bedroht - ein Motiv, das sich bis in die Tage der Sklaverei zurückverfolgen lässt, als die "Southern Baptist" biblische Rechtfertigungen für die Sicherung von Privilegien fanden. Dankenswerterweise spricht die
Autorin diese bei der Beschreibung der christlichen Rechten in den USA oft vernachlässigten "rassistischen Tendenzen" deutlich an.

Letztere nehmen auch Flüchtlinge und Migranten als Bedrohung wahr; oft garniert mit mehr oder weniger unverhohlen rassistischen Vorurteilen, die ihre Wurzeln in der Sklavenhaltergesellschaft der Südstaaten haben. Das Bibellesen von Sklaven galt als gefährlich, so
die Autorin. Die Herren fürchteten den Widerstand.

Eine wesentliche Antriebskraft für die Ereignisse des 6. Januar

Brockschmidts Arbeit über die religiöse Rechte der USA liest sich spannend, weil es ihr gelingt, das Phänomen der "amerikanischen Gotteskrieger" einem säkularen Publikum zu erklären. Das Buch ist Pflichtlektüre für alle, die neugierig sind, eine wesentliche Antriebskraft hinter den Ereignissen des 6. Januar zu begreifen.

Dass das Kreuz der Christen und die Symbole der weißen Rassisten Hand in Hand gingen, verstehen selbst viele US-Amerikaner nicht, zitiert die Autorin den Historiker Robert P. Jones. "Diese beiden Gruppen haben sich nicht bekämpft. Sie sind Seite an Seite marschiert." Gotteskrieger eben.

Thomas Spang
(KNA)

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