24.07.2021

Kauders Amtszeit prägte auch der Einsatz für Religionsfreiheit Der "katholischste Protestant"

Mit Kauder verliert das Parlament einen streitbaren Politiker und überzeugten Christen, der sich besonders um die Religionsfreiheit weltweit verdient gemacht hat.

Die letzte Legislaturperiode hatte sich Volker Kauder wohl anders vorgestellt. Über 13 Jahre stand der CDU-Politiker an der Spitze der Unionsfraktion im Bundestag, so lange wie kein anderer vor ihm. Dass der eloquente Schwabe am 25. September 2018 den Fraktionsvorsitz knapp gegen Ralph Brinkhaus (CDU) einbüßte, hat ihn getroffen.

Engagiert für das Schicksal der weltweit verfolgten Christen

So wurde es in den vergangenen Jahren ruhiger um Kauder, auch wenn sich der überzeugte Protestant weiter mit großem Einsatz für sein Herzensanliegen, das Schicksal der weltweit verfolgten Christen, engagierte. Gleichsam als Summe oder Vermächtnis hinterlässt er das Buch: "Das hohe C - Politik aus dem Christlichen Menschenbild".

Über ein Jahrzehnt galt Kauder als "rechte Hand" der Kanzlerin. Mit ihr verlässt der 71-Jährige wie viele andere Weggefährten der Merkel-Ära nun auch den Bundestag. Seit 1990 hatte er das Direktmandat des Wahlkreises Rottweil-Tuttlingen errungen. In Bonn und dann Berlin griff der studierte Jurist auch auf seine Erfahrungen als Landesbeamter und Sozialdezernent im Landkreis Tuttlingen zurück. Schon mit 17 war er Mitglied der Jungen Union und legte in der einflussreichen baden-württembergischen CDU den Grundstein für seine Karriere.

Position in der Bundespolitik

In der Bundestagsfraktion war Kauder von 2002 bis 2005 Erster Parlamentarischer Geschäftsführer. Merkel designierte ihn nach dem Rücktritt von Laurenz Meyer zunächst zum CDU-Generalsekretär. Dass Kauder als Gewährsmann der Konservativen schließlich zum Fraktionsvorsitzenden gewählt wurde, erwies sich für die Machtstrategin Merkel als Gewinn. Mit seiner Loyalität band er den rechtskonservativen Flügel auf dem Weg der Partei zur Mitte ein - und ließ diesen manche Kröte schlucken.

In der Flüchtlingspolitik stand Kauder - trotz Ehrenmitgliedschaft in der CSU - klar hinter Merkel. Bis heute prangert er die Unmenschlichkeit der EU im Umgang mit Flüchtlingen auf den griechischen Inseln an. Das Parlament war Kauders Bühne. Er ging zumeist ohne Skript ans Pult und brach auch komplizierte Zusammenhänge auf verständliche Aussagen herunter.

Dies tat er mit der gleichen Leidenschaft, wie er manchen Oppositionspolitiker durch hitzige Zwischenrufe aus der ersten Reihe des Bundestags traktierte. Gesellschaftspolitisch stellte sich Kauder aus seiner christlichen Überzeugung heraus gegen den Mainstream, ob in Fragen der Abtreibung, der Ehe für Alle oder der Präimplantationsdiagnostik.

Vollblutpolitiker und bekennender Christ

Vollblutpolitiker und bekennender Christ, mit einer eher seltenen ökumenische Mischung: Sein Parteifreund und Gründungsmitglied des Kardinal-Höffner-Kreises, Georg Brunnhuber, bezeichnete ihn als "den katholischsten Protestanten, den ich kenne". So war Kauder auch Dauergast in dem Kreis katholischer Parlamentarier.

Papst Benedikt XVI. empfing ihn in Privataudienz, und Papst Franziskus ehrte ihn mit dem Gregoriusorden für seinen Einsatz für verfolgte Christen. Sein politisches Gewicht setzte Kauder für die Kopten in Ägypten ebenso ein wie für die Religionsfreiheit in der Türkei oder die durch den Blasphemie-Paragrafen diskriminierten Christen in Pakistan.

Rückbesinnen auf das "C"

In seinem jüngsten Buch fordert er von seiner Partei, sich auf das "C" zurückzubesinnen. Wie der CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet sieht er die Zukunft nicht in einer Wende zum Konservatismus, sondern in der "integrierenden Kraft" des christlichen Menschenbildes, das liberal, sozial und konservativ "sinnvoll zusammenführt".

Was das bedeutet, buchstabiert Kauder auf gut 200 Seiten durch. Die Schrift beeindruckt durch eine ebenso grundlegende wie verständliche Darlegung dieses Menschenbildes und seiner gesellschaftspolitischen Aktualität. Kauder greift aus langjähriger Erfahrung sowohl auf die Evangelische Sozialethik wie die Katholische Soziallehre zurück.

Man muss nicht alle politischen Ansichten teilen, aber Kauder zeigt auf, wie eine realistische, unideologische Politik aus christlicher Überzeugung möglich ist - jenseits von unverbindlichen Lippenbekenntnissen oder moralistischen Überforderungen. Das Wahlprogramm der CDU kam spät, das neue Grundsatzprogramm ist noch auf dem Weg. Ein Blick in das Buch könnte lohnen.

Christoph Scholz
(KNA)

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