Blick auf eine Moschee aus den Fenstern einer beschädigten Wohnung
Blick auf eine Moschee aus den Fenstern einer beschädigten Wohnung
Manal Al-Sayegh in den Trümmern ihres Zimmers
Manal Al-Sayegh in den Trümmern ihres Zimmers
Ein Loch klafft in der Küchenwand der christlichen Familie Al-Sayegh
Ein Loch klafft in der Küchenwand der christlichen Familie Al-Sayegh

06.06.2021

Christliche Familie Al-Sayegh in Gaza steht vor Trümmern Um halb acht blieb die Zeit stehen

Schon zum dritten Mal ist die Wohnung der Familie im Konflikt zwischen Hamas und Israel beschädigt worden. Ob sie je wieder zurückkönnen oder das Haus abgerissen werden muss, weiß noch niemand. Doch sie wollen bleiben.

Still sitzt Ferial Eline Al-Sayegh in den Trümmern ihrer Wohnung. Das Porträt ihres verstorbenen Mannes und die Hochzeitsbilder ihrer Kinder hängen in dem Trakt, der einmal der großzügige Eingangsbereich war. Sonst ist kaum mehr etwas an seinem Platz.

"Das Leben hier geht von Eskalation zu Eskalation, aber selten war es so schlimm wie in den vergangenen Wochen", sagt die pensionierte Lehrerin. Die Christin hat genug erlebt, um diesen traurigen Vergleich zu ziehen. Flucht und Vertreibung 1948, Sechstagekrieg 1967, Jom-Kippur-Krieg 1973, zwei Intifadas und drei Kriege seit dem Abzug Israels aus dem Gazastreifen fielen in die bislang 80-jährige Spanne ihres Lebens. Nur richtigen Frieden, den habe es in Gaza seit der Gründung Israels 1948 nicht gegeben.

Durch die Nachbarn gewarnt

Halb acht und acht Sekunden, Dienstag, der 11. Mai. Die Wanduhr auf dem Fußboden hat den Moment festgehalten, den die Anwohner im Hafenviertel von Gaza nicht vergessen werden. "Ein Nachbar hat an unsere Tür geklopft und uns gesagt, wir sollen schnell das Gebäude verlassen. Israel habe gewarnt, dass es das Hochhaus neben uns angreifen werde", erinnert sich Ferials Tochter Manal.

Mit nur einer Tasche rettete Manal sich und ihre Mutter zur Schwester Rana. Stufe für Stufe aus dem zweiten Stock habe sie ihre Mutter zur Eile getrieben. "Im Dunkeln; Strom gab es keinen."

"Nach jedem Einschlag haben wir auf den nächsten gewartet"

Der Hanadi-Turm, in dem sich unter anderem Büros der Hamas befunden haben sollen, war das erste Ziel, das Israel in der jüngsten Eskalation bombardierte. Insgesamt sechs Raketen zählte Ferial; "nach jedem Einschlag haben wir auf den nächsten gewartet". Tote gab es bei diesem Luftangriff nicht, die Bewohner wurden gewarnt. Nur wo einst 13 Stockwerke in den Himmel ragten, ist jetzt Schutt und Zerstörung. Auch die benachbarten Gebäude haben schwere Schäden davongetragen.

Für Ferial und Manal Al-Sayegh ist es nach 2008 und 2014 das dritte Mal, dass ihre Wohnung in dem Konflikt zwischen der Hamas und Israel beschädigt wird. Ob sie je wieder zurückkönnen oder das Haus abgerissen werden muss, weiß bislang niemand. Die Begutachtung der Schäden steht noch aus.

Häuser völlig zersört

Bis die Behörden nicht Grünes Licht gegeben haben, dürfen die Frauen nur morgens zu bestimmten Zeiten das Gebäude betreten. Der Schutt in den am stärksten betroffenen Zimmern der Südseite ist gänzlich tabu. "Nur ein paar Kleidungsstücke" habe sie aus ihrem Zimmer retten können, so Manal. Ob sie die je wieder reinigen könne, sei ungewiss. Die Angst vor Diebstahl und Betrug ist groß. So habe sich vor ein paar Tagen jemand als Mitarbeiter einer von den Behörden beauftragten Baufirma ausgegeben und umgerechnet 300 Euro für das Räumen der Wohnung gefordert, sagt Manal.

Ein paar Stockwerke höher hat die Familie eine zweite Wohnung. Auch hier hat es mit Wucht eingeschlagen. Zersprungene Fensterscheiben geben nach Westen den Blick frei auf die Alhassina-Moschee und das Hafenbecken von Gaza. Trauer, Wut und Stolz klingen mit, wenn Ferial Al-Sayagh spricht. "Ich bin kein Flüchtling. Ich bin in Gaza geboren und habe mein ganzes Leben hier verbracht. Mein Mann war Schulleiter, ich war Lehrerin. Unsere Kinder haben die besten Universitäten besucht."

Viele Christen ausgewandert

Zwei von Ferial Al-Sayeghs Kindern leben heute in Kanada. Wie viele Christen haben sie die Chance zur Auswanderung genutzt. "Wir waren mal mehr als 5.000; aber jedes Jahr werden es weniger", sagt Manal. Hoffnung klingt anders. Seit 2008 hat sich die Familie nicht mehr gesehen.

"Ich habe mehrfach versucht, meine Geschwister in Kanada zu besuchen, aber meine Anträge wurden alle abgelehnt." Es ihren Geschwistern nachzutun, kann sie sich nicht vorstellen: "Mein Leben ist hier. Ich bin nicht mehr jung genug für einen Neuanfang!" Als eine, die sich trotz der Möglichkeit gegen die Emigration entschieden hat, ergänzt die jüngste der vier Geschwister Rana: "Dies ist unser Land, hier sind unsere Familien – wir bleiben hier!"

Andrea Krogmann
(KNA)

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