Das Kapitol in der Nacht nach den Ausschreitungen
Das Kapitol in der Nacht nach den Ausschreitungen
Unterstützer von US-Präsident Trump stürmen das Kapitol
Unterstützer von US-Präsident Trump stürmen das Kapitol
Demonstranten gestikulieren vor der US-Kapitol-Polizei auf dem Gang vor der Senatskammer
Demonstranten gestikulieren vor der US-Kapitol-Polizei auf dem Gang vor der Senatskammer
Polizeibeamte sichern das Kapitol
Polizeibeamte sichern das Kapitol
Der Senat und das Repräsentantenhaus nehmen ihre Beratungen wieder auf
Der Senat und das Repräsentantenhaus nehmen ihre Beratungen wieder auf
Prof. Dr. Godehard Brüntrup SJ
Prof. Dr. Godehard Brüntrup SJ

07.01.2021

Jesuit und USA-Experte zu den Ausschreitungen im Kapitol "Die Demokratie ist im Herzen verletzt"

Wie konnte es zu den Ausschreitungen im US-Kapitol kommen und was bedeutet das für Joe Biden und die amerikanische Gesellschaft? Eine Einschätzung des USA-Experten und Jesuiten Prof. Godehard Brüntrup.

DOMRADIO.DE: “Was passiert ist, sollte von jeder Kanzel verurteilt werden”, steht in einer Überschrift der Jesuitenzeitschrift Amerika. Sie kennen das Land, haben an mehreren Universitäten gelehrt. Was geht Ihnen persönlich mit Blick auf die Ausschreitungen gestern durch den Kopf?

Prof. Godehard Brüntrup (Jesuit und USA-Kenner): Da geht mir natürlich sehr viel durch den Kopf. Ich hatte gestern hier schon gesagt, dass Amerika - und zwar vor den Ereignissen, als ich das noch nicht wusste - in einem kalten Bürgerkrieg ist. Und jetzt hat sich herausgestellt, dass es gar nicht mehr so kalt ist, sondern dass es zu wirklichen Ausschreitungen und Gewalttaten kam. Das hat mich in der Heftigkeit auch überrascht und erschüttert, weil natürlich das Kapitol, ähnlich wie unser Bundestag, ein Zentrum der Demokratie ist und die Demokratie ist natürlich im Herzen verletzt dadurch. Das war schon ein erschütterndes Ereignis.

DOMRADIO.DE: In seiner Rede am Mittag hatte Trump seine Anhänger zum Kämpfen aufgerufen. Einige US-Abgeordnete werfen dem abgewählten Präsidenten einen Putschversuch vor. In einem Tweet hatte er dann später seine Anhänger zu friedlichem Verhalten aufgerufen. Wie bewerten Sie dieses Verhalten des noch amtierenden Präsidenten?

Brüntrup: Er trägt sicherlich daran eine Mitschuld durch die Rede, die er gehalten hat, die kurz vor diesem Marsch stattfand. Die war sicherlich, wenn auch nicht direkt zur Gewalt aufrufend, doch anstachelnd. Und wir haben insgesamt gesehen, den ganzen Sommer über, dass in den USA die Demonstrationen dann, meistens von der anderen Seite her, von den Gegnern Trumps, in Gewalt ausgeartet und ausgeufert sind und die Polizei wenig gemacht hat. Es wurden ja wochenlang nächtlich Gerichtsgebäude, Innenstädte, Geschäfte angezündet und auch hier in diesem Fall wundert man sich, dass die Polizei so wenig auf dieses Geschehen vorbereitet war, denn dieser Marsch war ja seit langem angekündigt. Dass sie überhaupt so einfach ins Kapitol eindringen konnte, diese kleine, doch überschaubare Menge, das wundert mich doch sehr.

DOMRADIO.DE: Der Dachverband der US-Republikaner hat die Vorfälle als inländischen Terrorismus verurteilt. Würden Sie sich dem anschließen?

Brüntrup: Ich weiß nicht, ob man die Leute, die da jetzt reingeströmt sind, im engeren Sinne als Terroristen bezeichnen sollte. Das werden die Überprüfungen der ganzen Vorgänge ergeben, ob das spontan war, wie geplant das war. Ich glaube, dass es eher relativ normale Menschen waren, die nicht seit längerem an Umsturz oder gar Gewalt gedacht haben, sondern die sich, vielleicht auch ein wenig aus dem Moment heraus auch, entschieden haben, diesen Sturm durchzuführen. Und dann überrascht waren, dass das so leicht möglich war. Und dann ergab eins das andere. Es ist ja insgesamt auch dann dazu gekommen, dass eine Frau ihr Leben verloren hat. Das hat, glaube ich, auch von den Demonstrierenden niemand so gewollt oder die wenigsten. Das ist einfach völlig aus dem Ruder gelaufen.

DOMRADIO.DE: Für einige ist sicherlich noch gar nicht richtig zu begreifen, was da eigentlich gestern passiert ist und was das für die Zukunft des Landes bedeutet. "Das ist nicht amerikanisch", sagt zum Beispiel Frankreichs Präsident Macron. Wie verändert das denn nachhaltig die Seele des Landes?

Brüntrup: Für Amerika ist es ein Schock. Die Wenigsten hätten damit gerechnet, dass das passieren kann. Es macht allerdings auch deutlich, dass es einen Konflikt gibt, der sehr, sehr tief geht. Warum protestieren da Hunderttausende gegen die Wahl? Warum glauben 40 Prozent der Amerikaner, dass es bei der Wahl nicht mit rechten Dingen zuging? Da kann man nicht einfach nur sagen, die sind von Trump manipuliert und irre geleitet, sondern da gibt es ein tiefes Misstrauen darüber, wie die Wahlen durchgeführt worden sind in einigen Bundesstaaten, ob das verfassungsgemäß war oder ob da im Rahmen von Corona zu schnell und ohne durch die normalen parlamentarischen Wege gehend das Wahlrecht geändert wurde, was im Endeffekt dann Biden genützt hat. Ich glaube, dass Amerika in Zukunft noch einmal sehr, sehr deutlich da rangehen muss, dass die Menschen wieder Vertrauen in die Wahlen gewinnen. Denn man kann eine Demokratie nicht aufrechterhalten, wenn 30 oder 40 Prozent der Bevölkerung der Meinung sind, dass ihre Stimme nicht zählt. Und das wird eine Aufgabe sein, in den nächsten Jahren, das Vertrauen in die Demokratie wiederherzustellen.

DOMRADIO.DE: Mehrere republikanische Senatoren haben ja auch angekündigt, sich nach der Gewalt nicht länger gegen Bidens Wahlsieg zu stellen. Der noch amtierende Vizepräsident Mike Pence hat die Proteste im Gegensatz zu Trump scharf verurteilt. Welche Auswirkungen könnten diese Ausschreitungen denn noch auf die letzten Tage von Trumps Präsidentschaft haben?

Brüntrup: Man hat ja versucht, ähnlich wie bei der Wahl 1876 und -77 eine Kommission einzurichten. Da geht es vor allen Dingen darum, dass in einigen Staaten kurzfristig gravierende Veränderungen im Wahlrecht, besonders im Briefwahlrecht stattgefunden haben, sodass unverlangt Wahlzettel rausgeschickt worden sind und auch ohne größere Prüfung, wenn sie zurückkamen, dann gewertet wurden. Da sollte eine Kommission eingerichtet werden, die das nochmal überprüft, ob diese Vorgehensweisen, die die Demokraten bevorzugt haben, verfassungsgemäß waren.

Aber angesichts der Geschehnisse waren nun viele der Meinung, dass man das jedenfalls nicht mehr bei so vielen Staaten machen sollte, wie am Anfang geplant. Dass man jetzt zügig zusammenstehen sollte und sehr klar das Wahlergebnis bestätigen sollte und Biden im Amt als gewählter nächster Präsident bestätigen sollte, weil alles andere wieder Öl ins Feuer gießen und noch mehr Unruhe bringen würde. Und von daher gibt es jetzt eine stärkere Tendenz, dem Ergebnis zuzustimmen und alle Bedenken, die man hat, eher mittelfristig vorzutragen und zu lösen und nicht jetzt in dieser Sitzung.

DOMRADIO.DE: Verantwortliche vieler Konfessionen und Religionen haben zu einem Ende der Gewalt aufgerufen, US-Bischöfe auf Twitter zum Gebet und Kardinal Joseph Tobin sagte: "Es ist das Ergebnis einer langen fortschreitenden Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft." Inwieweit haben die Ausschreitung gestern denn verdeutlicht, was für eine große Aufgabe auf Joe Biden zukommt?

Brüntrup: Das kann Joe Biden wahrscheinlich persönlich gar nicht mehr stemmen. Wie ich am Anfang schon sagte, beobachten wir ja von beiden Seiten, also gestern von der konservativ-republikanischen Seite, aber seit Monaten vorher auch schon von beiden Seiten, aber verstärkt auch nochmal von Anhängern der demokratischen Seite, Black Lives Matter, Antifa und anderen Organisationen, eine Bereitschaft zur Gewalt bei Demonstrationen, die die amerikanische Gesellschaft so bisher nicht gekannt hat. Es gibt einen tiefen Spalt, deshalb nannte ich es einen kalten Bürgerkrieg.

Es gibt einen tiefen Spalt zwischen den beiden Lagern, die etwa gleich groß sind. Wir haben ja gestern bei den Nachwahlen zum Senat auch gesehen, dass die Lager geradezu, bis auf ganz wenige Stellen hinter dem Komma, gleich groß sind und sich erbittert gegenüberstehen, sodass sie gegenseitig den Berichten der Medien nicht mehr glauben, in ihrer eigenen Bubble, wie wir heute sagen würden, leben. Und jeweils bei der anderen Seite einen Verrat der Demokratie und einen Verrat der amerikanischen Werte sehen. Wie man diese Gesellschaft wieder zusammenbringen will, ist eine riesige Aufgabe, die kein Präsident alleine schaffen kann, sondern das muss auf ganz vielen Ebenen passieren. Und es ist wirklich erschreckend. Also kalter Bürgerkrieg ist, glaube ich, der richtige Ausdruck.

Das Interview führte Julia Reck.

(DR)

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