Wie sich die Lateinamerika-Politik der USA verändern könnte

Adveniat hofft auf Biden

Der Demokrat Joe Biden hat das Rennen ums Weiße Haus gewonnen. Die Nachbarn in Lateinamerika blicken gespannt auf die politische Ausrichtung des designierten Präsidenten. Thomas Wieland vom Hilfswerk Adveniat analysiert die Lage.

Dorf in Brasilien / © Jess Kraft (shutterstock)

DOMRADIO: Wie waren die Reaktionen in Lateinamerika, als am Wochenende klar wurde, dass Trump abgewählt ist? Was haben Sie von Ihren Projektpartnern gehört?

Thomas Wieland (Leiter der Projektabteilung beim Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat): Ich war überrascht, denn von ihnen kam kaum eine Reaktion. Wir haben uns gestern in einer großen Zoomkonferenz mit 50 Teilnehmenden aus dem ganzen Kontinent getroffen, um über das Amazonas-Gebiet zu sprechen. Die US-Wahl war kein Thema. Auf den zweiten Blick wundert es auch nicht, denn die Lateinamerikaner sind derzeit mit ganz anderen Dingen beschäftigt.

Der Hurrikan Eta stürmt und wütet in Zentralamerika. Die Leute müssen schauen, wie sie dort überleben können und ihr Hab und Gut in Sicherheit bringen. Covid 19 greift weiter um sich, die Menschen leiden unter Hunger und politischen Krisen. In Peru wurde gestern der Präsident vom Kongress abgesetzt. In Chile soll eine neue Verfassung entstehen und in Bolivien gibt es Turbulenzen rund um die Amtsübernahme des neuen Präsidenten.

Keine Zeit also für die USA aus Perspektive der Menschen. Und wir von Adveniat haben alle Hände voll zu tun, um ihnen beizustehen. 

DOMRADIO.DE: Trump hatte mehr oder weniger enge Verbündete in Lateinamerika, darunter den brasilianischen Präsidenten Bolsonaro. Was hat er denn jetzt von Joe Biden zu erwarten? 

Wieland: Für Donald Trump haben sich noch zwei weitere Staatschefs ausgesprochen: der mexikanische Linkspopulist López Obrador und der kolumbianische Präsident Iván Duque. Doch für Bolsonaro wird es besonders schwer. Die Abholzung und die Ausbeutung der Bodenschätze im Amazonasgebiet muss er stoppen, wenn er seine guten Wirtschaftsbeziehungen zu den USA erhalten möchte.

Die künftige Vizepräsidentin Kamala Harris hat sich bereits als Senatorin im Kongress gemeinsam mit anderen dafür ausgesprochen, die Handelsbeziehungen angesichts der Amazonaspolitik von Bolsonaro zu überprüfen. 

DOMRADIO.DE: 2016 hat Trump mit der Angst vor Einwanderern Wahlkampf gemacht. Er hat sie Vergewaltiger genannt, Kriminelle, "Bad Hombres", also schlechte Menschen. Kinder wurden von ihren Eltern an der Grenze getrennt. Er hat mit dem Bau der Mauer zwischen den USA und Mexiko begonnen. Für welche Migrationspolitik steht Joe Biden? 

Wieland: Man muss sagen, dass die Administration Obama, in der Joe Biden damals Vize-Präsident war, in ihrer Zeit die meisten Migranten aus Lateinamerika wieder zurückgeschickt hat. Deswegen kann man nicht davon ausgehen, dass es eine große Kehrtwende in der Migrationspolitik der USA geben wird. Im Wahlkampf hat sich Biden mit Blick auf das Grenzgebiet zwischen Mexiko und den USA aber für humanitäre Lösungen ausgesprochen. Dort leben rund 80.000 Menschen in desaströsen Zuständen. Das, so hoffen wir, wird nun besser. 

DOMRADIO: Joe Biden ist gläubiger Katholik und in Lateinamerika leben immer noch die meisten Katholiken weltweit. Kann das auch eine Rolle spielen im Verhältnis miteinander? 

Wieland: Das hängt davon ab, welche Position Joe Biden als Katholik bezieht. Wenn er sich wie Papst Franziskus auf die Enzyklika "Laudato si" bezieht, also auf die Verbindung von sozialem Engagement, Sensibilität für die Armen und für die Umwelt, dann wird er in Lateinamerika ein Echo finden. Er wird dann zwar nicht alle Katholiken erreichen, aber sicher die sozial engagierten Christinnen und Christen. 

DOMRADIO: Was ist es denn, was sich Adveniat und die Projektpartner vor Ort vom nächsten US-Präsidenten wünschen? 

Wieland: Wir sehen es aus der Sicht der Menschen in Lateinamerika, mit denen wir über die Projekte in Kontakt stehen. Und da gibt es einen Wunsch, den Adveniat deutlich formuliert: Die USA haben verschiedene Sanktionen gegen drei Länder errichtet, nämlich gegen Nicaragua, Venezuela und Kuba. Wir hoffen, dass sie aufgehoben werden. Denn sie schaden nicht den Regierungen, sondern den Menschen. Die Regierungen profitieren sogar von den Sanktionen.

Der venezolanische Präsident Maduro hoffte auf Trump, damit er ein ordentliches Gegenbild zu seiner Politik hat. Wenn mehr Dialog in die Beziehung zu diesen Staaten gelegt wird und die Sanktionen aufgehoben werden, dann dient das nach unserer Einschätzung den Menschen. Eine zweite Perspektive: Lateinamerikaner, die Richtung Norden unterwegs sind und versuchen, ein besseres Leben im Norden des Kontinentes zu finden, sollten von Biden unterstützt werden.

Der Wunsch von Adveniat an Biden ist: Haben Sie ein humanes Herz für die Menschen, die aufgrund von Gewalt und Armut migrieren. Und der dritte Wunsch, den wir an den US-amerikanische Präsidenten und dessen Politik haben: Sorgen Sie dafür, das gemeinsame Haus nicht weiter zu zerstören. Das Pariser Klimaabkommen ist dabei ein wichtiges Instrument. Überprüfen Sie die Handelsbeziehungen zu den Regierungen, die unsensibel mit unserer Umwelt umgehen, insbesondere zur brasilianischen Regierung. Das sind drei Wünsche aus Perspektive der Menschen, aus Perspektive der Armen, die die Regierung Biden und die neue US-Regierung angehen kann, um den Menschen weiter zu helfen und sie zu unterstützen.

Das Interview führte Gerald Mayer.


Thomas Wieland, Adveniat / © Martin Steffen (Adveniat)
Thomas Wieland, Adveniat / © Martin Steffen ( Adveniat )

Joe Biden / © Paul Sancya (dpa)
Joe Biden / © Paul Sancya ( dpa )

Indigene und Geistliche beim Gottesdienst der Amazonas-Synode / © Paul Haring (KNA)
Indigene und Geistliche beim Gottesdienst der Amazonas-Synode / © Paul Haring ( KNA )
Quelle:
DR