Präsidentenwahl in Belarus
Präsidentenwahl in Belarus
Weissrusslands Staatschef Lukaschenko
Weissrusslands Staatschef Lukaschenko

10.08.2020

Nachhall der Präsidentschaftswahl in Belarus Kann die Kirche Lukaschenko die Stirn bieten?

Alexander Lukaschenko bleibt Präsident von Belarus. Der gelegentlich als "letzter Diktator Europas" titulierte Politiker fuhr offiziell einen deutlichen Sieg ein. Doch am Ergebnis werden Zweifel laut. Auch von Seiten der Kirche?

DOMRADIO.DE: 80 Prozent der Stimmen soll Präsident Alexander Lukaschenko bekommen haben. Hat Sie dieses offizielle Wahlergebnis überrascht?

Dr. Angelika Schmähling (Projektarbeit Estland, Lettland, Litauen, Weißrussland (Belarus), Kasachstan beim Osteuropahilfswerk Renovabis): Ja, das hat mich definitiv überrascht. Ich war mir schon sehr sicher, dass Präsident Lukaschenko gewinnt. Er hat die letzten fünf Wahlen gewonnen.

Insgesamt war es sicher ein gewünschtes Ergebnis. Aber ich hätte doch gedacht, dass ihm weniger Stimmen zugesprochen werden. Denn in letzter Zeit hat sich eine sehr starke Oppositionsbewegung entwickelt.

DOMRADIO.DE: Begleitet wurde die Wahl von Protesten. Zudem gab es mit Swetlana Tichanowskaja eine Gegenkandidatin, über die zumindest in Deutschland viel berichtet worden ist. Sind das neue Erscheinungen in Belarus?

Schmähling: Ja, definitiv. Das Besondere ist, dass diese Bewegung aus dem Internet kommt, aus den sozialen Medien. Da steht keine Partei dahinter. Das sind einfache Leute, die Freiheit wollen, die Neuwahlen wollen.

DOMRADIO.DE: Wer freien Internetzugang hat, kann sich frei informieren, zum Beispiel auch über Berichte ausländischer Medien. Wie sieht es denn in Belarus mit so einem freien Internetzugang aus?

Schmähling: Eine sehr interessante Frage. Heute zum Beispiel gibt es keinen freien Internetzugang. Ich versuche eigentlich seit gestern Mittag schon, die freien Seiten zu erreichen. Ich schaffe es nicht. Aber es gibt ein paar Internetseiten, Nachrichtenportale, die durchaus auch regierungskritisch berichten. Und natürlich gibt es die sozialen Netzwerke.

DOMRADIO.DE: In der Nacht hat es gewaltsame Proteste gegeben. Haben Sie Sorge, dass das noch weiter eskalieren könnte?

Schmähling: Ja. Wenn man sieht, was da an Polizei, an Militär aufmarschiert, welche Gewalt da angewandt wird, dann habe ich wirklich Angst. In den letzten Wochen gab es immer wieder Proteste und schon sehr viele Verhaftungen. Auch Journalisten wurden verhaftet. Das ist eine sehr angespannte Atmosphäre.

DOMRADIO.DE: Wäre es da nicht klüger gewesen, Lukaschenko hätte nicht 80 Prozent Wählerzustimmung angegeben, sondern vielleicht nur 60 Prozent?

Schmähling: Das denke ich auch. Das zeigt dann leider, wie sicher er sich einfach seiner Macht ist.

DOMRADIO.DE: Belarus oder Weißrussland liegt geografisch gar nicht so weit weg von uns, quasi auf der Schwelle zwischen Ost- und Westeuropa. Trotzdem bekommen wir hier ziemlich wenig mit aus diesem Land. Warum ist das so?

Schmähling: Das Land ist einfach ziemlich abgeschnitten. Man braucht immer noch ein Visum, um dort einzureisen.

Und es liegt eben politisch zwischen diesen beiden Systemen: Russland im Osten und der EU im Westen. Dazwischen geht es vielleicht einfach ein bisschen unter.

DOMRADIO.DE: Wie steht denn die katholische Kirche in Belarus da und wie positioniert sie sich zur politischen Lage?

Schmähling: Die katholische Kirche macht etwa zehn Prozent der Christen im Land aus. Regional, zum Teil im Westen, ist sie allerdings sehr stark. Man muss sagen, dass die Kirche sehr vorsichtig ist. Sie äußert sich lieber nicht politisch. Das ist einfach zu gefährlich.

Die Kirche hat sich mit diesem Status quo arrangiert. So kann sie halbwegs gut leben. Es gibt Schwierigkeiten, aber es funktioniert.

DOMRADIO.DE: Wie werden Sie von Renovabis jetzt versuchen, den Leuten vor Ort zu helfen?

Schmähling: Unsere Förderung geht natürlich weiter wie bisher. Wir unterstützen sehr viele Sozialprojekte der Caritas - gerade jetzt in Corona-Zeiten. Da versuchen wir, den Ärmsten der Armen dort zu helfen.

Und wir unterstützen natürlich auch die Kirche beim Aufbau und Erhalt ihrer pastoralen Strukturen. Das ist das, was wir für das Land momentan machen können.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(DR)

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