Die Bischöfe halten sich raus

Polen vor der Stichwahl

Kein Hirtenbrief, kein Aufruf, wählen zu gehen: Polens katholische Bischöfe blieben vor der Präsidentenwahl am 28. Juni stumm. Jetzt, vor der Stichwahl, gab es zwar einen kurzen Aufruf. Doch die Devise schien zu lauten: Wir halten uns raus.

Autor/in:
Oliver Hinz
Kirche in Polen / © Supernak (dpa)
Kirche in Polen / © Supernak ( dpa )

Eigentlich hatte schon niemand mehr damit gerechnet. Am vergangenen Dienstag aber, wenige Tage vor der Stichwahl um das Präsidentenamt in Polen, meldeten sich die katholischen Bischöfe des Landes doch noch zu Wort. Kurz und knapp rief der Generalsekretär der Bischofskonferenz, Weihbischof Artur Mizinski, zur Stimmabgabe auf: "Das ist Ausdruck unserer Verantwortung und Reife bei der Gestaltung der demokratischen Gesellschaft in Polen."

Kirche "beteiligt sich nicht am Wahlkampf"

Bei der vergangenen Präsidentenwahl 2015 war das noch ganz anders gelaufen. Da hatte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Stanislaw Gadecki, noch ausführlich erklärt, wie sich die Kirche gegenüber Politikern zu verhalten habe. Sie müsse etwa jene, die sich öffentlich der Lehre der Kirche widersetzten, warnen, dass sie dann keine Kommunion mehr empfangen könnten. Nicht wählen zu gehen, sei für Katholiken eine "Sünde der Vernachlässigung, denn es ist eine Ablehnung der Verantwortung für das Schicksal des Vaterlandes".

Diesmal betonte der Pressesprecher der Bischofskonferenz, Pawel Rytel-Andrianik: "Die katholische Kirche beteiligt sich nicht am Wahlkampf und unterstützt keinen der Kandidaten für das Amt des Präsidenten der Republik Polen, weil es nicht ihre Rolle ist." Diese Klarstellung war Mitte Juni notwendig geworden, weil sich der parteilose Präsidentschaftskandidat Szymon Holownia (43) darüber beschwert hatte, dass ein Mitarbeiter der Bischofskonferenzabteilung für die polnischen Missionen im Ausland eine E-Mail aus dem Amt des Regierungschefs Mateusz Morawiecki an Missionare weitergeleitet hatte.

Das war insofern brisant, als die E-Mail klar und deutlich für die Wiederwahl des nationalkonservativen Andrzej Duda (48) zum Staatsoberhaupt warb. Rytel-Andrianik betonte, die Versendung der E-Mail sei weder mit dem Sekretariat der Bischofskonferenz noch mit den Bischöfen abgesprochen gewesen. "Das Zuschicken des Briefes bezüglich der Präsidentschaftswahl war unangebracht und hätte nicht erfolgen sollen", so der Sprecher.

Bischöfe diesmal zurückhaltend

Holownia, ein bekannter katholischer Journalist und Buchautor, ist ein Mann der Mitte und Hoffnungsträger vieler Polen. In der ersten Wahlrunde bekam er fast 14 Prozent der Stimmen und schied damit als Drittplatzierter aus. Der von Holownia kritisierte Versand des Wahlaufrufs belegt laut ihm die Notwendigkeit, die Kirche vom Staat zu trennen. Und er war nicht der einzige unter den elf Präsidentschaftskandidaten, der die Kirche mahnte, sich nicht in die Politik einzumischen.

Doch warum hält sich die Bischofskonferenz bei dieser Wahl so sehr zurück? Die Politologin Agnieszka Lada hat dafür eine Erklärung: "Die Bischöfe sind gespalten. Es gibt sehr konservative und sehr progressive Oberhirten." Gadecki gehöre zu den eher moderaten Konservativen und habe die Einheit der Kirche im Blick. Andere, vor allem konservative Bischöfe, seien bei politischen Fragen hingegen sehr engagiert. Die Progressiven wiederum pochten auf die Trennung von Staat und Kirche, sagte die Vizedirektorin des Deutschen Polen-Instituts der KNA.

Zuletzt sorgte der Priester Jerzy Rozmyslowski aus dem ostpolnischen Czermno für Aufsehen. Er behauptete, Dudas liberaler Gegenkandidat Rafal Trzaskowski (48) fördere Atheismus, verbreite Hass gegen den Papst, die Bischöfe und die Gläubigen und sei zudem ein Anhänger der "Zivilisation des Todes", befürworte also Abtreibung, Euthanasie und künstliche Befruchtung. "Ein Katholik, der sich bei der Wahl für das Böse entscheidet, stellt sich selber außerhalb der Kirche. Das ist nicht nur eine schwere Sünde, sondern ein praktischer Ausschluss aus der Gemeinschaft des Volkes Gottes", schrieb er im Mitteilungsblatt seiner Pfarrei.

Auch Trzaskowski ging bewusst auf konservative und patriotische Wähler zu

Trzaskowski ist freilich Katholik und kündigte unter anderem an, er werde als Präsident sein Veto gegen ein Gesetz einlegen, das gleichgeschlechtlichen Paaren die Adoption von Kindern erlauben würde. Unvergessen ist aber die massive Kritik der Bischöfe an einer sogenannten LGBT-Charta, die Trzaskowski im Februar 2019 als Warschauer Bürgermeister unterschrieb.

Die Charta sah die Schaffung einer Stelle eines LGBT-Verantwortlichen im Rathaus, ein eigenes Kulturzentrum und die Eröffnung einer Notaufnahmestelle für Homosexuelle vor. Zudem sollen Schulen in Warschau Sexualkundeunterricht gemäß den Normen der Weltgesundheitsorganisation von 2010 anbieten. Die Bischöfe protestierten in ihrer elf Punkte langen Erklärung, die LGBT-Charta sehe zwar die "Bekämpfung von Diskriminierungen vor, fördert jedoch die Diskriminierung anderer". Eltern könne so leicht ihr Einfluss auf die Erziehung ihrer Kinder genommen werden und ein "verderbliches Programm" entstehen.

Im Wahlkampf ging Trzaskowski allerdings bewusst auf konservative und patriotische Wähler zu. Auch eine Rentenerhöhung für Mütter versprach er. Umfragen sagen für Sonntag ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen ihm und Duda voraus. Lada geht davon aus, dass auch manche Bischöfe für Trzaskowski stimmen werden.


Quelle:
KNA